EU-Plan "Energiekonzerne werden zerschlagen"
SPIEGEL ONLINE: Herr Krawinkel, in der EU deutet sich eine klare Mehrheit für eine Zerschlagung der Energiekonzerne an. Was hätten die Verbraucher davon?
Krawinkel: Der Wettbewerb würde endlich in Schwung kommen. Je mehr Anbieter es gibt, desto eher sinken die Preise.
SPIEGEL ONLINE: Verschiedene Stromanbieter gibt es auch heute schon.
Krawinkel: Ja, aber die kleinen sind den großen unterlegen. In Deutschland besitzen die vier großen Kraftwerksbetreiber auch die Stromnetze. Das ist ein klarer Interessenkonflikt. Die Unternehmen stehen ständig in Versuchung, andere Anbieter von ihrem Netz fernzuhalten.
SPIEGEL ONLINE: Und da hilft nur eine Zerschlagung?
Krawinkel: Wenn die Netze von einem unabhängigen Unternehmen betrieben werden, ist der Interessenkonflikt gelöst. Jeder Stromanbieter hätte gleichberechtigt Zugang zu den Leitungen, auch freie Händler könnten Strom kaufen und verkaufen. Das würde den Markt richtig beleben.
SPIEGEL ONLINE: Die Bundesnetzagentur kontrolliert die Netze doch schon. Warum reicht das nicht?
Krawinkel: Die staatliche Regulierung ist nur eine halbherzige Lösung. Natürlich könnte man das Problem auch bürokratisch angehen. Dann müsste die Netzagentur aber Hunderte Leute einstellen. Die müssten kontrollieren, ob die Stromkonzerne auch wirklich jeden Anbieter in ihr Netz lassen. Das passt nicht zum Ziel des Bürokratieabbaus. Die sauberste Lösung ist eine klare Trennung von Netz und Erzeugung.
SPIEGEL ONLINE: Wer sollte die Leitungen dann betreiben?
Krawinkel: Ein unabhängiger Investor. Von Enteignung muss man da gar nicht sprechen. Der Staat zwingt die Konzerne lediglich zum Verkauf. Ein Käufer findet sich von ganz allein. Die Stromnetze versprechen eine sichere Rendite, da wird es genug Interessenten geben.
SPIEGEL ONLINE: Um wie viel Geld geht es?
Krawinkel: Eine sehr hohe zweistellige Milliardensumme. Die Leitungen sind richtig viel wert. 100 Milliarden Euro wäre wohl etwas zu hoch gegriffen, aber so um den Dreh.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es Erfahrungen aus anderen Ländern?
Krawinkel: Großbritannien und die skandinavischen Länder haben es vorgemacht. Die Netzgebühren sind dort deutlich niedriger als bei uns.
SPIEGEL ONLINE: Wann ist es in Deutschland so weit?
Krawinkel: Der europäische Energiekommissar Andris Piebalgs ist für eine Entflechtung der Konzerne, Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes ebenfalls. Ich bin mir sicher, dass es zu einer europaweiten Regelung kommen wird: Die Unternehmen werden zerschlagen. Sämtliche Mitgliedstaaten der EU haben sich heute in Berlin dafür ausgesprochen.
SPIEGEL ONLINE: Außer Deutschland und Frankreich.
Krawinkel: Ja, aber es gibt überhaupt keine inhaltlichen Gründe dafür. Die Regierungen in Paris und Berlin machen das ausschließlich aus Rücksicht auf ihre Großkonzerne.
SPIEGEL ONLINE: Warum sollte die Bundesregierung ihre Meinung ändern?
Krawinkel: Deutschland kann es sich nicht leisten, als Bremser da zu stehen - schon gar nicht, solange wir die Ratspräsidentschaft in der EU innehaben. Wirtschaftsminister Michael Glos ist auch sonst für Wettbewerb. Er wird sich den Argumenten nicht verschließen.
Das Interview führte Anselm Waldermann