Euro-Kursanstieg Je schneller desto schlimmer
Frankfurt am Main - Im europäischen Handel kostete der Euro am Vormittag 1,2660 Dollar. Damit lag er deutlich unter seinem Rekordstand vom Dienstag, den er bei 1,2812 Dollar erreicht hatte.
Devisenhändler erwarten aber, dass sich die Kursgewinne bald fortsetzen. "Der Trend ist nicht gebrochen, und das Riskante ist, dass wir weiteres Aufwärtspotenzial für den Euro haben", sagte Jane Foley, Devisenstrategin bei Barclays Capital. Allerdings werde sich die Aufwärtsbewegung verlangsamen.
"Konjunkturberichte neu schreiben"
Laut einer Umfrage unter führenden deutschen Branchenverbänden bleibt die Sorge in der Industrie groß. Der Tenor: Ein weiterer Euro-Auftrieb werde den erhofften Aufschwung in Deutschland zu gefährden. "Wenn der Euro-Kurs nachhaltig auf 1,35 Dollar steigt, müssen wir die Konjunkturberichte für 2004 alle neu schreiben", warnte etwa der Präsident des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), Diether Klingelnberg, in der Umfrage. Die "Berliner Zeitung" hatte dafür die Verbände der Wirtschaftszweige Automobil, Chemie, Maschinenbau und Außenhandel sowie den Industrieverband BDI befragt.
VDMA-Präsident Klingenberg sagte, bei zahlreichen Unternehmen sei die Schmerzgrenze bereits jetzt überschritten, der Druck auf die Erträge sei enorm. Dadurch verstärke sich zugleich die Neigung, Produktionsteilen ins Ausland zu verlagern, sagte er.
Kursanstieg: Je schneller, desto schlimmer
Etwas vorsichtiger äußerte sich der Präsident des Bundesverbandes des Deutschen Groß- und Außenhandels, Anton Börner: "Wenn in den kommenden Monaten der Wechselkurs sprunghaft auf 1,40 Euro steigen würde, wäre die Schmerzgrenze sicherlich überschritten." Er fügt hinzu: "Darunter würden Automobil-, Maschinenbau- und Elektroindustrie massiv leiden. Je schneller der Wechselkurs nach oben schießt, desto empfindlicher trifft es die Unternehmen, weil sie dann nicht genügend Zeit haben, um sich gegen die Belastungen abzusichern."
Auch die Chemiebranche sieht Risiken. Zwar verbilligten sich durch die Dollarabwertung viele Importe, "unterm Strich überwiegen aber die negativen Effekte für die deutsche Chemie", sagte der Hauptgeschäftsführer des Branchenverbandes VCI, Wilfried Sahm. Ebenfalls besorgt zeigte sich der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie, Bernd Gottschalk. "Der aktuelle Dollarkurs schmerzt uns schon", sagte er. Seine Branche werde aber damit fertig. BDI-Hauptgeschäftsführer Ludolf von Wartenberg rechnete vor: "Bei einer dauerhaften Aufwertung des Euro um zehn Prozent sinken unsere Exporte um ein Prozent."
Lufthansa entwarnt
Immerhin die Lufthansa teilte am Mittwoch mit, ihr schade der starke Euro nicht nennenswert. Konzernchef Wolfgang Mayrhuber sagte, die Entwicklungen an den Devisenmärkten würden kurzfristig keinen wesentlichen Einfluss haben, da die Lufthansa auch hohe Ausgaben in der US-Währung tätige. Anders sei die Situation mit Blick auf den japanischen Yen. Wenn der Yen im Wert sinke, werde dies die Einnahmen der Lufthansa schwächen.
Der Euro hat seit Anfang 2003 mehr als 20 Cents an Wert gegenüber der US-Währung gewonnen. Ein Grund: Viele Anleger zweifeln an der Finanzierbarkeit der US-Defizite bei Leistungsbilanz und Haushalt. Dies hat den Verkaufsdruck auf den Dollar erhöht.
Die plötzliche Kurserholung des Dollars am Dienstag hatte Gerüchte über einen erneuten Eingriff Japans am Devisenmarkt genährt. In den vergangenen Monaten hat die Bank von Japan bereits mehrfach Yen verkauft und Dollar gekauft, um eine weitere Aufwertung ihrer Währung zu verhindern und der exportorientierten eigenen Wirtschaft zu helfen. Dies hatte indirekt auch dazu geführt, dass der Dollar gegenüber dem Euro stieg.