EU-Pläne für Zeitarbeit Gefährliche Gleichmacherei
Hamburg - Samir, so will er genannt werden, ist 23 und Zeitarbeiter. Mehr solle man nicht schreiben, sagt Samir. Er wolle unerkannt bleiben, denn er habe Angst um seinen Job. Den hat Samir zwar schon seit sechs Monaten. "Doch wie es weitergeht, weiß ich noch nicht", sagt der Mann. Dass man ihn übernehmen wolle, sei zwar mal erwähnt worden, aber Genaueres höre er erst am Monatsende. Dann wird Samirs Vertrag wohl verlängert zum dritten Mal.
"Zeitarbeit ist ein Leben in der Warteschleife", klagt Samir. Deshalb könnten ihm die jüngsten Pläne der Europäischen Union eigentlich nur recht sein. Der Vorschlag von EU-Sozialkommissar Vladimir Spidla: "Es sollte das Prinzip gleicher Lohn für gleiche Arbeit gelten." Darum schlage die EU-Kommission vor, "dass Leiharbeitnehmer künftig nach sechs Wochen das gleiche Gehalt und die gleichen Sozialleistungen bekommen wie fest angestellte Arbeitnehmer", sagte Spidla der "Welt".
Das wäre ein Novum in Deutschland, denn bislang gilt: Haben Zeitarbeitsfirma und Leihbetrieb einen eigenen Tarifvertrag vereinbart, besteht für die Zeitarbeiter kein Anspruch auf gleiches Gehalt. Gibt es keine Regelvereinbarung, dann sieht der Gesetzgeber erst nach zwölf Monaten Beschäftigung im gleichen Leihbetrieb Lohnausgleich vor. Doch so lange werden nur wenige Leiharbeiter beschäftigt. Gleiches Gehalt für gleiche Arbeit - das ist in Deutschland heute nicht zu bekommen.
Arbeitsmarkt-Ökonomen warnen sogar vor einer solchen Neuregelung der Zeitarbeit. "Dieser Vorschlag ist in der Praxis nicht umsetzbar und macht auch keinen Sinn", sagt Elke Jahn. Die Leiharbeit-Expertin des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit hält die Sechs-Wochen-Regelung für willkürlich. "In der Praxis würde das dazu führen, dass die entleihenden Firmen ihre Zeitarbeiter nach genau dieser Zeit wieder auf die Straße setzen", befürchtet Jahn.
"Vorschlag nicht mehr zeitgemäß"
Auch die Leiharbeitsfirmen in Deutschland wollen nicht, dass Spidlas Vorschlag in die Praxis umgesetzt wird. Denn die Branche boomt: Mehr als 600.000 Leiharbeiter werden derzeit laut Arbeitsagentur beschäftigt, 2002 waren es im Jahresschnitt noch etwa 319.000. Zeitgleich explodierte auch die Zahl der Niederlassungen von Zeitarbeitsfirmen: Heute gibt es nach Angaben des Bundesverbands Zeitarbeit bundesweit mehr als 8000 Filialen. Die vier Branchenriesen Adecco, Manpower, Persona Service und Randstad teilen sich ein Drittel des Marktes.
"Dieser Vorschlag ist nicht mehr zeitgemäß", kritisiert Adecco-Geschäftsführer Uwe Beyer die EU-Pläne, die bereits seit fünf Jahren in Brüssel kursieren. "Die Branche hat sich positiv entwickelt, wir schaffen Tausende Arbeitsplätze. Das sollte auch der Gesetzgeber bedenken", sagt der Chef des Branchenführers. Bisher hatten sich etliche EU-Mitgliedsländer erfolgreich gegen eine europaweite Neuregelung der Zeitarbeit gewehrt. Jetzt forderte Spidla namentlich Deutschland und Großbritannien auf, ihren Widerstand "gegen eine verbesserte Arbeitsplatzqualität von Leiharbeitnehmern" aufzugeben.
Denn längst ist der Arbeitsmarkt hierzulande als "Zweiklassengesellschaft" verrufen. "Die fest angestellten Kollegen halten sich schon für etwas Besseres", berichtet Zeitarbeiter Samir. "Wir bekommen erst mal die einfachen Arbeiten zugeschoben", sagt er. Und wenn mal etwas schief gehe, dann müssten "die Neuen" den Kopf hinhalten.
