Oakland: "Wall Street is War Street"
Eskalation der Occupy-Proteste Make love and war
Basisdemokratie kann ziemlich anstrengend sein, und "Sweet Potato" ist schon deutlich genervt. Vor dem Rathaus von Oakland, auf der Frank-Ogawa-Plaza, wo die Occupy-Oakland-Bewegung vor gut drei Wochen ihre Zelte aufgeschlagen hat, haben sich am Donnerstagnachmittag rund hundert Occupy-Mitglieder und Anwohner zur Generalaussprache versammelt.
"Sweet Potato" ist ein Hüne mit dichten roten Haaren, die eine Schiebermütze kaum bändigen kann, er trägt Ohrstecker beidseitig, will seinen richtigen Namen nicht nennen und gibt sich alle Mühe, die Versammlung zu moderieren. Es geht um die Ausschreitungen in der Nacht zum Donnerstag, als ein überwiegend friedlicher Protesttag plötzlich umschlug in brennende Barrikaden, eingeworfene Schaufensterscheiben und eine Straßenschlacht mit der Polizei. Jetzt ist die Frage, welche Haltung die Occupy-Leute zu der Randale einnehmen sollen.
"Mit Vandalismus haben wir nichts zu tun", ruft "Sweet Potato" in die Runde. Backpacker, Studenten, Rentner, Obdachlose und Anwohner klatschen zustimmend. Jemand hat einen Verstärker aufgebaut und ein Mikrofon, jeder, der will, darf etwas sagen. Es ist ein ziemliches Durcheinander, doch die Kernfrage ist: Soll sich Occupy für die Zerstörungen entschuldigen? Oder sie bedauern? Oder sich nur distanzieren?
Am Ende verliest "Sweet Potato" einen Vorschlag für eine Stellungnahme, die sich von Gewalt distanziert und den betroffenen Anwohnern Hilfe anbietet. Per Handzeichen votieren mehr als 95 Prozent der Anwesenden dafür.
Debatte über die eigenen Ziele und Methoden
Die Occupy-Bewegung, entstanden aus der Wut über soziale Ungleichheit und die unkontrollierbare Macht der Finanzmärkte, unter der vor allem die Mittelschicht und die ärmere Bevölkerung zu leiden haben, ist an einem Wendepunkt angekommen. Nicht nur droht das kühlere Wetter die Reihen der Protestierenden auszudünnen; die Ausschreitungen in Oakland zwingen der Bewegung auch eine Debatte auf - über die eigenen Ziele und vor allem die Methoden auf dem Weg dahin.
Occupy Oakland hatte für Mittwoch einen "Generalstreik" ausgerufen, rund 7000 Menschen besetzten den Hafen und legten den Betrieb vorübergehend lahm. Ähnelte der Marsch noch einem fröhlichen Klassenausflug, begann eine kleine Gruppe von Randalierern kurz nach 23 Uhr, Schaufenster einzuwerfen, Wände von Banken und Geschäften mit Graffiti zu besprühen und Feuer zu legen.
Einige besetzten ein leerstehendes Gebäude an der Ecke Broadway und 16th Street, hängten Plakate aus den Fenstern ("Wall Street is War Street", "Kill Cops") und errichteten an den Straßenenden Barrikaden. Nach Polizeiangaben waren die Randalierer vermummt und unter anderem mit Metallstangen bewaffnet. Viele Geschäfte wurden beschädigt, ebenso eine Polizeistation. Kurz vor Mitternacht griff die Polizei ein, Hunderte Beamte aus der Region waren im Einsatz, Tränengas wurde abgefeuert.
Die Polizei in Oakland ist kaum für Zimperlichkeit bekannt; immer wieder - auch vor Occupy - gab es Proteste und Klagen gegen brutale Übergriffe. Doch ausgerechnet in dieser Nacht hatte die Staatsmacht offenbar abgewartet und Distanz zum Protestmarsch Richtung Hafen gehalten. Als jedoch die Flammen loderten, sagt Sergeant Chris Bolton, "mussten wir eingreifen. Wir reagierten damit lediglich auf die Situation". Mindestens ein Demonstrant wurde verletzt, rund 40 festgenommen.
