KOSMETIK Ewige Jugend
Den wohl bedeutendsten Satz seiner Karriere sprach Hans-Dietrich Winkhaus, 62, ausgerechnet an seinem letzten Arbeitstag.
»Die Vision einer ewig jungen Haut«, sagte der scheidende Henkel-Chef Montag vergangener Woche auf der Hauptversammlung vor 4000 Aktionären, »wird in einigen Jahren Wirklichkeit.«
Irgendwie muss den Mann die Abschiedslaune mitgerissen haben, dass er einfach so, abweichend vom Manuskript, die Bombe platzen ließ. Sehr dünnlippig kommentierte denn auch sein Nachfolger Ulrich Lehner den Vorstoß: Ja, es stimmt, man habe neue Wirkstoffe entwickelt. Nein, mehr könne er nicht sagen, schon aus wettbewerbs- und patentrechtlichen Gründen.
Zu spät: Seit einer Woche herrscht blankes Erstaunen bei Konkurrenten, Analysten und Forschern. Ist sie jetzt da, die Formel der dauerhaften Jugend? Hat ausgerechnet Henkel, eigentlich bei Waschmitteln ("Persil") stark, das Rezept für eine faltenfreie Haut - und damit für ein Milliardengeschäft - gefunden?
Nein, nein, so weit ist es noch lange nicht. Die Henkel-Forscher glauben lediglich, ein Verfahren entdeckt zu haben, das ihnen bei der Suche nach den richtigen Wirkstoffen einen jahrelangen Vorsprung vor der Konkurrenz verschafft - eine neu entwickelte künstliche Haut. Versuche an ihr sollen sehr viel schneller als bisher klären, wie das komplexe Hautsystem auf schädliche Einflüsse von außen (UV-Strahlen, Ozon, Rauch) reagiert - und mit welchen Mitteln die dadurch bewirkten Alterungsphänomene zu bekämpfen sind.
Bisher mussten neue Hautmittel aufwendig und über jahrelange Versuchsreihen am Menschen (in vivo) getestet werden. Künstliche Hautmodelle (in vitro), mit denen in der Industrie inzwischen fast alle arbeiten, basieren aber in der Regel nur auf einem Zelltyp. Die vielfältigsten Vorgänge unserer Haut, insbesondere die Kommunikation der Zellen untereinander, sind so nicht zu imitieren.
Anders ist es bei der neuen Henkel-Haut, verspricht Thomas Förster, Forschungsleiter »Biochemie Haut": Zwei Jahre lang hat sein Team zusammen mit einer französischen Universitätsklinik geforscht, seit einem Jahr arbeiten die Düsseldorfer bereits routinemäßig mit »Henkels Hautequivalent«, so der interne Name.
Und das enthält, analog zur menschlichen Hülle, wichtige Zelltypen wie Fibroblasten, Keratinozyten oder auch die für die Bräunung der Haut verantwortlichen Melanozyten.
Wie rosafarbene, pfenniggroße Fingerkuppen schwimmen die synthetischen Konstrukte auf einer Nährlösung. Nach jeweils fünf Wochen sind sie ausgereift, und dann können die Versuche beginnen.
Mehrere tausend Wirkstoffe werden nun in ihrem Verhältnis zur Haut getestet. »10 bis 20 sehr viel versprechende Stoffe wollen wir insgesamt identifizieren«, sagt Förster; erste Treffer seien bereits die Basis künftiger Cremes.
Dabei setzt Henkel momentan vor allem auf Stoffe aus der Natur. In Spitzbergen am Polarmeer zum Beispiel wird nach Wirkstoffen aus Algen gesucht. Auch an einem in der Südsee schwimmenden Plankton hat Förster reges Interesse: »Wir suchen Organismen, die unter extremen Bedingungen leben«, sagt er, »und wollen von ihren Mechanismen lernen.«
Die aufwendige Suche nach solchen Stoffen beschäftigt zurzeit alle in der Industrie. Aber nur L'Oréal und Henkel, behauptet Förster, hätten die komplexen Hautmodelle, um die neuen Wirkstoffe schnell zu prüfen. Ein möglicherweise großer Schritt für die Industrie und vielleicht sogar für die Menschheit.
Seit der Antike versuchen Menschen, die Haut jung zu halten. Öl und Eselsmilch, Wässerchen und Cremes sollen seit jeher die Falten glätten. Einige tausend Varianten sind in den vergangenen Jahrzehnten hinzugekommen - mit mäßigem Erfolg. Aber das ist egal, denn schon an der unerfüllten Sehnsucht der Menschen lässt sich prima verdienen.
