Existenzgründer: Lichtblick im Land der Angsthasen - DER SPIEGEL
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Existenzgründer Lichtblick im Land der Angsthasen

Kassel hat bundesweit die höchste Quote der Sozialhilfe-Empfänger: Jeder Zehnte erhält hier Stütze. Die Kommune fördert seit ein paar Jahren besonders die Existenzgründer unter ihnen. Die Bilanz halten Experten für "außergewöhnlich". Vielleicht eine Alternative zur Ich AG?
Von Mia Raben
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kassel - Hinter dem Lenkrad des weißen Mercedes sieht Burkhard Walter mit seiner Rayban-Sonnenbrille und dem Schnurrbart nicht gerade aus wie ein Beamter. Eher wie die deutsche Version von Don Corleone. Er kurvt durch seine Stadt Kassel, durch das Viertel "Am Stern". An fast jeder Straßenecke sagt er Sätze wie: "Da rechts die sind von uns, das läuft gut. Und der da hinten links auch. Und der hier auch." Walter zeigt auf Teppichläden, Imbisse, Friseure, Restaurants.

Die Inhaber all dieser Läden, sie fürchten sich nicht vor dem ein Meter neunzig großen Mann. Ganz im Gegenteil. Sie heißen ihn willkommen, schütteln ihm heftig die Hand, zeigen stolz ihre Läden. Die meisten sind ihm dankbar. Oder sie wollen ihn von einer neuen Geschäftsidee überzeugen. Denn all diese verschiedenen selbstständigen Inhaber, Pächter und Besitzer haben eines gemeinsam: Sie hingen früher einmal, oft jahrelang, am kommunalen Tropf. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts gab Deutschland im Jahr 2002 gut 9,8 Milliarden Euro für die so genannte "Hilfe zum Lebensunterhalt" aus.

Seit 1998 begleitet Burkhard Walter als Projektleiter und Berater seine "Kunden", die sich selbstständig machen wollen. "Ich höre mir jede Idee an", sagt Walter, "man muss Service orientiert denken." Wenn die Machbarkeit der Idee geprüft, Standort- und Marktanalysen angefertigt und gemeinsam Konzepte erarbeitet sind, dann schließt Walter Verträge ab: Einen über finanzielle Modalitäten und einen über das Verhalten beider Seiten.

"Schlafen sie doch unter der Brücke!"

Bei jedem Zweiten helfen professionelle Unternehmensberater, wie Klaus Zindl. Abends trinken Walter und Zindl gern mal eine Flasche Rotwein, um "einzelne Fälle in Ruhe zu besprechen", sagt Duzfreund Walter. Bei so intensiver und dabei professioneller Betreuung öffne sich auch bei engstirnigen Sparkassen so manche Tür, berichten die beiden. "Die Deutschen sind ein Volk der Angsthasen", sagt Walter. Mit Walters Hilfe haben sich bisher 574 Sozialhilfeempfänger zu stolzen Existenzgründern hochgearbeitet.

Sylvia Haas ist eine "absolute Powerfrau", wie Walter versichert, während er vor ihrem Büro einparkt. Nachdem ihr Ehemann sie und ihre Tochter verlassen hatte war sie auf die Sozialhilfe angewiesen. Auf dem Sozialamt erlebte sie den typischen Behördenhorror. Erste, noch wackelige Gehversuche, sich als erfahrene Vermögensberaterin selbstständig zu machen, wurden kaltherzig abgeblockt. "Es reicht mir langsam mit ihnen. Schlafen sie doch mit ihrer Tochter unter der Brücke", soll der Sachbearbeiter damals zu ihr gesagt haben.

Die Willkür der Beamten ist schwer verzeihlich. Doch die am finanziellen Abgrund entlang wirtschaftenden Kommunen stehen massiv unter Druck zu sparen. Und das wirkt sich scheinbar auch auf die Moral der Mitarbeiter aus. Nicht jeder ist so kampfbereit wie Sylvia Haas, die damals die Amtstube verließ und sich sagte: "Pass mal auf! In zwei Monaten verdiene ich mehr als Du!"

Arbeiten wie ein Grubengaul

Gesagt, getan. Sie erkundigte sich im Sozialamt nach Möglichkeiten und stieß sofort auf den Namen "Walter". Mit einem Darlehen von 1000 Euro, das sie längst zurückgezahlt hat, förderte Burkhard Walter ihre Idee. Heute ist die allein erziehende Mutter erfolgreiche Agenturleiterin für die Deutsche Vermögensberatung. Drei Mitarbeiter bildet sie in ihrem Büro aus. Bald werden auch sie selbstständige Vermögensberater sein. In ein paar Tagen fährt Sylvia Haas mit ihrer vierjährigen Tochter Aileen in den Urlaub an die Nordsee. "Ich verdiene sehr gut", sagt sie.

Ganz so gut läuft es bei Mohamed Fathalla noch nicht. Der Iraki lebte mit seiner Frau und den zwei Kindern sechs Jahre lang von der Sozialhilfe. Seit drei Jahren hat er eine eigene Änderungsschneiderei. Fathalla sagt, er arbeite zehn bis zwölf Stunden am Tag, und dennoch reichten die Einkünfte nur knapp. "Wir gehen nie ins Kino, rauchen oder trinken nicht, und nehmen seit zehn Jahren keinen Urlaub. Trotzdem reicht es nicht", klagt er. Dabei ballt er die Fäuste und beißt die Zähne zusammen. Mit ruhiger Stimme sagt er dann: "Wir wollen einfach nur normal leben. Mehr nicht."

