AUTO-INDUSTRIE Etwas mehr nach Detroit
Die amerikanische Autoindustrie verändert sich von Grund auf«, erkannte James McLernon, Präsident der VW-Tochter Volkswagen of America, und zukunftssicher erklärte der Automanager: »Wir befinden uns in einer günstigen Ausgangsposition, von diesem Umschichtungsprozeß zu profitieren.«
Das war vor zwei Jahren. Amerikas Benzinpreise hatten sich auf den Höhenweg gemacht, die Autokäufer zeigten erstmals Interesse an verbrauchsgünstigen Kleinwagen. Ex-Chevrolet-Manager McLernon sprach optimistisch von einem fünfprozentigen Marktanteil, den er für VW of America anpeilte.
Doch von dieser Traum-Marke, die VW Anfang der 70er Jahre erreicht hatte, als die Amerikaner in einem Jahr mehr als 400 000 VW-Käfer kauften, ist der einzige nichtamerikanische Autokonzern mit eigener Pkw-Fertigung in USA weit entfernt.
Um die Halden nichtverkaufter »Rabbits« -- der US-Version des Golf -- abzubauen, legte das amerikanische VW-Werk (Hauskürzel: VWoA)) Anfang dieses Monats eine einwöchige Feierschicht ein. Als am Montag letzter Woche die Produktion wieder aufgenommen wurde, kamen nur mehr 5400 Arbeiter ins Werk. 300 waren entlassen worden, weil die Produktion von Personen- und Kleinlieferwagen der Rabbit-Klasse um 9,6 Prozent auf 940 Autos pro Tag gedrosselt werden muß.
Nach einem einwöchigen Produktionsstopp im Anschluß an die Weihnachtspause Anfang dieses Jahres war die Juni-Feierschicht die zweite Radikalkur, zu der sich VWoA entschloß, um den Vorrat fertiger Autos dem schleppenden Rabbit-Verkauf anzugleichen. Gegenwärtig steht auf dem Werksgelände und bei den Händlern die Produktion von 70 Tagen herum.
Zwar konnte VW im Mai gegenüber dem Vorjahresmonat eine leichte Verkaufssteigerung verbuchen und insgesamt 14 475 Rabbits verkaufen. Das viereinhalbprozentige Plus war jedoch die geringste Zuwachsrate von allen US-Autoherstellern.
In den ersten fünf Monaten dieses Jahres fand VW für nur 77 776 Rabbits Käufer, 6,6 Prozent weniger als von Januar bis Mai letzten Jahres. Die amerikanische VW-Tochter mußte damit die höchste Einbuße aller US-Hersteller hinnehmen.
Für die flotte Talfahrt des Rabbit auf dem US-Automarkt macht die amerikanische VW-Tochter, die 1980 einen Verlust von über 30 Millionen Dollar einfuhr, »die allgemeine Wirtschaftslage, die abnorm hohen Darlehnszinsen sowie den schlechten Neuwagenmarkt« verantwortlich.
Solche wohlfeilen Erklärungen können aber kaum darüber hinwegtäuschen, daß die VW-Tochter in New Stanton drei Jahre nach der Werkseröffnung die Anlaufschwierigkeiten immer noch nicht überwunden hat.
Das im April 1980 eröffnete Zweigwerk in Pennsylvania sollte nach Planung der Wolfsburger Zentrale die Absatzchancen des neuen Golf-Modells unbeschadet von Kursschwankungen sichern. Anfangs schien das Konzept auch aufzugehen. VW verkaufte ohne Schwierigkeiten und mußte sogar regelmäßig Überstunden einlegen.
Doch als der US-Automarkt in die Flaute glitt, rutschte auch der VW-Ableger in die Krise. Die Strategie, sich weitgehend von schwankenden Wechselkursen abzukoppeln und die Kosten niedrig zu halten, ging bislang nicht auf. Noch immer müssen die Autobauer in New Stanton wichtige Teile -vor allem die Motoren -- aus der Bundesrepublik importieren. Erst 55 Prozent aller Rabbit-Komponenten werden in diesem Jahr von amerikanischen Zulieferern gekauft.
Besonders nachteilig wirkt sich aus, daß die deutsche Mutter längst nicht so viele Diesel-Motoren wie in New Stanton benötigt liefern kann. Während daher Benzinautos auf Halde gefahren werden, kann die Nachfrage nach Diesel-Modellen nicht befriedigt werden. S.64 Bei den Benzinern muß VW sich inzwischen mit billiger einheimischer Konkurrenz herumschlagen. Chryslers »Omni« oder der »Escort« von Ford kosten rund 500 Dollar weniger als der 6720 Dollar teure Rabbit.
Mitentscheidend für den Fehlstart des VW made in USA war womöglich die Qualität der Autos. Die VW-Arbeiter, die vor ihrer Anstellung in New Stanton durchweg in branchenfremden Betrieben gearbeitet hatten, mußten angelernt werden. Sie lieferten lange Zeit nur »zusammengeschusterte Autos ab«, wie ein VW-Händler aus Texas klagt.
Der Pfusch am Band führte einmal dazu, daß Tausende von bereits fertigen Rabbits an einem langen Wochenende nochmals die einzelnen Fertigungsstufen durchlaufen mußten, wo die Fehler behoben wurden.
Schwierigkeiten gab es anfangs auch, weil die US-Golfs nicht genügend auf den amerikanischen Geschmack getrimmt waren und sich, so das »Wall Street Journal«, durch »mausgraues, teutonisches Interieur« auszeichneten. Mittlerweile erstrahlt der Rabbit in modischen, von den Amerikanern bevorzugten Farben und sieht, so der amerikanische Automobil-Journalist Patrick Bedard im Fachblatt »Car and driver«. »etwas mehr nach Detroit aus«.
Darüber hinaus bemühen sich die VWoA-Manager, ihrem in Amerika hergestellten Auto das immer noch anhaftende Import-Image »Made in Germany« zu nehmen. Sie wollen angesichts der »Buy-american«-Welle und des Rufs nach Importbeschränkungen weiteren Absatzeinbußen vorbeugen.
Nicht einmal bei Besuchen des deutschen Botschafters in New Stanton wird vor dem VW-Werk heutzutage die deutsche Flagge aufgezogen.