»Es wird verheerend« - DER SPIEGEL
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MODE »Es wird verheerend«

Wolfgang Joop, 64, über die Escada-Pleite, die Krise der Luxusindustrie und die Zukunft seiner eigenen Marke Wunderkind
• aus DER SPIEGEL 35/2009
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Herr Joop, der deutsche Modekonzern Escada ist gerade das jüngste Opfer der Wirtschaftskrise geworden. Bedauern Sie die Pleite?

Joop: Sehr. Escada war mal eine der größten Marken der Welt. Jeder kannte sie. Die Gründerin Margaretha Ley war eine Pionierin. Aber um so eine Marke zu retten, brauchte man einen völlig neuen, provokanten Ansatz.

SPIEGEL: Wäre die Rettung was für Sie?

Joop: Escada wäre sicherlich ein interessantes Projekt. Es ist ja schon fast tragikomisch, dass ausgerechnet eine Marke, die alles immer so richtig und perfekt machen wollte, am Ende scheiterte. Aber nachdem Prada und Helmut Lang uns fast zu Tode gelangweilt haben mit ihrem intellektuellen Minimalismus, hat man doch auch wieder Lust auf Farben, die achtziger Jahre, Chic. Da sähe ich eine echte Chance für Escada.

SPIEGEL: Konkrete Einstiegspläne?

Joop: Nein, ich habe ja genug zu tun. Aber reizvoll wäre es wirklich.

SPIEGEL: Der Niedergang der Goldknopf-Legende Escada war doch fast exemplarisch: Erst starb die Gründerin, es folgten Jahre des Missmanagements, zuletzt wechselten die Investoren fast schneller als die Kollektionen.

Joop: Und dieses Muster ist leider in viel zu vielen Häusern zu beobachten. Dutzende von Modemarken werden von der einen schmutzigen Hand in die andere geschoben. Und alle verlieren dabei immer mehr Glaubwürdigkeit.

SPIEGEL: Was ist von deutscher Mode noch übrig geblieben?

Joop: Technologie. Schneidereien. Logistik. Präzision. Man sollte das nicht unterschätzen. Andererseits schwamm die Branche bei der Berliner Fashion Week kürzlich im Champagner von einer After-Show-Party zur nächsten. Das Einzige, was weitgehend fehlte, war - Mode.

SPIEGEL: Die Branche leidet weltweit. Christian Lacroix ist schon pleite, Cavalli, Versace, Ferré spüren die Krise. Wie ist es um den Patienten Luxusindustrie generell bestellt?

Joop: Sehr schlecht. Er hat in den vergangenen Jahren über seine Verhältnisse gelebt und betrieb gigantischen Aufwand, angestachelt von unendlicher Eitelkeit statt Qualität oder gar Können. Trotzdem entstanden immer mehr Marken, Labels, Modefirmen. Wenn Sex überall ist, gibt es keinen mehr. Wenn Mode überall ist, gibt es keine mehr. Da sind wir heute. Ein guter Auftritt ist wichtig, ein guter Abgang aber auch.

SPIEGEL: Wie schlimm wird es für die Branche noch kommen?

Joop: Es wird verheerend. Und ich rechne noch mit etlichen Pleiten in nächster Zeit, auch wenn die Marken ihren Wert oft ja selbst dann nicht verlieren. Manche müssen sogar erst einmal richtig tot sein, damit man sie dann neu erfinden kann.

SPIEGEL: Wie haben Sie selbst all die Banker, Investoren, Analysten und Fondsmanager erlebt, die sich der Modeindustrie mittlerweile bemächtigt haben?

Joop: Diese Leute spuckten immer große Töne, wollten vorab Geld sehen, betrieben ein Namedropping, dass ich mir die Stirn abwischen musste - und dann verschwanden sie meist schnell, denn plötzlich kam ja die große, alles verschlingende Krise.

SPIEGEL: Nachdem Sie selbst Ende der neunziger Jahre Ihre Joop!-Anteile verkauft hatten, gründeten Sie die kleine Firma Wunderkind. Deren aktuelle Kollektion heißt »Power and Poverty«. Es geht also auch um die »Kraft« der »Armut«. Muss das nicht zynisch wirken auf Leute, die aktuell eher Jobangst umtreibt als die Frage, wie sie sich Ihre 2000-Euro-Roben leisten sollen?

Joop: Die Inspiration eines Kunstwerks, der Gedanke dazu ist frei - auch frei von Budget-Vorstellungen. Aber dann komme ich mit einem Entwurf aus meinem kleinen Dachatelier, und das Geschäft beginnt - mit all seinen Sachzwängen und Nebenkosten. Wahre Kreativität entsteht immer aus dem Mangel. Das meine ich mit dem Titel. Wer glücklich und satt ist, muss das Sofa nicht verlassen. Der Mensch mit dem kleinen Geldbeutel muss dagegen sehr erfinderisch sein. So habe ich auch mal gelernt zu arbeiten und zu leben. Und so muss ich auch jetzt sehen, dass Wunderkind schlank überlebt.

SPIEGEL: Sie haben doch das millionenschwere Kunstsammlerehepaar Gisela und Hans-Joachim Sander als Teilhaber von Wunderkind.

