Europäische Aktien Gewinne aus Phantasialand
Wann ist eine Aktie billig? Eine einfache Antwort gibt es nicht - andernfalls würden Banken und Investmentfonds kaum Heerscharen von Analysten beschäftigen, um diese Frage immer wieder aufs Neue zu klären.
Die Analyseabteilungen versuchen, halbwegs verlässliche Aussagen über die erwarteten Unternehmensgewinne zu treffen. Denn von den Gewinnschätzungen für die kommenden Jahre hängt es ab, ob eine Aktie bei ihrem derzeitigen Kurs als überteuert oder als günstig gilt.
Bewertungen bar jeder Vernunft
Eine neue Studie der amerikanischen Investmentbank Merrill Lynch legt nahe, dass die Analystenschätzungen für europäische Unternehmen viel zu optimistisch sind und drastisch nach unten revidiert werden müssen. Wenn die Unternehmensgewinne in den kommenden Jahren magerer ausfallen als bisher erwartet wären viele Aktien, die nach den derzeitigen Bewertungsmodellen als Schnäppchen erscheinen, bereits viel zu teuer.
Die Börse nimmt mit den aktuellen Kursen die Zukunft vorweg. Die Gewinnaussichten für die folgenden sechs Monate sind im Preis der Aktien bereits berücksichtigt - "eingepreist" heißt das im Börsenjargon. Interessant für die Finanzmärkte sind deshalb vor allem die Gewinnprognosen für die Jahre 2002 und 2003.
Und die scheinen bar jeder Vernunft zu sein. Merrill Lynch hat das durchschnittliche von Analysten prognostizierte Gewinnwachstum in verschiedenen europäischen Wirtschaftszweigen von 2001 bis 2003 untersucht und mit den Prognosen aus den Jahren 1991 bis 1993 verglichen - dem Zeitraum, als es in Europa zuletzt eine Rezession gab.
Rosige Gewinnausichten, düstere Kursprognosen
Das Ergebnis der Studie legt nahe, dass die Banken die Zukunft zu rosig sehen: Während die europäischen Gewinne von 1991 bis 1993 im Schnitt um 21 Prozent fielen, sagen Analysten für 2001 bis 2003 einen Gewinnanstieg um satte 30 Prozent voraus. In einzelnen Branchen sind die Vorhersagen der Analysten noch abenteuerlicher. Für die Elektronikbranche sagen sie bis Ende 2003 ein Gewinnwachstum von 230 Prozent, für IT Hardware gar eines um unglaubliche 530 Prozent voraus.
Peter Saacke, Autor der Studie und europäischer Aktienstratege bei Merrill Lynch in London, geht davon aus, "dass die 30 Prozent hoffnungslos optimistisch sind. Selbst wenn man berücksichtigt, dass sich die Rezession vor zehn Jahren von der jetzigen unterscheidet - an einer Revision der Prognosen führt kein Weg vorbei."
Lesen Sie im zweiten Teil, wann die Gewinne wieder anziehen und sehen Sie sich die Prognosen im Detail an.
Es muss schlimmer werden, bevor es besser werden kann
Das wird sich seiner Ansicht nach negativ auf die Kurse auswirken. Das Freudenfeuer der vergangenen drei Wochen - der Index MSCI Europe hatte um 18 Prozent zugelegt - beeindruckt Saacke nicht: "Das war nur eine Bärenmarkt-Rallye." Spätestens wenn die Analysten begönnen, ihre luftigen Prognosen nach unten zu korrigieren, werde es erneut abwärts gehen. "Ich kann mir vorstellen, dass wir die Tiefststände vom September noch einmal sehen."
Saacke steht mit seiner These nicht allein, auch Ingo Schmitz, Aktienstratege der Deutschen Bank , warnt vor "übertriebenen Schätzungen." Richard Davidson von Morgan Stanley erwartet gar, dass die Gewinne europäischer Unternehmen bis Anfang 2003 rückläufig sein werden.
An den düsteren Aussichten ändert auch die hohe Liquidität der Märkte nichts. Derzeit haben Investoren mangels Anlagemöglichkeiten soviel Geld auf kurzfristigen Konten geparkt wie schon seit zwanzig Jahren nicht mehr, "aber der Cash hat sich auch schon Anfang des Jahres aufgetürmt, ohne dass es zu einer längeren Rallye gekommen wäre", so der Merrill-Stratege. Zunächst müssten die Prognosen nochmals unters Messer. Erst wenn der Optimismus vollständig aus dem Markt gewichen sei, könne es zu einer längerfristigen Erholung kommen. "Die Stimmung", so Saacke, "muss noch mal richtig schlecht werden."
Gewinnprognosen für europäische Unternehmen
| Branche | Gewinnwachstum 1991-1993 | Gewinnwachstum 2001-2002 |
|---|---|---|
| Banken | -65% | +25% |
| Lebensversicherungen | +150% | +30% |
| Versicherungen | -250% | +34% |
| IT Hardware | +11% | +530% |
| Elektronik | +4% | +230% |
| Medien | +17% | +40% |
| Software | -102% | +59% |
| Bau | -37% | +24% |
| Chemie | -58% | +42% |
| Autos | -120% | +73% |
| Einzelhandel | +68% | +38% |
| Pharma | +33% | +26% |
| Nahrungsmittel | +31% | +30% |
| Transport | -3% | +66% |
| Telekom | -36% | +43% |