Euro-Höhenflug "Die Dollarschwäche ist ein Luxusproblem"
Berlin - Der hochfliegende Kurs des Euro hat seinen Preis. Der Volkswagen -Konzern beziffert ihn mit rund 435 Millionen Euro allein im Nordamerika-Geschäft. BMW erwischte es noch härter. Der ungünstige Wechselkurs kostete die Münchener im vergangenen Jahr bereits mehr als 650 Millionen Euro. In diesem Jahr werden die Verluste nach Schätzungen der Finanzfachleute im Konzern auf die gleiche Höhe hinauslaufen. "Der Euro-Kurs macht uns schon zu schaffen", räumte BMW-Finanzvorstand Stefan Krause gegenüber der "Börsenzeitung" ein. Wie bei vielen deutschen Unternehmen fallen die Kosten bei BMW vor allem in harten Euro an, die Ware wird aber oft mit Dollar bezahlt.
Beklagen will Krause sich dennoch nicht: "Die Dollarschwäche ist eigentlich ein Luxusproblem", sagte er. Es sei die Kehrseite der Verkaufserfolge auf dem amerikanischen Markt. Und die seien allemal wichtiger.
"Luxusproblem" - das ist der Begriff, mit dem Verbände und Währungsexperten die derzeitige Euro-Stärke beschreiben, wenn auch oft genug nur zwischen den Zeilen. "Die Unternehmen verlieren zurzeit halt etwas vom Gewinn, mehr nicht", sagt ein Verbandsvertreter SPIEGEL ONLINE. "Es lohnt sich nicht zu klagen, denn der Eurokurs ist, wie er ist", sagt DaimlerChrysler -Sprecher Thomas Fröhlich.
Die Gelassenheit der Beteiligten hat einen guten Grund. Denn anders als etwa im November 2004, als der Euro seine letzte Rekordserie einläutete, gilt der Scheck diesmal als gedeckt: Die Wirtschaft ist so gut aufgestellt wie schon lange nicht mehr. Zwar gaben die Maschinenbauer Bedenken zu Protokoll. In der "Süddeutschen Zeitung" beklagte VDMA-Konjunkturexperte Olaf Wortmann die unfairen Kurse. Viele Unternehmen erlebten bereits einen scharfen Gegenwind auf den Auslandsmärkten.
Prall gefüllte Auftragsbücher
Doch derzeit sind die Auftragsbücher von vielen der rund 6000 deutschen Maschinenbauer schon bis zum Jahr 2009 gefüllt. Und erst Ende April hatte das Münchener Ifo-Institut eine glänzende Stimmung unter den deutschen Unternehmen ausgemacht - zu einem Zeitpunkt, als der Euro bereits bei 1,36 Dollar stand. "Der Euro-Kurs reflektiert die Stärke der wirtschaftlichen Entwicklung im Euro-Raum", konstatiert EZB-Direktoriumsmitglied Jürgen Stark. Der Euro bewege sich nicht "außerhalb der Vorstellungskraft" der EZB.
Die deutschen Exporteure sind auch deshalb weniger angreifbar, weil inzwischen der größte Teil der Ausfuhren in die europäischen Partnerländer geht. Außerdem gleicht die gestiegene Nachfrage aus China, Indien oder den Nahost-Staaten den Rückgang in den USA mehr als aus. Hinzukommt, dass der Aufschwung viel weniger noch als Anfang 2005 von den Ausfuhren abhängt. Denn inzwischen haben auch die deutschen Verbraucher wieder Vertrauen gefasst und holen lange aufgeschobene Konsumwünsche nach.
Die Konjunktur hat inzwischen eine bemerkenswerte Eigendynamik entwickelt. Europäische Unternehmen genießen auf den internationalen Finanzmärkten wieder den Ruf, ein solides Investment zu sein. Kaum überraschend fließen die Gelder jetzt auf den alten Kontinent - und treiben den Eurokurs zusätzlich an.
Umgekehrt ist der Trend in den USA. Hier hat die Verunsicherung durch die Krise am Immobilienmarkt inzwischen auch weite Teile der Wirtschaft erfasst. Viele Hausbesitzer müssen angesichts sinkender Hauspreise die Waffen strecken, die Banken sitzen auf faulen Krediten in Milliardenhöhe. Die Investoren schauen sich deshalb nach alternativen Standorten außerhalb des Landes um.
Stärke des Euro ist Schwäche des Dollar
Die Stärke des Euro sieht Alfred Steinherr, Leiter der Konjunkturabteilung beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), aus diesem Grund eher als eine Schwäche des Dollars, die gleich in mehrfacher Hinsicht die Probleme der US-Wirtschaft abbildet. Zum einen sei da der sich abzeichnende Konjunkturabschwung. Zum andern wirke sich das extreme Handelsbilanzdefizit aus, sagt Steinherr. Hinzu käme, ergänzt der Experte, die gegenläufige Tendenz bei den Leitzinsen. Während die EZB den Zinssatz erhöht und weitere Zinsrunden angekündigt habe, stellte die US-Notenbank eine Senkung in Aussicht.
Die Gefahren für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft hält Steinherr für gering. Anders als 2005 habe die Gemeinschaftswährung einen lang andauernden Kursanstieg hinter sich. "Das aktuelle Kursniveau kam nicht über Nacht, und es wurde auch bereits Monate zuvor vorausgesagt", erklärt der Experte. Die Finanzabteilungen der Unternehmen hätten sich also darauf einstellen können, zum Beispiel durch Kurssicherungsgeschäfte.
Zum anderen, so gibt Steinherr zu bedenken, seien etwa die Kunden von Premiumprodukten der deutschen Autohersteller weniger preissensibel und kauften die Autos trotzdem. Noch stärker sei die Kundenbindung bei den Anlagenherstellern: "Niemand wird seinen Anbieter wechseln, weil der die Differenz der Währungsschwankungen teurer ist. Da spielen Erwägungen wie etwa die gute Zusammenarbeit und die Qualität der Anlagen eine viel wichtigere Rolle".
Entscheidend sei allerdings, dass der Höhenflug des Euro über kurz oder lang wieder ein Ende habe, ergänzt Steinherr. "Bei einem Kurs von 1,30 bis 1,35 Dollar wäre der Export auf Dauer nicht tangiert." Mittelfristig aber dürfte ein starker Euro den Preisdruck im Wettbewerb mit amerikanischen oder japanischen Konkurrenten verstärken.