Während die Ausgaben für Zahnpflege oder Seifen hier zu Lande seit einiger Zeit fallen, steigen sie bei der Hautpflege steil an. Fast vier Milliarden Mark haben die Deutschen 1999 dafür ausgegeben, nur für Shampoos haben sie noch mehr bezahlt. Nichts an ihrem Körper ist den Menschen mehr wert als Haut und Haare.
Emsig arbeiten deshalb die Kosmetikkonzerne an neuen Formeln, um im Geschäft mit der Schönheit zu gewinnen. So viel ist klar: Wer die Superformel für junge Haut - wenn es sie denn gibt - findet, hat mit einem Wimpernschlag Milliarden Frauen (und Männer) auf seiner Seite.
Rund 660 Millionen Mark steckt allein L'Oréal ("Lancôme«, »Vichy"), Marktführer weltweit, jährlich in die Forschung; über 2200 Wissenschaftler tüfteln in ihren Labors an ständig neuen Verbindungen rund um die Grundstoffe Öl und Wasser.
Wie ein Zwerg wirkt dagegen Henkel im Wettlauf der internationalen Kosmetikkonzerne. Das Traditionsunternehmen war durch Waschmittel groß geworden und erwirtschaftet bis heute mit Chemie-, Reinigungs- und Klebeprodukten ("Pritt") den größten Teil seines Umsatzes.
Zwar erklärte der damalige Konzernchef Winkhaus schon vor Jahren die Kosmetik zum Geschäft der Zukunft. Mit dem Kauf des Haarwaschmittelproduzenten Schwarzkopf ("Schauma") schaffte Henkel 1995 zumin-dest in Deutschland bei der Körperpflege den Sprung nach vorn. Doch die Hautpflege hat dazu wenig beigetragen: Hier kommt Henkel nur auf einen Marktanteil von 5,8 Prozent, Beiersdorf schafft mit der Marke »Nivea« 25 Prozent.
Winzig ist im Vergleich auch der Forschungsaufwand der Düsseldorfer. Nur gut 50 Wissenschaftler arbeiten bei Henkel im Bereich Biochemie Haut und der nachgeordneten Produktentwicklung. Auch der Forschungsetat für die Kosmetiker ist gering: Nur 1,5 Prozent vom Spartenumsatz, knapp 55 Millionen Mark, wurden laut Geschäftsbericht 1999 in die Wissenschaft investiert, fast zwei Millionen Mark weniger als im Vorjahr.
Und doch: Wenn Förster seine Vision für die nächsten Jahre formuliert, dann gibt er sich sehr sicher: »50-jährige Frauen werden die Haut einer 30-Jährigen haben, wenn sie rechtzeitig und regelmäßig unsere Cremes auftragen.« Henkel werde die Haut »stimulieren und reparieren«, die Alterungskurve werde deutlich abflachen.
»Mit unseren Produkten«, sagt Förster, »werden wir einen Fortschritt schaffen wie beim Übergang vom Fahrrad zum Automobil.«
»Wenn Henkel so ein standardisiertes organotypisches Modell hat, wird das ein Riesenthema für die Industrie«, sagt der Hamburger Dermatologieprofessor Volker Steinkraus. Zum Beispiel für Beiersdorf: Die Nivea-Forscher arbeiten nach wie vor mit kommerziellen, einfachen Hautmodellen - und verlassen sich im Übrigen auf Tests am Menschen.
Auch Joachim Gottfreund, Forschungschef von Sebapharma ("Sebamed") verfügt über kein der Henkel-Haut vergleichbares Verfahren. Zurzeit brauchen seine Versuche bis zur Produkteinführung drei bis fünf Jahre. »Wenn wir eine komplexe Kunsthaut hätten«, sagt er, »wären wir um Jahre schneller und könnten erhebliche Kosten einsparen.«
Wann und ob die Supercreme kommt und wie sie wirkt, kann noch keiner genau sagen. »Ein ganzes Lotterleben«, so viel ahnt Armin Wadle, Chef der kosmetischen Produktentwicklung bei Henkel, »werden unsere Produkte wohl nicht ausgleichen.« Tiefe Furchen, meist durch zu viel Sonnenbrutzeln und Rauchen entstanden, bleiben auch künftig ein Fall für den Schönheitschirurgen.
Um die Gesichtskluften gleich ganz zu vermeiden, empfiehlt sich ohnehin in frühen Jahren der Weg ins Kloster - angeblich das sicherste Rezept für junge Haut bis ins höchste Alter. Nonnen, die nur einmal täglich über den Kreuzgang huschen, haben oft noch mit 80 eine Haut wie ein Babypopo. FRANK HORNIG