Euro: Maulkorb für den Kanzler - DER SPIEGEL
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Euro Maulkorb für den Kanzler

Der Euro ist auf ein neues Rekordtief gefallen. Aber sind wirklich die Kanzlerworte daran schuld?
Von Bernd Niquet
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Welt ist ungerecht. Das haben wir schon immer gewusst. Doch ist die Welt auch unklug? Das haben wir zwar schon immer geahnt, doch seit gestern haben wir eine erneute Bestätigung. Denn seit gestern wissen wir, dass wir die Welt schon ein bisschen unklug organisiert haben.

Unsere oberste Maxime lautet nämlich: Diejenigen, die wirklich etwas zu sagen haben, dürfen in keinem Fall etwas sagen. Was im Umkehrschluss natürlich bedeutet: Alle anderen, die andauernd etwas sagen, haben eigentlich nichts zu sagen. Und das ist doch einigermaßen verrückt, oder?

Vor einigen Tagen hat der Kanzler gesagt, dass der schwache Euro auch positive Aspekte hat. Die schwache Währung bedeutet nämlich, dass die deutschen Exportgüter im Ausland billiger werden, was ganz besonders der ostdeutschen Industrie zugute kommt. Hier hat der Kanzler Recht, daran gibt es nichts zu deuteln. Und: Der Kanzler ist jemand, der etwas zu sagen hat. Was jedoch leider zur Folge hat, dass er eigentlich nichts hätte sagen dürfen.

Der Grund hierfür liegt wiederum bei denen, die eigentlich nichts zu sagen haben, und deswegen über das Schicksal der westlichen Welt befinden. Das sind die Devisenhändler, die den Kurs der wichtigsten Währungen der Welt in jeder Sekunde neu festlegen. Und da diese Leute selbst nichts zu sagen haben, reagieren sie umso heftiger auf das, was andere, die etwas zu sagen haben, sagen.

Und dann fällt der Euro. Und genau so funktioniert unsere Welt.

Mit einer Ausnahme allerdings: Wenn etwas stark ist, dann darf man das auch sagen. Selbst dann, wenn man etwas zu sagen hat. Denn stark sein ist gut, schwach sein hingegen ist schlecht. Das jedenfalls meint der Quasi-Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Ottmar Issing.

Und so wird denn auch heftig gestritten in der EZB. Inflationsziel, ja oder nein? Geldmengenregel, ja oder nein? Doch je mehr nun gezerrt und gezurrt wird, umso verunsicherter werden die Märkte. Und wenn dann plötzlich jemand kommt und sagt, dass jede Medaille zwei Seiten hat, wirkt das natürlich wie ein Verrat. Zumindest bei Devisenhändlern, die gerne mal auf einem Auge blind sind.

Bleibt nur die Frage, ob die Bundesrepublik ihre Kampfhundeverordnung ab sofort auch auf öffentliche Würdenträger ausdehnen sollte. Eigentlich wäre das nur gerecht, denke ich. Denn schließlich tragen ja auch viele Hunde ihre Maulkörbe zu unrecht.