Ex-Notenbankchef Greenspan kassierte und plauderte
Hamburg - In der Wall Street runzeln viele die Stirn über den ehemaligen Chef der Federal Reserve. Denn kaum eine Woche nach seinem Ausscheiden aus dem Amt, plauderte er für ein üppiges Honorar vor ausgewählten Publikum über seine frühere Arbeit.
Auf einer Feier - Gastgeber war die Investmentbank Lehman Brothers - ließ Greenspan sich unter anderem darüber aus, dass Analysten die Bereitschaft der Fed unterschätzen würden, die Zinsen noch weiter anzuheben. Mit Blick auf die Aktienmärkte äußerte er sich Zuhörern zufolge eher positiv. Nach Informationen der Londoner "Times" habe er sich den Vortrag mit 100.000 Dollar bezahlen lassen - mehr als die Hälfte seines Jahresgehalts bei der Notenbank, die ihm 2005 insgesamt 180.100 Dollar zahlte.
Andere Quellen berichten, Greenspan habe sich in einer Videobotschaft an Investoren in Tokio auch über steigende Gold- und Ölpreise ausgelassen - laut "Times" für 120.000 Dollar. "Was manchen die Zornesröte ins Gesicht treibt, ist die Tatsache, dass er nur wenige Tage, nachdem er die Fed verlassen hat, über die Politik der Notenbank und über die Wirtschaft spricht. Dabei sind seine Kenntnisse noch frisch und haben Einfluss auf die Märkte", sagte Analyst David Gilmore der Agentur Reuters. Außerdem könnten die Bemerkungen Greenspans seinen Zuhörern einen wirtschaftlichen Vorteil verschaffen.
"Ich bin ein wenig verblüfft"
Die Berichte über Greenspans Zinskommentare gaben dem Dollar einen Schub, weil Händler daraus schlossen, dass der Zinssatz in den USA weiter steigen wird. Dies könnte Investitionen in US-Anleihen lukrativer machen. Noch an Greenspans letztem Tag im Amt, am 31. Januar, hatte die Federal Reserve den Zinssatz zum 14. Mal in Folge erhöht - er stieg um 0,25 Punkte auf 4,5 Prozent.
Beobachter der US-Notenbank zeigten sich zudem verwundert darüber, dass Greenspan sich so frühzeitig nach seinem Dienstende zu aktuellen Entwicklungen äußere - noch bevor sein Nachfolger Ben Bernanke seine Ansichten habe verdeutlichen können. "Ich bin ein wenig verblüfft", sagte ein Experte, der anonym bleiben wollte, laut Reuters. "Während seiner Amtszeit war Greenspan vernünftig und umsichtig. Ich hätte nicht gedacht, dass er so schnell in den privaten Sektor wechselt."
Eine Sprecherin von Greenspan Associates, einer Beratungsfirma, die Greenspan gegründet hat, wollte sich zu der Kritik an ihrem Chef nicht äußern. Weggefährten Greenspans bei der Notenbank verteidigten ihn dagegen. "Greenspan hat ein Gefühl dafür, was angemessen ist und was nicht. Ich bin mir sicher, dass er sich mit öffentlichen Bemerkungen zu geldpolitischen Fragen zurückhält", erklärte der frühere Notenbanker Lyle Gramley laut Reuters. "Ich wüsste nicht, was er falsch gemacht hat."
Greenspan war achtzehneinhalb Jahre Chef der US-Notenbank. In den letzten Jahren seiner Amtszeit galt er als mächtigster Geldpolitiker der Welt und als Garant für wirtschaftliche Stabilität in den USA.
kaz/rtr