INDUSTRIE »Existentielle Bedrohung«
Keitel, 61, ist seit 1. Januar Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) - und damit Sprachrohr für 100 000 deutsche Unternehmen mit rund acht Millionen Beschäftigten. Zuvor war er fast 15 Jahre Vorstandschef des Hochtief-Konzerns.
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SPIEGEL: Herr Keitel, wagen Sie eine wirtschaftliche Prognose für 2009?
Keitel: Das wäre fahrlässig. Wirtschaft und Politik können derzeit nur auf Sicht fahren ...
SPIEGEL: ... direkt in die schlimmste Rezession der Nachkriegszeit hinein?
Keitel: Von der Tendenz her, ja, auch wenn ich keine Schwarzmalerei betreiben möchte. Es ist eine so nie dagewesene Krise, die jedes Land der Welt und jeden Sektor trifft. Eine völlig neue Dimension für alle.
SPIEGEL: Die deutsche Autoindustrie hat es bereits voll erwischt. Ist der Klimaschutz ein zusätzliches Problem für die Branche oder ihre Chance?
Keitel: Generell ist Klimaschutz für die gesamte hiesige Industrie eine Riesenchance, weil wir mit unserem weltweit führenden Know-how beste Exportchancen haben. Da müssen wir uns jetzt auf die Pflicht konzentrieren, nicht auf die Kür - also nicht nur mit allerhöchstem Aufwand in Deutschland letzte Verbesserungen im Promillebereich anstreben, sondern massentaugliche Produkte für den Weltmarkt entwickeln und vertreiben.
SPIEGEL: Manche Politiker und Unternehmer fordern angesichts der Wirtschaftskrise, die Klimaziele zu lockern, die man sich aktuell nicht mehr leisten könne.
Keitel: Dahin bringen Sie mich nicht. Die politischen Ziele sind formuliert, wir erreichen sie nun allenfalls etwas langsamer.
SPIEGEL: Was sind derzeit die Hauptprobleme Ihrer Mitglieder? Auftragsrückgänge? Plötzliche Stornierungen? Kreditprobleme mit den Banken?
Keitel: All diese Effekte spielen zusammen. Anfangs noch theoretische Rückgänge von 20 Prozent beim Umsatz und fünf Prozentpunkten bei der Marge sind Szenarien, auf die sich Unternehmer heute vorbereiten sollten. Für etliche Firmen bedeuten bereits solche Entwicklungen eine existentielle Bedrohung. Umso schwerer kommt dann noch hinzu, dass die Kreditkonditionen sich eindeutig verschlechtert haben. Viele Arten von Darlehen gibt es schlicht nicht mehr.
SPIEGEL: Also existiert die vielbeschworene Kreditklemme längst.
Keitel: Wir sollten darüber nicht jammern, sondern mit den Banken offen die Probleme besprechen, damit wir gemeinsam aus dem Dilemma herausfinden.
SPIEGEL: Die Bundesregierung hat dafür doch einen 480 Milliarden Euro großen Rettungsschirm gespannt, unter den bislang aber nur wenige Geldinstitute schlüpfen ...
Keitel: ... auch weil die Konditionen für diese staatlichen Hilfen vielleicht im Detail geändert werden müssen.
SPIEGEL: Etwa?
Keitel: Mein Eindruck ist, dass es den Instituten schon helfen könnte, wenn man ihnen die Laufzeiten der Hilfen von drei auf fünf Jahre verlängern würde. Und die Gelder müssten auch schneller ausbezahlt werden als bislang.
SPIEGEL: Funktioniert der Rettungsschirm überhaupt, wenn er doch die Kreditklemme gar nicht verhindert?
Keitel: Wenn man bedenkt, was die Politik da in kürzester Zeit gestemmt hat, halte ich das Projekt auf jeden Fall für richtig.
SPIEGEL: Wie erklärt man dem Steuerzahler, dass der nun die Zeche zahlen soll für Größenwahn und Gier vieler Banker?
