Euro über 91 Cent: Hau den Dollar - DER SPIEGEL
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Euro über 91 Cent Hau den Dollar

Verkehrte Welt - nach dem Euro wird jetzt der Dollar runtergeredet. Der Euro klettert derweil in neue Höhen. Doch das Dollar-Bashing könnte für die deutsche Wirtschaft gefährlich werden.
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New York - Es ist noch nicht lange her, da wurde Gerhard Schröder dafür kritisiert, dass er sich öffentlich über den schwachen Euro freute. Der Bundeskanzler argumentierte, dass eine schwache Währung den Export und damit die Wirtschaft ankurbele. Doch die Anleger an den internationalen Finanzmärkten werteten dies als Misstrauensvotum und schickten den Euro in den Keller.

Jetzt hat sich das Blatt gewendet: Der Euro steigt, der einst unangreifbar scheinende Dollar sinkt. Seit seinem Jahrestief bei 83,52 Cents Anfang Juli hat der Euro bald zehn Prozent gegenüber dem Dollar zugelegt. Am Montag durchbrach er die 90-Cent-Marke.

Unternehmen und Gerwerkschaften stöhnen

Was ist geschehen? In den USA hat das Dollar-Bashing begonnen. Angesichts enttäuschender Quartalszahlen und Massenentlassungen suchen Firmenbosse und Gewerkschafter nach Schuldigen. Der Dollar sei zu stark, klagen sie im Chor. Die teure Währung "zerstöre" die Wirtschaftskraft des Landes, sagte John Devine, Finanzvorstand des Autoherstellers General Motors, vergangene Woche.

Auch führende Wirtschaftsprofessoren wie Paul Krugman aus Princeton, trommeln für eine schwächere Währung. Richtig mies ist die Stimmung, seit der Präsident sich eingemischt hat. Der starke Dollar bringe nicht nur Vorteile, sondern auch Probleme mit sich, ließ George W. Bush vor wenigen Wochen verlauten.

Eine unbedachte Äußerung, ein "Bushism"? An den Finanzmärkten wurde der Halbsatz sofort als Signal für eine Abkehr von der Politik des starken Dollars interpretiert. Zwar beeilte sich Finanzminister Paul O'Neill aufkommende Gerüchte zu dementieren. Doch der Schaden war angerichtet: Amerika diskutiert über die Vor- und Nachteile des starken Dollars.

Die Stimmung wendet sich gegen den Dollar

Die Stärke einer Währung hängt nicht zuletzt von Stimmungen ab. Und so wie die Diskussion über den schwachen Euro eine Eigendynamik annahm, bröckelt jetzt die Loyalität der internationalen Anleger zum Dollar, dem einstigen sicheren Hafen. Marktbeobachter haben den Stimmungsumschwung bereits registriert: "Der Euro ist aus dem vergangenen Monat klar als stärkste Währung hervorgegangen", steht im neuesten Bericht der Investmentbank Merrill Lynch.

"Der große Dollarabschwung ist nahe", schreibt Ökonom Krugman in seiner "New York Times"-Kolumne. Er vergleicht den derzeitigen Dollarstand mit der Technologieblase, bevor sie geplatzt ist. Das Handelsdefizit der USA beträgt inzwischen 4,5 Prozent des Bruttosozialprodukts - das ist mehr als die Defizite Indonesiens und Südkoreas vor der Asienkrise 1997. "Solche Defizite haben in der Vergangenheit immer zu einer Währungsabwertung geführt", argumentiert Krugman.

Die Bush-Regierung hatte die Politik des starken Dollars von der Clinton-Regierung übernommen. Doch damals brummte die Wirtschaft. Jetzt drängen US-Firmen darauf, den Dollar abzuwerten. Damit wollen sie den Export ankurbeln und verhindern, dass sie auf dem heimischen Markt von ausländischen Firmen unterboten werden.

Die Regierung hört die Signale

Die Lobby-Arbeit scheint Wirkung zu zeigen: Die Regierung höre inzwischen der Wirtschaft aufmerksam zu, sagte GM-Finanzvorstand Devine vergangene Woche. Das Finanzministerium dementierte nicht.

Doch eine Währungspolitik im Sinne der Wirtschaft ist für die Regierung eine schwierige Gratwanderung. "Sie will den Dollar graduell abwerten, weiß aber nicht wie, ohne eine Krise auszulösen", zitiert die Nachrichtenagentur Dow Jones den Vizechef von Goldman Sachs. Die Gefahr bestehe, dass die Märkte die Führung übernähmen und die Währung "zu weit abfalle".

Ein Dollareinbruch wäre eine Katastrophe für die Weltwirtschaft. Die Exportindustrie in Europa und Japan würde zusammenbrechen, die Krise an den Finanzmärkten sich noch ausweiten. Und auch die US-Wirtschaft würde darunter leiden. Denn sie ist abhängig von den ausländischen Investitionen. Fallen die aus, kann das Land sein Handelsdefizit nicht mehr begleichen.

Doch viele Experten glauben nicht daran, dass der Dollar in eine ernsthafte Krise gerät. Denn auch wenn es der US-Wirtschaft zurzeit nicht gut geht - in Europa oder gar Japan sieht es nicht besser aus. Solange Amerika die besten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen bietet, ist der Dollar sicher.