Joop: Das hat uns sehr geholfen und wird auch weiter helfen. Gerade in Krisenzeiten muss man zusammenhalten. Aber auch ich habe sehr viel investiert und dafür auch etwas geopfert, was mir am Herzen lag.

SPIEGEL: Sie verkauften angeblich etliche Originale der Malerin Tamara de Lempicka und gehen mit Wunderkind voll ins Risiko.

Joop: Ich bin gerade alles in einem: Geschäftsführer, Finanzier, Organisator, Kreativer.

SPIEGEL: Das könnte zur Schizophrenie führen, wenn der Künstler Joop etwas entwirft, was der Geschäftsführer Joop wirtschaftlich für unvernünftig hält.

Joop: Genau. Das kenne ich aber von früher, als ich quasi der Staatsfeind Nummer eins im eigenen Unternehmen wurde. Man gilt schnell als launisch und bösartig. Aber wer soll es denn richten, wenn nicht ich?

SPIEGEL: Die aktuelle Krise empfinden Sie als Chance?

Joop: Ja, natürlich.

SPIEGEL: Für was?

Joop: Für die Hoffnung auf eine gewisse Gesundung. Meine Kundinnen sagen, dass die Wunderkind-Sachen sie einfach glücklich machen. Wenn man nur sieht, wie sich weltweit das Handtaschengeschäft entwickelt hat. Mal wurden die Dinger aufgeblasen wie ein Saumagen, dann wieder hatten sie 45 Metastasen. Und die Frauen mussten aufpassen, dass sie ihre »It-Bags« nur ja nicht fünf Minuten zu lange trugen, weil sie dann plötzlich out waren. Mode muss auch schön sein, dauerhaft, nachhaltig, praktisch. Sie muss die Menschen verändern in den Stunden, wenn sie die Mode tragen. Gute Mode ist auch eine Therapie.

SPIEGEL: Warum haben Sie sich das alles eigentlich noch mal aufgehalst mit Wunderkind?

Joop: Weil ich jeden Tag dafür gern aufstehe. Und 2008 hatten wir immerhin ein Umsatzplus von 100 Prozent ...

SPIEGEL: ... auf wie viel Euro?

Joop: Es geht darum, sich zu entwickeln, wirtschaftlich wie auch kreativ. Die Konzentration auf das Produktdesign treibt mich an, aber nur der wirtschaftliche Erfolg macht eine Marke auch sexy. Das ist kein Prozess von heute auf morgen.

SPIEGEL: Wunderkind macht angeblich nur sechs Millionen Euro Umsatz.

Joop: Derartige Zahlen sagen nichts aus. Wir entwickeln uns prächtig, und das ist, was langfristig wichtig ist, ein starkes Potential, auch über die Krise hinaus. In Paris wird mir heute als Couturier die Ehre zuteil, die ich früher nie bekam. Zurzeit arbeite ich an der nächsten Schau für Paris im Oktober. Die Stadt ist kein Paradies, sondern ein Schlachthaus. Es ist eine unglaublich harte, aber auch schöne Arbeit ...

SPIEGEL: ... und teuer. Was kostet so eine Schau?

Joop: 500 000 Euro sind da schnell weg. Aber man kann auch weniger nach mehr aussehen lassen. Ich kann ja durchaus sparen. Es geht darum, schlank zu überleben.

SPIEGEL: Haben Sie Angst, dass die Krise auch Wunderkind voll erwischen könnte.

Joop: Natürlich. Die Angst vor einer Pleite schwingt immer mit in Zeiten wie diesen. Wunderkind soll ja nicht meine Kaktusblüte werden, also der kurze Augenblick zauberhafter Schönheit, der letztlich den Stamm zerstört. Insofern muss ich aufpassen, dass ich mich nicht von meinem eigenen Experiment wegtragen lasse. Außer meinem kleinen Potsdamer Kosmos interessiert mich allerdings zurzeit nicht viel.

SPIEGEL: Trotzdem haben Sie vor einigen Monaten angekündigt, Sie wollten die ebenfalls insolvente Wäschefirma Schiesser übernehmen.

Joop: Das ist anhängig. Schiesser ist so wunderbar deutsch. Ich sehe das fast als patriotische Pflicht. Sobald mein Name allerdings im Frühjahr gefallen war, wollten plötzlich alle möglichen Leute bei Schiesser einsteigen. Das macht es nicht leichter.

SPIEGEL: Woher nähmen Sie das Geld?

Joop: Hier arbeite ich mit finanzstarken Partnern zusammen.

SPIEGEL: Joop als Strohmann?

Joop: Niemals! Ich wäre bei Schiesser nicht das Gesicht, sondern der Kopf. Aber der Insolvenzverwalter hat nun vor allem das Interesse, möglichst viel Geld zu bekommen. Aus seiner Sicht verständlich, auch wenn das dazu führen kann, dass bei Schiesser am Ende jemand das Sagen hat, der überhaupt keine Ahnung vom Geschäft hat.

SPIEGEL: Wie hoch sind Ihre Chancen noch?

Joop: Ich warte ab, zumal ich noch viele andere Anfragen habe für Projekte. Dauernd landen bei mir Bittbriefe notleidender Unternehmer. Ich sehe mich schon als preußische Jeanne d'Arc enden, mit Rüstung und Lanze durch die Ruinen der hiesigen Wirtschaft reitend. INTERVIEW: THOMAS TUMA

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