Es war einmal - DER SPIEGEL
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Manager Es war einmal

• aus DER SPIEGEL 34/1994
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Märchen haben es gegenwärtig leicht. In düsteren Zeiten, in denen die meisten Geschichten aus dem Wirtschaftsleben von Entlassungen und Konkursen handeln, wächst die Sehnsucht nach dem Guten, dem Schönen, und nach dem leichten Weg.

So fand auch jene Geschichte schnell Verbreitung, die von einem bedrohten Möbelhersteller und seinem tapferen Retter handelt. Wahr muß sie ja nicht auch noch sein.

Die Möbelfirma Flötotto wurde von der Konkurrenz arg bedrängt. Keiner wußte einen Ausweg, bis ein Mann aus dem Baskenland den Weg nach Gütersloh fand. Jose Ignacio Lopez, im Hauptberuf Retter des VW-Konzerns, erklärte den Möbelbauern, wie sie Tische und Stühle sehr viel schneller montieren können. So geht die Sage.

»Die Zusammenarbeit mit Lopez hat uns unglaublich Auftrieb gegeben«, erzählte Firmeninhaber Reinhard Flötotto dem Handelsblatt. Um 30 bis 40 Prozent wurden die Kosten gesenkt. Niemand muß entlassen werden. Lopez sei Dank.

Es läßt sich erahnen, wie die Geschichte weitergeht. Bald könnte die Kunde verbreitet werden, daß Lopez auch ein Stahlwerk und eine Werft vor dem Untergang bewahrt hat, und wenn er nicht gestorben ist, dann rettet er irgendwann die gesamte deutsche Industrie.

Die schnöde Realität sieht, jedenfalls bei Flötotto, ein wenig anders aus. Sechs Experten des Kaizen-Instituts haben ein Jahr lang japanische Produktionsmethoden bei Flötotto eingeführt. Die Unternehmensberatung mit Niederlassungen in Japan, den USA und Europa ist spezialisiert auf solche Aufgaben.

In der Möbelfabrik haben die Kaizen-Berater zusammen mit den Mitarbeitern die Produktivität um 30 Prozent erhöht. Lopez haben sie nur einmal gesehen: bei einem Vortrag vor Flötotto-Managern.

Peter Teufel, Leiter der deutschen Kaizen-Filiale, empfand es als »ziemliche Frechheit«, als er las: »Lopez möbelt Flötotto auf.« Er konnte auch nicht verstehen, wie es dazu kam: »Das hat der Lopez doch gar nicht nötig.«

Der VW-Vorstand ist zwar nicht gerade uneitel. Ihm wurde auch schon von einem Gericht bescheinigt, daß er Probleme im Umgang mit der Wahrheit hat. Aber an der Verbreitung der Flötotto-Sage war er in der Tat nicht beteiligt.

Firmeninhaber Reinhard Flötotto weiß offenbar nicht nur, wie sich Möbel verkaufen lassen. Der Produktivitätsfortschritt in der Tischbeinfertigung ist keine Schlagzeile wert, eine neue Heldentat des Ignacio Lopez aber allemal.

Natürlich will Flötotto nun nicht als Märchenonkel verspottet werden. Vielleicht, so sagt er, haben einige den Artikel im Handelsblatt nur falsch verstanden.

Zuerst seien die Kaizen-Berater im Werk gewesen. Anschließend sei Lopez gekommen, der dieses Projekt »als Mentor« betreut habe. Der Baske habe auch eine Arbeitsgruppe eingerichtet, in der seine Tochter Maite als Designerin tätig ist. Und dieses Team hat wohl wirklich ein neues Möbelsystem entwickelt, in einem dreiviertel Jahr und nicht in drei Jahren, wie sonst üblich.

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