Ex-Notenbankchef Hildebrand: Irrtum Privatsphäre - DER SPIEGEL
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Ex-Notenbankchef Hildebrand Irrtum Privatsphäre

Darf ein Notenbankchef die profitablen Devisengeschäfte seiner Frau als Privatangelegenheit abtun? Den Ex-Präsidenten der Schweizer Nationalbank Philipp Hildebrand kostete diese Naivität den Job. Doch so mancher Manager verhält sich deutlich hemmungsloser. Das darf nicht so bleiben.
Von Beat Balzli
Ex-Notenbankchef Hildebrand: Unprofessionelles Verhalten
Ex-Notenbankchef Hildebrand: Unprofessionelles Verhalten

Ex-Notenbankchef Hildebrand: Unprofessionelles Verhalten

Foto: MICHAEL BUHOLZER/ REUTERS
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vergangenen Donnerstag verließ die Familie Hildebrand den Zürcher Nobelitaliener "Conti" um 21 Uhr 58. Die Paparazzi der Schweizer Boulevardzeitung "Blick" schossen das Paar vor der Eingangstür des Restaurants ab. Doch was geschah in den Stunden davor? Hatte sich Kashya Hildebrand für die Kartoffelgnocchi mit Morcheln für 32 Franken entschieden? Oder doch für die Seezunge vom Grill für 62 Franken? Hatte ihr Gatte Philipp Hildebrand dasselbe gewählt? Oder bewies er eine starke Persönlichkeit und orderte Spaghetti mit Venusmuscheln für 36 Franken?

In der Affäre um die möglichen Insidergeschäfte des zurückgetretenen Präsidenten der Schweizerischen Nationalbank bleiben viele Fragen unbeantwortet. Das ist gut so. Die Öffentlichkeit muss nicht wissen, wofür ein Zentralbanker sein Geld am Feierabend ausgibt. Doch bei der Seezunge endet die pekuniäre Privatsphäre auch schon. Die Öffentlichkeit muss wissen, wie ein Zentralbanker sein Geld investiert. Nur so lassen sich Reputationsschäden für die Arbeitgeberin verhindern.

Erschreckend naiv tätigte Hildebrand opulente Devisengeschäfte

Hildebrand erkannte den Unterschied zu spät. Erschreckend naiv ging er davon aus, dass die Familie des obersten Währungshüters wie jedermann opulente Devisengeschäfte tätigen darf. Für sein unprofessionelles Verhalten musste er zahlen.

Mit dem Irrtum über die Grenzen der Privatsphäre steht Hildebrand freilich nicht alleine da. So mancher Top-Manager glaubt jenseits des Büros immer noch an die grenzenlose Freiheit. Einzig Insidertransaktionen mit den Aktien des eigenen Unternehmens gelten nicht mehr als Kavaliersdelikt. Ansonsten scheint alles erlaubt, egal wie viele Interessenkonflikte im Privatvermögen lauern.

Zur Fraktion der Hemmungslosen gehört etwa UBS-Chef Sergio Ermotti. In seiner Zeit als Vizechef der italienischen Großbank Unicredit störte es ihn nicht, dass seine private Investmentfirma von seinem Konzern Kredite in dreistelliger Millionenhöhe erhielt. Das Geld stammte von der Unicredit-Tochter Hypovereinsbank, wo Ermotti gar als Aufsichtsratschef tätig war. Nur der Druck der Öffentlichkeit bewog ihn zur Aufgabe seiner privaten Mandate. Wahre Läuterung sieht anders aus.

Diese Sicht der Dinge wird noch für viele Skandale sorgen. Großkonzerne und zentrale Institutionen müssen endlich dazu übergehen, die Privatanlagen des Spitzenpersonals systematisch zu überwachen. Von Treuhändern verwaltete Blind Pools, wie sie in den USA üblich sind, könnten eine Lösung sein. Interessenkonflikte wären von vornherein ausgeschlossen.

Hildebrand kümmert das nicht mehr. Er ist nun frei - und dürfte sich sogar im "Conti" mit einer Flasche Cristal von Louis Roederer für 370 Franken betrinken. Ganz privat.


Der Text ist erschienen in der schweizerischen "Handelszeitung"