Keitel: Zunächst muss man ihm die Unterschiede klarmachen zwischen direkten Hilfen und Garantien. Da agieren auch manche Politiker populistisch und fahrlässig.
SPIEGEL: Es stehen immerhin 80 Milliarden Euro an Eigenkapital zur Verfügung ...
Keitel: ... was ich nicht kleinreden will. Aber die Banken bekommen all das nicht als Sektorhilfe oder aus Sympathie, sondern damit das Finanzsystem läuft. Auch die Banken müssen sich ihrer Verantwortung stellen. Wir alle reden letztlich über Geld, das wir gar nicht haben und das irgendwann zurückbezahlt werden muss. Selbst wenn der Staat 100 Milliarden ausgeben würde, könnte er allein das Gemeinwesen nicht retten. Aber er kann die richtigen Anreize geben, dass das System wieder in Gang kommt.
SPIEGEL: Die Bundesregierung will mit einem weiteren, 50 Milliarden Euro schweren Maßnahmenbündel die Konjunktur beleben. Ist das der richtige Weg?
Keitel: Der Umfang geht in Ordnung. Wir müssen aber darauf achten: Die Schuldenlast darf nicht so groß werden, dass noch unsere Kinder und Kindeskinder zahlen. Die Regierung sollte sich verpflichten, die neuen Kredite bis 2013 wieder zurückzuführen. Um nachhaltige Wirkung zu erzielen, müssen wir diejenigen entlasten, die unseren Wohlstand erarbeiten. Ich begrüße deshalb ausdrücklich, dass die Union im Vorgriff auf eine Steuerreform gezielt die Leistungsträger unserer Gesellschaft entlasten will.
SPIEGEL: Sie meinen die Spitzenverdiener in den Chefetagen der Industriekonzerne?
Keitel: Ich meine die Millionen von Facharbeitern und qualifizierten Angestellten, denen der Staat von jedem Verdienstzuwachs einen Großteil in Form von Steuern und Abgaben wieder wegnimmt. Den akuten Erleichterungen muss nach der Bundestagswahl aber eine große Reform folgen. Schon das Vertrauen darauf, dass es dazu kommt, würde jetzt helfen.
SPIEGEL: Das reicht an Akutmaßnahmen?
Keitel: Nein. Zweitens sind die geplanten Investitionsprogramme klar der richtige Weg. Da müssen sich aber auch Städte und Gemeinden jetzt beweglich zeigen. Ich zweifle bislang, dass die Kommunen das viele Geld für neue Straßen, Schulen oder Kanalnetze auch schnell genug ausgeben.
SPIEGEL: Es gibt auch Zweifel, dass die hiesige Baubranche die plötzliche Nachfrage überhaupt bedienen kann.
Keitel: Bei vielen Mittelständlern reicht das Auftragspolster oft keine zwei Monate. Die wären sehr dankbar, wenn es mehr Investitionen gäbe. Die Firmen werden die zusätzlichen Aufträge auf jeden Fall erledigen ...
SPIEGEL: ... aber mit überwiegend osteuropäischem Personal.
Keitel: Nach Jahren des Niedergangs kann die deutsche Baubranche nicht ruck, zuck neue Kapazitäten aufbauen. Aber auch ausländische Arbeitnehmer geben ihr Geld dann hier und für deutsche Produkte aus. Und mein dritter Punkt: Den Unternehmen muss dabei geholfen werden, möglichst wenig Menschen in die Arbeitslosigkeit schicken zu müssen.
SPIEGEL: Wie schafft man das?
Keitel: Indem der Staat beispielsweise Fortbildung mitfinanziert für Leute, die nun in Kurzarbeit geschickt werden. Das würde dem Arbeitsmarkt helfen und zugleich dringend notwendige Bildungsmaßnahmen forcieren.
