MANAGER Es regiert das Chaos
Jack Smith, Chef des US-Konzerns General Motors, hatte eigens einen Vertrauten nach Rüsselsheim geschickt, um kritische Aufsichtsräte auf seinen Kandidaten einzuschwören. Smith wollte Peter Hanenberger als neuen Spitzenmann bei Opel, und da sollte es keine Pannen geben.
Widerstand gegen Hanenberger, signalisierte GM-Manager Louis Hughes, sei zwecklos. »Hanenberger wird sowieso gewählt«, bedeutete Hughes dem Opel-Aufsichtsrat und Vorsitzenden des Gesamtbetriebsrats Rudolf Müller, »besser du machst es gleich mit.«
Für die Amerikaner war der Chefwechsel bei Opel beschlossene Sache. Auf Organisationsplänen hatte sie den bisherigen Opel-Vorsitzenden Gary Cowger bereits als Verantwortlichen für »Labor Relations« in Detroit und Hanenberger als dessen Nachfolger in Rüsselsheim eingetragen.
Doch Jack Smith irrte, wie so häufig in letzter Zeit. Er lag bei der Beurteilung der Machtverhältnisse in seiner wichtigsten Auslandstochter voll daneben. Der Widerstand gegen Hanenberger, den Aufsichtsräte und Opel-Manager für Qualitätsprobleme und eine verfehlte Modellpolitik verantwortlich machen, erschütterte das gesamte Unternehmen. Aus Protest gegen die Personalpolitik der Amerikaner legte der Aufsichtsratsvorsitzende Hans Wilhelm Gäb vergangene Woche sein Amt nieder. Bei den 40 000 Opel-Beschäftigten, berichtete die Nachrichtenagentur dpa, machte sich nach Gäbs Rücktritt »blankes Entsetzen breit«.
Der Abgang des Aufsichtsratsvorsitzenden, der 17 Jahre lang in führenden Positionen, unter anderem als Vizepräsident in der Europa-Zentrale, gearbeitet hatte, war peinlich für die Manager in Detroit. Er zwang Smith schließlich zum Rückzug.
Am Donnerstag vergangener Woche präsentierte GM-Europachef Mike Burns einigen Aufsichtsräten einen Kompromiß-Kandidaten. Vorstandsvorsitzender soll nicht Hanenberger, sondern ein Mann aus Trollhättan werden: Robert Hendry, bislang Chef der schwedischen GM-Tochter Saab.
Das Personalhickhack ist typisch für General Motors. Erst im Juni dieses Jahres hatte die US-Zentrale gegen viele Widerstände durchgesetzt, daß Opel-Chef David Herman durch Gary Cowger ersetzt wurde. Knapp vier Monate später will sie Cowger durch Hanenberger ersetzen. Und nun soll es plötzlich der Saab-Vorsitzende Hendry sein.
Im GM-Konzern, der in den USA und in Deutschland dramatisch Marktanteile einbüßt und durch ungeschicktes Taktieren bei einem knapp achtwöchigen Streik fast drei Milliarden Dollar verlor, regiert das Chaos. Es hat auch einen Namen: Jack Smith.
Der Chef des größten Konzerns der Welt hat mal wieder eine neue Führungsstruktur eingeführt. Das gesamte Automobilgeschäft, bislang strikt getrennt in die Bereiche Nordamerika und den Rest der Welt, wird jetzt unter der Führung von Detroit zusammengelegt. Die wenige Jahre zuvor aufgebauten Organisationen General Motors International und die Zürcher Europa-Zentrale werden aufgelöst oder entmachtet.
Seit Jahren sind ganze Heerscharen von Managern bei GM vor allem damit beschäftigt, sich um ihre künftigen Jobs zu kümmern. Die Entwicklung neuer Modelle gerät zur Nebensache - mit fatalen Folgen: In den USA verlor General Motors immer mehr Kunden an die Konkurrenten Ford und Chrysler. In Europa ist die Lage ebenfalls nicht rosig.
Opel-Modelle, die früher den Ruf hatten, besonders langlebig zu sein, haben den Anschluß vor allem an den Erzrivalen VW verloren. Während die Wolfsburger mit erhöhter Qualität werben, müssen die Rüsselsheimer die schlimmsten Pannen mit Rückrufaktionen beheben.
Hauptverantwortlich dafür ist die Personalpolitik von GM-Chef Smith. Der besetzte die wichtigsten Positionen mit Finanzexperten. Marketingexperten und Techniker waren nicht gefragt. Sie standen im Ruf, nur die Kosten in die Höhe zu treiben.
