UNTERNEHMER Es muß matschen
Im Drehbuch liest sich Szene 822 wie der Unfallbericht eines Polizeischülers: »Der Lkw schiebt die Wagen zusammen, die hintersten werden auf einen Bruchteil ihrer Länge reduziert.« Hermann Joha sagt es sinnlicher: »Es muß matschen.« Dafür wird der Fachmann für Spezialeffekte auch bezahlt.
Und Joha läßt es gerne matschen. »Das hier wird der mit Abstand spektakulärste Dreh«, ahnt der 37jährige Stuntkoordinator und stiefelt seine liebevoll komponierte Kolonne aus 17 Gebrauchtwagen entlang. Gleich wird hier ein klappriger Laster mit 80 Sachen reinkacheln und noch mehr kaputtmachen, als selbst Joha lieb ist.
Bei ihm rumpelt ein Wagen nicht einfach in die Leitplanke. Er muß sich dreimal überschlagen, durch die Luft fliegen und vom Gegenverkehr »regelrecht zerfetzt« werden. Joha schwärmt von dieser Nummer wie ein Pathologe von seiner schönsten Obduktion.
»Einen normalen Überschlag darf ich ja gar nicht mehr zeigen«, sagt er. Die Ansprüche von RTL sind gestiegen, seit das Autobahnpolizei-Epos »Alarm für Cobra 11« im vergangenen Jahr derart krachend einschlug: Über zehn Millionen Zuschauer machten den Pilotfilm zum »besten Serienstart in der Geschichte des Privatfernsehens« (RTL). Am 11. März startet die zweite Staffel, 16 weitere Folgen sind bereits in Arbeit.
Autobahnpolizei - das klang zunächst so spannend wie ein Reifenwechsel am Frankfurter Kreuz. Aber »Cobra 11« wurde nicht deshalb so erfolgreich, weil es den tristen Alltag einer unterbezahlten Streifenbesatzung dokumentiert, sondern weil Joha es hemmungsloser matschen ließ als je zuvor im deutschen Fernsehen.
Er redet gern vom Auto, »des Deutschen liebstem Kind«, und von den Gaffern, die bei einem Unfall am liebsten ihre Videokamera rausholen würden. Er kennt seine Zielgruppe aus Freizeitvoyeuren und GTIgestählten PS-Maniacs schon deshalb so gut, weil er sich selbst dazuzählt: »Das sind Leute, die abends müde nach Hause kommen, die Bierdose aufmachen und bei unseren Aktionen 'Boah, geil ey' sagen.«
Für sie jagt er Schulbusse in die Luft und Mantas in die Baumwipfel. Der PS-Profi verherrlicht keine Gewalt, er inszeniert Zerstörung. Drei Stunts sichert sich RTL bei ihm vertraglich pro Folge, die immerhin 1,5 Millionen Mark kostet. Ein Viertel davon läßt Joha dann in Flammen aufgehen. Bei seiner Düsseldorfer Firma »action concept« explodiert seit dem Erfolg nicht nur ein Haufen Schrott, sondern auch der Umsatz: Der Chef rechnet dieses Jahr großspurig mit 20 Millionen Mark.
»Was früher ein Beinahe-Zusammenstoß war, muß heute in einer richtigen Explosion enden«, sagt Michael Mohr. Sein Stuntteam Steinmeier/Mohr gehört zu jenem halben Dutzend deutscher Firmen, die sich seit »Cobra 11« kaum noch vor TV-Aufträgen retten können.
Beim großen Bums wollen alle dabeisein. Selbst BMW und Mercedes sponsern das »Cobra 11«-Spektakel gern, lassen sich aber zusichern, daß ihre Oberklasse-Limousinen »nur von den Guten« zerdeppert werden statt von irgendwelchen imageschädigenden Schlägern. Und aufgeschreckte Redakteure aller Sender mutierten über Nacht zu Schrotthändlern, die für ein bißchen Schall und Rauch jeden Anspruch an die Autoren fahrenließen.
Das Serienteam kolportiert gern, daß es bei der ersten Staffel gar keine richtigen Drehbücher gab. Nun hat man immerhin schlechte, die für Johas Arbeit aber so wichtig sind wie ein Krötenzaun an der Autobahn.
Manchmal seien das »ziemlich konstruierte Nummern«, sagt Mark Keller, einer der Hauptdarsteller, der an diesem Wintermorgen die typische Heldenrolle zu bewältigen hat: blöd schauen und aus dem Bild rennen, wenn der Laster kommt.
Aber er kommt noch nicht. Und Kameramann Matthias Tschiedel fühlt sich weiter »wie beim Pornofilm«. Da werde ja auch um die Action eine obskure Rahmenhandlung gestrickt. Klar, er würde »lieber Poetischeres drehen«. Aber ein Ende des Booms sei nicht in Sicht. Tschiedel macht ein Gesicht, als hätte er zehn Jahre lang psychologisierende Fernsehspiele gedreht und jobbe nun als Animateur auf der Reeperbahn.
Sein Straßenstrich ist ein 2,7 Kilometer langes Autobahnstück, das seit dem Mauerbau verwaist in einem Wäldchen hinterm alten Berliner Grenzübergang Dreilinden liegt - die ideale Kulisse für TV-Leute, die auf dem Highway die Hölle ausbrechen lassen wollen. Tschiedel trottet mißmutig los, um noch mal die zwölf Kameras zu prüfen, die den gleich einsetzenden Stoß-Verkehr aus jeder nur erdenklichen Position festhalten sollen.