Das Ergebnis ist nun rund um die Frank-Ogawa-Plaza zu besichtigen: Graffiti an zahllosen Häusern ("Violence is love", "Occupy everything"), verschraubte Spanplatten vor leeren Fensterhöhlen, verkohlte Müllcontainer. Das in der Nacht besetzte Gebäude ist verrammelt.
Es ist die Stunde der Männer mit den Wischmops, der Glaser und der Fernsehteams, deren Übertragungswagen die kleine Zeltstadt vor dem Rathaus regelrecht belagern. "Die ganze Welt spricht jetzt über uns", ruft Dwight, der ein Kapuzenshirt mit einem ziemlich großen Mittelfinger trägt.
In den Geschäften rund um die Ogawa-Plaza ist die Stimmung verhaltener. Oakland, die nicht so hübsche Schwester San Franciscos, ist nicht gerade eine reiche Stadt, die meisten Ladenbesitzer kämpfen auch ohne Straßenschlachten ums Überleben. Trotzdem haben viele die Occupy-Bewegung unterstützt, Gratis-Kaffee ausgeschenkt oder Essen gespendet. Die turbulente Nacht lässt nicht wenige ihre Haltung überdenken. "Die Ziele der Bewegung finde ich nach wie vor richtig", sagt Mark Amari, Geschäftsführer des Plaza-Cafés. "Aber welche Bank ändert ihre Strategie, wenn mein Laden zerstört wird?"
Die Unterstützung der Bevölkerung zu verlieren, wäre für die Occupy-Bewegung ein strategischer Alptraum. "Wir sind die 99 Prozent" ist einer ihrer Schlachtrufe - in Abgrenzung zum reichsten Prozent der amerikanischen Bevölkerung. Tatsächlich sind die Occupy-Anhänger bunt gemischt. An den Märschen und Solidaritätskundgebungen im ganzen Land beteiligen sich regelmäßig klassische Protestler ebenso wie einfache Angestellte, Rechtsanwälte, Lehrer und Fabrikarbeiter. "Sicher ist auch die übliche Dagegen-Fraktion vertreten", sagt "Sweet Potato", "aber das hier ist anders: Es geht darum, was die Mittelschicht noch ausmacht, nachdem sie jahrelang verloren hat."
"Es geht darum, ob jemand zu Occupy gehört oder ein Idiot ist"
In den gut 200 Zelten vor dem Rathaus von Oakland campieren Idealisten und Anarchisten, Arbeits- und Obdachlose, Pensionäre und Pazifisten. Über dem Eingang zum Platz schaukeln tibetische Gebetsfähnchen, auf der Treppe zum Rathaus liegen Isomatten und Schlafsäcke verstreut. Viele Hunde, viele Rastas, viele Selbstgedrehte, es riecht nach Hasch.
Die Stadt hat Klohäuschen aufgestellt, Freiwillige verteilen Kaffee und Essen (heute: Kartoffelbrei, Gemüse und Muffins), sogar eine mobile Spüle ist da. Regelmäßig werden "Generalversammlungen" abgehalten, nicht weniger als 21 Ausschüsse kümmern sich um alles vom Essen bis hin zu den "Teach Ins", etwa über die Machenschaften der Rüstungskonzerne oder das Wohnungsproblem. Es gibt eine Bibliothek, ein Extra-Zelt für Kinder, eine eigene Security.
Diese Mischung aus Jugendfreizeit, hehren Zielen und entspannter Hippie-Haltung hat der Occupy-Bewegung in den vergangenen Wochen eine Menge Sympathien eingebracht. Obwohl Barack Obama sie bislang nicht erwähnt hat, gilt sie gerade vielen Liberalen als längst fälliges, gutes Gegengewicht zur rechtslastigen Tea Party.
In bürgerlichen Kreisen ist es dieser Tage nicht unüblich, mit dem Lexus bei den Zelten in Oakland oder San Francisco vorbeizufahren und etwas Geld oder selbstgebackenen Kuchen dazulassen. Derlei breite Akzeptanz könnte nun bedroht sein, das weiß "Sweet Potato". Occupy muss das Momentum halten, das die Bewegung starkgemacht hat. Die Masse der Bevölkerung, die die Kritik inhaltlich teilt, aber kein Verständnis für Vandalismus hat, darf nicht verschreckt werden. Mit Blick auf die Randalierer sagt er: "Es geht nicht darum, ob jemand liberal ist oder Anarchist, sondern ob er zu Occupy gehört oder ein Idiot ist."