Hanenberger war in dieser Hinsicht eine Ausnahme. Als Chef des mit knapp 8000 Beschäftigten größten Entwicklungszentrums des Konzerns zählte er zu den wenigen Technikern auf einer Spitzenposition. Doch im Gegensatz zu den Entwicklungschefs anderer Automobilhersteller trat Hanenberger nicht für fortschrittliche Technik und zusätzliche Modelle ein, sondern setzte meistens die billigste Variante durch.
Bei VW läuft schon der Kleinwagen Lupo mit einer vollverzinkten Karosserie. Hanenberger wollte diese Technologie noch nicht einmal beim Mittelklasse-Modell Omega einsetzen. Um sich bei seinen Konzernchefs in Detroit beliebt zu machen, ließ er in Deutschland bereits fest eingeplante Mittel für die Vorausentwicklung, die Zukunftstechnologien erforschen soll, an GM zurücküberweisen.
Mit solchen Entscheidungen demotivierte Hanenberger das Team in der Entwicklungsabteilung. In keinem Vorstandsressort nehmen so viele Mitarbeiter die Möglichkeit der Frühpensionierung wahr. Rund 80 Prozent der Manager im entsprechenden Alter verlassen Hanenbergers Bereich, sobald sie können.
So gerieten viele Aufsichtsräte in Rage, als sie hörten, daß ausgerechnet Hanenberger Opel-Vorsitzender werden sollte. Der Mann, schrieben drei Arbeitnehmervertreter an Konzernchef Smith, sei als langjähriger Chef des Entwicklungszentrums verantwortlich für die sinkende Qualität, für den Rückstand in der technischen Entwicklung und die geringe Motivation des Opel-Managements.
Es ist bezeichnend für die Lage bei GM, daß Betriebsräte und Gewerkschafter sich schon um Managementaufgaben bei Opel kümmern müssen. Sie setzten beispielsweise durch, daß ein eigenes Vorstandsressort für Qualität eingerichtet wurde, um die vielen Mängel in den Griff zu bekommen.
Aufsichtsratschef Gäb schlug ebenfalls häufig Alarm. Er warnte seine Vorgesetzten in Detroit davor, daß Opel den Anschluß an die deutschen Wettbewerber verliere und künftig gegen die viel billigeren japanischen und koreanischen Fahrzeuge konkurrieren müsse. Auch vor Hanenberger hatte Gäb die Konzernzentrale frühzeitig gewarnt. Dessen Beförderung könnte zu einem Machtkampf in Vorstand und Aufsichtsrat führen.
Smith, der die Verhältnisse auf dem europäischen Automarkt offenbar nie begriffen hatte, reagierte in gewohnter Weise: Er wollte die Personalie mit harter Hand durchsetzen. Als Vollstrecker wählte er Europa-Chef Mike Burns aus.
Der ging dann auch ganz im Sinne des obersten Bosses in Rambo-Manier vor. Ohne den kritischen Aufsichtsratsvorsitzenden zu informieren, verhandelte er mit mehreren Kontrolleuren über die Neubesetzung der Opel-Spitze.
So spitzte sich der Konflikt zu. Die Aufsichtsräte blieben bei ihrem Nein zu Hanenberger, und der von Burns hintergangene Aufsichtsratsvorsitzende Gäb sah nur noch eine Konsequenz, den Rücktritt.
Der dürfte für die GM-Spitze nicht ohne Folgen bleiben. Selbst in den USA sorgt der Abgang des »in der deutschen Wirtschaft und Politik hochangesehenen Gäb« ("Detroit News") für Aufsehen. Konzernchef Smith gerät weiter unter Druck.
Die Aktionäre des US-Konzerns sind seit langem unzufrieden mit Smith. Der Kurs der GM-Aktie steht jetzt noch auf dem Niveau des Jahresanfangs. Die Papiere der Konkurrenten Ford und Chrysler stiegen dagegen um mehr als 40 Prozent.
Seit dem Streik im vergangenen Sommer regiert Smith nur noch auf Abruf. Mehrere Aufsichtsräte wollten ihn sofort ablösen. Doch Verwaltungsratschef John Smale hielt noch zu ihm.
Smale hatte keine Wahl. Es geht mittlerweile auch um seinen Job. Smale hatte den Smith-Kurs noch verstärkt. Der ehemalige Procter-&-Gamble-Chef glaubte, daß man Autos wie Zahnpasta und Shampoo vermarkten kann.
Smale setzte für Smith nach dem teuren Streik noch eine Galgenfrist von einem halben Jahr durch. Die Kontrolleure erwarten innerhalb dieser Zeit deutliche Anzeichen für einen Aufwärtstrend - und endlich einmal positive Schlagzeilen in der Presse.
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VW, Opel und Ford: Marktanteile an Pkw-Neuzulassungen
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