SPIEGEL: Sind Sie zufrieden mit dem, was CDU-Kanzlerin Angela Merkel und SPD-Finanzminister Peer Steinbrück bislang auf den Weg gebracht haben?
Keitel: Ich kenne die Kritik, sehe aber auch, wie schnell die Regierung in dieser einzigartigen Situation bislang agiert hat. Und ich als Ingenieur habe eine gewisse Sympathie für die analytische Sorgfalt, mit der in Berlin die Probleme angegangen wurden. Für mich stehen nicht Parteien, für mich steht Politik im Vordergrund. Ob Berlin da auf dem richtigen Weg ist, wird der BDI in diesem Superwahljahr klar kommentieren.
SPIEGEL: Ihr Verband wurde in der jüngeren Vergangenheit kaum noch wahrgenommen. Wird sich das unter Ihrer Ägide ändern?
Keitel: Meine Wahrnehmung ist da eine andere. Aber man muss auch nicht alle Debatten auf dem Marktplatz austragen. Wichtig ist, dass wir den im BDI versammelten Sachverstand bündeln und uns weiter für die Interessen der deutschen Industrie einsetzen, die echte Werte schafft.
SPIEGEL: Also hat auch der verbandsinterne Hickhack ein Ende?
Keitel: Ich weiß, dass es in und unter einem Dachverband wie unserem immer konträre Meinungen gibt. Aber wir dürfen uns angesichts des Ernstes der Lage nicht im Klein-Klein verheddern. So was hilft nur billigen Populisten, die dann gern unsere soziale Marktwirtschaft in Frage stellen ...
SPIEGEL: ... deren Image bereits schwer gelitten hat - nicht erst seit der jetzigen Krise. Wir erinnern nur an die Affären rund um VW oder Siemens, Lidl oder Telekom.
Keitel: Es sind seit längerer Zeit die immer selben Beispiele. Zum Glück sind die anständigen Unternehmer und Manager in der übergroßen Mehrheit. Jeder, der in einer Führungsposition ist, stellt einen Teil der hiesigen Elite dar - und trägt persönlich Verantwortung für unsere soziale Marktwirtschaft. Was katholische Soziallehre und evangelische Kirche da neuerdings zu bieten haben, ist überraschend praxisnah ...
SPIEGEL: ... und erstaunlich wirtschaftskritisch, wenn man etwa das Buch des Münchner Erzbischofs Reinhard Marx liest.
Keitel: Vieles, was den Verfall von Werten und Vertrauen angeht, sehe ich wie die großen Kirchen. Ja, es gibt einen rapiden Glaubwürdigkeitsverfall. Meine eigene Branche, der Bau, gehörte lange sicher nicht zu den transparentesten, aber auch die hat mittlerweile einen erstaunlichen Wandel hinter sich. Moral ist nichts Abstraktes für die Sonntagspredigt, sondern etwas unglaublich Pragmatisches.
SPIEGEL: Sie waren für Hochtief einst in vielen Entwicklungsländern und wissen demnach, wie Korruption funktioniert.
Keitel: Wenn Sie in Urlaub fahren, wissen Sie auch, wo Malaria vorkommt - und bereiten sich darauf vor. Ähnlich verhält es sich mit Korruption. Ich bin als junger Mann auch rausgeschickt worden, hatte keine Ahnung und konnte froh sein, dass ich den richtigen Kompass hatte. Heute werden Nachwuchskräfte exzellent vorbereitet und können jederzeit zu Hause bei der Ethik-Hotline ihres Unternehmens anrufen. Kann sein, dass sie dann gleich die Order bekommen, mit dem nächsten Flieger zurückzukommen. Und manche Länder finden Sie in den Auftragsbüchern von Hochtief schon seit zehn Jahren nicht mehr.
SPIEGEL: Sie haben sich mit der Korruptions-Malaria nie infiziert?
Keitel: Nein.
INTERVIEW: MICHAEL SAUGA, THOMAS TUMA