Zeitarbeit - ein überschätztes Phänomen
Doch Leiharbeit ist besser als ihr Ruf: Dass langfristige Arbeitsplätze massenhaft durch Zeitarbeitsstellen ersetzt werden, kann IAB-Expertin Jahn nicht bestätigen. "In einer jüngst veröffentlichten Studie haben wir herausgefunden, dass 2003 gerade einmal 13 Prozent der Zeitarbeiter ein Jahr oder länger im gleichen Leihbetrieb gearbeitet haben." Durch Zeitarbeit würden laut Studie sogar immer mehr Arbeitslose die Chance erhalten, wenigstens kurzfristig erwerbstätig zu sein. Demnach stieg der Anteil der Arbeitslosen, die eine Leiharbeit annahmen, zwischen 1997 und 2003 von 28,6 auf 42,8 Prozent.
Insgesamt spiele das Phänomen Zeitarbeit in Deutschland ohnehin nur eine geringe Rolle, sagt Jahn. "Der Anteil der Leiharbeitnehmer an allen Erwerbstätigen von 1,5 Prozent in Deutschland ist im europäischen Vergleich sehr niedrig." In Großbritannien liegt die Quote bei 5,1 Prozent, in den Niederlanden bei 2,5 Prozent. Weltweit wird Leiharbeit seit Jahrzehnten von Unternehmen genutzt, um kurzfristige Auftragsspitzen auszugleichen.
Doch mit Spidlas Vorstoß könnte Zeitarbeit in Europa diesen Vorteil einbüßen: "Wenn die Regelung kommt, dann bedeutet das für uns einen enormen Verwaltungsaufwand", sagt Bianca Fahrenkrug, Sprecherin von Persona Service. In Deutschland existierten Dutzende Tarif- und Hausverträge, deren Einberechnung in die Löhne der Leiharbeiter höchst kompliziert sei, erklärt sie.
Große Koalition sieht EU-Pläne gespalten
"Nach sechs Wochen wird das Ganze für die Zeitarbeitsfirmen unüberschaubar und für die beschäftigenden Unternehmen zu teuer", spricht IAB-Expertin Jahn aus, woran noch niemand denken mag. "Der noch junge Aufschwung in der Zeitarbeitsbranche wäre gestoppt", warnt sie und auch für deutsche Unternehmen hätte das wirtschaftliche Konsequenzen.
Soweit soll es nach Meinung der CDU nicht kommen: "In der Zeitarbeitsbranche sind über eine halbe Million neuer Arbeitsplätze entstanden", sagte CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla vor Journalisten in Berlin. Und er fügte hinzu: Es mache keinen Sinn, diese "erfreuliche Entwicklung durch welche Regelung auch immer zu behindern".
Ganz anders der Koalitionspartner: "Verschärfende Regeln für den Einsatz von Leiharbeitern sind dringend erforderlich, weil immer niedrigere Löhne bezahlt werden", sagte SPD-Präsidiumsmitglied Christoph Matschie der "Thüringer Allgemeinen". Er wisse allerdings nicht, ob die Sechs-Wochen-Regelung "die optimale Größenordnung" sei.
Unterstützung erhalten die Sozialdemokraten vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Bei dem Thema sei eine "europaweite Regelung unbedingt notwendig", sagte DGB-Chef Michael Sommer der "Welt". Laut einer Studie der DGB-nahen Hans-Böckler-Stiftung würden Leiharbeiter pro Stunde zwei bis drei Euro weniger verdienen als reguläre Kräfte. Hier könne sich die EU bewähren und "einheitliche Standards setzen, um grenzüberschreitendes Lohndumping zu verhindern", forderte Sommer weiter.
Von der großen Politik will Zeitarbeiter Samir gar nichts wissen: "Die haben doch keine Ahnung, wie beschissen es uns geht." Häufige Ortswechsel, wechselnde Schichtdienste, niedrige Löhne und die ständige Ungewissheit, wie es weitergeht das alles zerre an den Nerven vieler Leiharbeiter. "Und", schiebt Samir hinterher, "das Traurige ist, dass wir auch noch froh sein müssen, so einen Job zu haben."