In der Folge »Bremsversagen« geht's um die vietnamesische Zigarettenmafia. Der Kamikaze-Lkw hat mit der Geschichte nichts zu tun, aber einen hohen Boah-geiley-Faktor. Und wenn vor dem geplanten Inferno kurz der übermüdete Fahrer im Führerhaus gezeigt wird, dann ahnen »Cobra 11«-Kenner wenigstens, was auf sie zukommt - jedenfalls keine Verkehrserziehung wie »Der 7. Sinn«, bei dem Stuntman Joha vor 15 Jahren seine Karriere begann.
Der junge Schlaks aus dem Spessart hatte sich seine Schrott-Reife bei einer Londoner Hell-Driver-Gruppe erarbeitet und durfte es im Auftrag des WDR erstmals richtig matschen lassen. Die öffentlichrechtlichen Crash-Kurse waren seine »Einstiegsdroge«.
Aber er baute nicht nur Unfälle, sondern auch »eine Menge Scheiße«. Mit einer Motorsport-Show, die er nach der Wende durchs PS-arme Ostdeutschland rollen lassen wollte, verspekulierte er sich völlig. »Bis zum Jahr 2000« habe er an alten Schulden zu knapsen, sagt er.
Dank des Fernsehens wurde aus der Pech- eine Blechsträhne: Joha arbeitete für RTL-Serien wie »Die Wache« oder »SK-Babies«. Er peppte mit seinen Tricks etliche »Tatort«-Folgen und TV-Movies wie »Adrenalin« auf. Fürs Deutsche Sport-Fernsehen schuf er die selbstproduzierte Serie »Stuntteam«, für Laien eine eigene Schule in Düsseldorf. Dort bildet er den »dringend benötigten Nachwuchs« aus - so Joha. Dort mißbraucht er tiefergelegte Ruhrpott-Raser als künftige Krawall-Staffage - sagen Konkurrenten.
Ronnie Paul, Chef der Hamburger Stuntfirma Double Action, freut sich zwar, daß von Johas Ruhm die ganze Branche profitiert. Er ärgert sich aber auch, daß dessen Schüler die Preise verderben und die Sicherheitsstandards unterlaufen könnten.
Routinierte Profis halten für unter 1000 Mark pro Drehtag nicht Kopf und Körper hin. »Wenn ich höre, daß sogenannte Stuntkomparsen für 150 Mark am Tag arbeiten, wird mir übel«, murrt Paul. »Schlimm wird's, wenn die sich auch noch selbständig machen.«
Für seinen Kollegen Michael Mohr gibt es schon jetzt »zu viele, die einmal erfolgreich in der Nase bohrten und nun glauben, sie seien Stuntman«. Aber das regle die marktübliche Auslese: »Diese Typen lassen sich für ein paar Mark 'ne Treppe runterfallen, brechen sich zweimal den Arm und sind raus aus dem Geschäft.«
Die Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG) zählte 1990 14 Unfälle in der Gruppe »Sportartist/Stuntman«. Fünf Jahre später waren es schon 49. Bei der VBG versichert sich ohnehin nur ein Bruchteil der selbsternannten Überlebenskämpfer. Im Jahr 1995 waren sieben Firmen und rund 100 Gefahrenspezialisten registriert. Den Neulingen sind die Beiträge meist zu hoch.
Plötzlich scheppert es furchtbar. Der Laster hat sein Ziel erreicht. Drei Sekunden kreischendes Blech und splitterndes Glas, dann ist alles vorbei. »Scheiße«, raunt die Dosenbier-Fraktion des Teams anerkennend. Joha rennt über die Fahrbahn. Der Pilot ist wohlauf, aber der Lkw hat mehr Autos unter sich begraben als geplant. Joha taumelt auf den Trümmerbergen herum. Sein Verstand sagt ihm, daß das ein bißchen zu doll ausfiel. Sein Gefühl bleibt stunt-haft: »War doch gut, oder?«
»Joha ist ein großes Kind«, lächelt Regisseur Pete Ariel milde. Aber Kinder haben nun mal die größten Träume. Und Johas Traum war immer Hollywood. Nicht das Hollywood von Meryl Streep oder Glenn Close, sondern das von Bruce Willis, Arnold Schwarzenegger und Sylvester Stallone.
Zigmal hat er sich zu Hause Filme angeschaut wie »True Lies« oder »Stirb langsam« und jeden Spezialeffekt seziert. Er besuchte Dreharbeiten in Los Angeles und kaufte sich immer neue technische Spielzeuge, um Hollywood irgendwann im Alleingang kopieren zu können.
All den Anspruchsverwesern und Finanzverwaltern hat er doch längst bewiesen, daß er mehr kann, als den Mann fürs Grobe zu mimen. Joha nervte so lange, bis RTL-Chef Helmut Thoma ihm im vergangenen Jahr vier Millionen Mark für seinen ersten TV-Spielfilm spendierte.
Um was es in seinem Regiedebüt »Der Clown« ging, war schon nach wenigen Wochen vergessen. Aber an Quote (knapp neun Millionen) und Boah-geil-ey-Effekte erinnern sich nicht nur die RTL-Oberen gern. »Bildschirmsprengend«, lobte sogar die süddeutsche zeitung.
Johas Ziel ist das große Kino. Breitreifen im Breitwandformat. Er ahnt, daß er dazu mal ein gutes Drehbuch brauchen wird. »Sonst kriegst du einen Star wie den Götz George ja nicht«, brummelt er. Aber wenn ein Produzent ihm 10 bis 15 Millionen Mark gäbe - er würde alles in Schutt und Asche legen, daß selbst Schwarzenegger Tränen in den Augen stünden.
Wer sonst sollte so was können, wenn nicht er? Ein Regieakademiker wie Dominik Graf vielleicht, der sich mit Filmen wie »Die Sieger« an Krawall made in Germany probierte? Joha winkt grinsend ab: »Für richtige Action ist der einfach nicht blöd genug.«