Euro-Höhenflug Trichet wird nervös
Basel - EZB-Chef Jean-Claude Trichet äußerte sich am Montag nach einem Treffen mit seinen Kollegen aus der so genannten G10-Gruppe besorgt über die jüngsten Wechselkursbewegungen. "Von Seiten Europas wurde angesprochen, dass exzessive Volatilität und brutale (Wechselkurs-)Bewegungen nicht willkommen und nicht angemessen sind", sagte er nach Abschluss der Beratungen vor Journalisten. "Wir sind besorgt. Wir sind nicht gleichgültig." Aus den Reihen der Euro-Staaten seien Forderungen an die USA nach einem gemeinsamen Vorgehen in dieser Frage laut geworden.
In der G10-Gruppe sei das Thema Wechselkursbewegungen aber nicht als Risiko für die Erholung der Weltwirtschaft diskutiert worden, sagte Trichet. Im Mittelpunkt der Gespräche habe vielmehr die konjunkturelle Belebung gestanden. "Wir haben eine eindeutige Bestätigung dafür, dass das Wachstum da ist, dass es stetig ist und dass es jetzt in allen Regionen der Welt zu beobachten ist", sagte Trichet, der derzeit Vorsitzender der G10-Zentralbankchefs ist.
Der Euro reagierte auf die Verschärfung des Tonfalls der Notenbanker mit Kursverlusten, nachdem er am Vormittag mit einem Niveau knapp unter 1,29 Dollar noch ein neues Rekordhoch markiert hatte. Frankreich forderte mit Blick auf die USA zügige gemeinsame Anstrengungen, um angemessenere Wechselkurse zu erreichen. In Europa wachsen Befürchtungen, die Euro-Aufwertung werde die heimische Exportwirtschaft und damit die Konjunkturerholung insgesamt bremsen.
Angesichts des anhaltenden Höhenflugs des Euro hatte EZB-Chef Trichet in der vergangenen Woche einen ersten Versuch unternommen, den Kursanstieg der Gemeinschaftswährung rhetorisch zu bremsen. Die Finanzmärkte hatten sich davon aber weitgehend unbeeindruckt gezeigt. Am Montag indes fiel der Euro nach den neuerlichen Äußerungen Trichets wieder unter 1,28 Dollar. Damit lag der Kurs rund einen US-Cent unter seinem am Morgen markierten Allzeithoch. Volkswirte sagten, Trichets Bemerkungen seien deutlich stärker gewesen als zuletzt.
Unterdessen äußerte auch Japan Besorgnis über die zuletzt rasanten Bewegungen an den Devisenmärkten. Der japanische Notenbankchef Toshihiko Fukui sagte vor dem G10-Treffen, er teile die Sorgen von Politikern weltweit, dass die Wechselkursentwicklung ein Risiko sei. Auch Frankreichs Ministerpräsident Jean-Pierre Raffarin sagte, Instabilität an den Devisenmärkten sei weder im Interesse der USA noch im Interesse Europas. "Wir müssen zusammen rasch Wege finden, die sicherstellen, dass die Wechselkurse besser zur wirtschaftlichen Realität passen", verlangte Raffarin. Die wirtschaftliche Erholung in den USA ist derzeit wesentlich kräftiger als die in Europa.
Der spanische Wirtschaftsminister Rodrigo Rato äußerte sich dagegen gelassen zum starken Euro-Anstieg in den vergangenen beiden Jahren. "Das bringt uns wieder zu einem Kurs, (...) der den Realitäten der beiden Wirtschaftsräume mehr entspricht", sagte Rato vor Journalisten.
Das Thema Wechselkurse wird voraussichtlich auch das G7-Treffen Anfang Februar bestimmen. Experten bezweifeln allerdings, dass sich die G7-Gruppe auf gemeinsame Devisenmarktinterventionen einigen wird. Die US-Regierung wolle im Jahr der Präsidentenwahlen die Impulse für die US-Exportwirtschaft durch den schwächeren Dollar vermutlich nicht aufs Spiel setzen.
Zu der Gruppe der G10 gehören eigentlich elf Staaten: Die G7-Länder USA, Japan, Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien und Kanada sowie die Schweiz, die Niederlande, Belgien und Schweden.