Viel hat sich nicht verändert im vereinten Deutschland, zumindest für die Menschen im Westen des Landes: Die machen weiter wie bisher.
Die Gewerkschaft ÖTV fordert für die Beschäftigten des Öffentlichen Dienstes, als sei alles beim alten, 9,5 Prozent mehr Lohn und Gehalt. Die Arbeitgeber bieten 3,5 Prozent und wollen hart bleiben. Es wird wohl gestreikt werden.
Der öffentlich Bedienstete Claus Grobecker soll künftig, als Präsident der Landeszentralbank in Bremen, rund 310 000 Mark im Jahr erhalten, das sind fast 50 Prozent mehr als bisher. Der Bundesrat hat bereits zugestimmt.
Was das eine mit dem anderen zu tun hat? Beides sagt viel aus über den Zustand des neuen Deutschland, eineinhalb Jahre nach der Vereinigung.
Claus Grobecker, 56, hat es in Bremen vom Buchdrucker zum Finanzsenator gebracht, und das nicht nur wegen hervorragender fachlicher Qualifikation: Der gestandene, leicht angefilzte Sozialdemokrat wird von Freund und Feind Grobi genannt, weil er so gut austeilen kann. In letzter Zeit allerdings mußte Grobi eine Menge einstecken.
Grobecker zeigte Einsicht und signalisierte Verzicht, fürs erste jedenfalls. Er will nun nicht, wie ursprünglich geplant, Chef der Landeszentralbank in Bremen werden, wenn es die im Sommer schon nicht mehr geben sollte. Das Gehalt wäre auch nach dem vorzeitigen Ende des Amtes, für das es bestimmt ist, weitergelaufen - acht Jahre lang. Danach hätte Grobecker bis zum Lebensende eine Pension in Höhe von etwa 200 000 Mark im Jahr erhalten.
Ein Skandal bleibt auch dann einer, wenn sich die Täter ertappt fühlen. Der Fall ist so absurd, daß er schon wieder typisch ist: für eine Anspruchsgesellschaft, in der jeder nimmt, was er bekommen kann.
Daß nicht alles beim alten bleiben kann in diesem Land, darin sind sich ja alle einig: die Gewerkschaften, die Arbeitgeber, wohl auch weite Teile der Bevölkerung. Nur für sich selbst, da sind sich wieder alle einig, soll sich nichts ändern.
Im alten Deutschland hatte jedes Land seine Landeszentralbank. Warum, weiß keiner so genau, es ging ums föderale Prinzip und um ein hochdotiertes Amt. Dessen würdevoller Inhaber hatte wenig zu tun, brachte aber etwas Glanz in die Provinz.
Viel Sinn machte der ganze Aufwand nie, die Banknoten hätte auch eine schmucklose Filiale der Bundesbank verteilen können. Aber alle hatten sich daran gewöhnt.
Mit der deutschen Einheit kamen fünf neue Länder hinzu, fünf neue Landeszentralbanken hätten zusätzlich eingerichtet werden müssen. Das schien dem Bundesfinanzminister Theo Waigel sowie dem damaligen Bundesbankpräsidenten Karl Otto Pöhl zuviel des Überflusses.
Waigel versucht deshalb, das unsinnige System neu zu ordnen. Künftig soll es nur noch neun Landeszentralbanken geben - und Bremen ginge leer aus.
Doch die Westländer beharren auf ihren Privilegien, sie wollen nichts abgeben, auch nicht etwas so Sinnloses wie eine Landeszentralbank. Das läßt Schlimmes ahnen für den bevorstehenden Verteilungskampf West gegen Ost.
Grobecker hat sich konsequent für seinen Stadtstaat eingesetzt - ohne Ansehen der Person und mit Hoffnung auf reichlich Schmerzensgeld. Nun wird es vielleicht doch nicht klappen, aber einen Versuch war die Sache wohl wert.
Es hätte ja auch gutgehen können, wie bei Hans-Jürgen Koebnick zum Beispiel. Der kann sein streßfreies Amt als Landeszentralbankchef in Saarbrücken inzwischen ganz in Ruhe genießen. Auf diesen einträglichen Posten hatte ihn Mitte vergangenen Jahres der saarländische Ministerpräsident Oskar Lafontaine (SPD) abgeschoben. Auch Koebnicks Arbeitsplatz wird, bei fortlaufenden Bezügen, wahrscheinlich bald wegrationalisiert.
Grobecker hat nicht soviel Glück gehabt. Wenn sich die Länder nicht doch noch durchsetzen, wird er seinen Lebensabend mit seinen Pensionen aus seiner Tätigkeit als Bonner Abgeordneter und als Bremer Finanzsenator fristen müssen.
Der Fall Grobecker ist so absurd, daß er typisch ist