Deshalb will der Schneider jetzt expandieren. Nebenan ist gerade ein größerer Laden frei geworden. Nun plant er, sich eine Maschine anzuschaffen, um T-Shirts zu bedrucken. Doch die kostet 8000 Euro - für ihn eine utopische Summe. Burkhard Walter wird "tun was ich kann" für diesen "sympathischen Mann, der wie ein Grubengaul arbeitet". Diese Woche noch will er für Fathallah mit der Firma, die Druckmaschinen verkauft, eine Ratenregelung aushandeln. "Das krieg ich hin", sagt er.

2,4 Millionen Euro im Jahr gespart

Doch ein barmherziger Samariter, der Almosen vergibt, ist Walter keineswegs: "Ich sage auch oft Nein". Denn genau wie seine Kunden muss auch er betriebswirtschaftlich haushalten - für einen deutschen Verwaltungsangestellten wohl eher die Ausnahme. Immerhin seien es Steuergelder, die er da verwalte. Steuern verwalten - das klingt nach Trägheit und staubiger Bürokratie. Es passt so gar nicht zu der unternehmerisch analytischen, aber auch menschlichen Art dieses sonnengebräunten Mannes, der in seiner Freizeit Golf spielt.

150 000 Euro darf er jedes Jahr in Form von Darlehen an Existenzgründer vergeben (durchschnittlich 5000 Euro pro Gründung). Dabei hat er viel Handlungsspielraum, kann jeden Fall einzeln behandeln. Das bedeutet aber auch: Ein Risiko für die Verwaltung - das sich auszahlt: Abzüglich der Darlehen und in Anspruch genommenen Bürgschaften spart die Stadt Kassel durch die nicht ausgezahlte Sozialhilfe nach eigenen Angaben jährlich knapp 2,4 Millionen Euro.

Als positiver Nebeneffekt kommen neu geschaffene Arbeitsplätze hinzu. Der Anteil der Betriebe, die seit 1998 im Projekt gescheitert sind, liegt bei 13 Prozent. Das klingt unglaublich. Was sagen die Experten dazu? Mathias Bucksteeg, ehemals Berater im Kanzleramt und heute Deutschland-Direktor des Forschungsinstituts Prognos, bezeichnet Walters Zahlen ("wenn sie denn stimmen") als "wirklich erstaunlich" und "außergewöhnlich".

Wenig erneuernde Kräfte

Bucksteeg hat in einer bundesweiten Studie die Zukunftsfähigkeit aller Städte und Landkreise analysiert. Der Stadt Kassel schreibt er ein bedenkliches Zeugnis aus: Die Bevölkerung altert rapide, die Kaufkraft ist gering, und es gibt wenig erneuernde Kräfte. "Dieser Zusammenhang macht die Zahlen noch besser" sagt Bucksteeg. Den Erfolg erklärt sich Bucksteeg durch zwei Faktoren: Die Kompetenz der Berater und die Flexibilität des Programms.

Warum klappt es in vielen anderen Kommunen bei ähnlichen Projekten nicht ganz so gut? Zunächst würden viele Kommunen den Existenzgründern Kredite gewähren. Doch eine langfristige Betreuung bleibe meist aus. Deshalb ist Bucksteeg bei "solchen Gründungsinitiativen auch grundsätzlich skeptisch".

Bei der Ich AG fehlt die Betreuung komplett. Hier reicht es, eine Seite Formular auszufüllen und schon fließen monatelang die Gelder. Viele Experten erwarten schon die Welle der Unternehmenspleiten, rechnen mit Scheiterquoten von 50 Prozent.

Russische Jagdreisen und Intimfrisuren

Bei den Existenzgründungen sind die Zahlen seit Jahren tendenziell rückläufig, wie das Statistische Bundesamt bestätigt. Dass Sicherheit bei zu vielen Menschen vor individueller Freiheit stehe, sagt Walter auch. Und das Institut Allensbach gibt ihm Recht. Eine Mehrheit der Deutschen findet eine möglichst große Sicherheit wichtiger als die persönliche Freiheit.

Walters Neu-Unternehmer sind den freien Kräften des Marktes allerdings nicht hilflos ausgeliefert. Saisonal bedingte Flauten bei geförderten Existenzgründern, die ein ansonsten gesundes Geschäft leiten, überbrückt Walter schon mal mit ein paar Monaten Sozialhilfe. Wenn etwa ein Schrotthändler in den Wintermonaten an existenzielle Grenzen stößt, rettet Walter mit einem monatlichen Zuschuss den Betrieb und damit seinen Gründer vor der Arbeitslosigkeit.

Neben russischen Jagdreisen in Weißrussland fördert Walter auch eine Intimfriseurin mit Kontakten zu Swingerclubs. Walter sagt nur: "Ich bin doch kein Moralapostel". Wenn die Kunden Erfolg haben, hat auch er Erfolg. Walter fährt durch die Stadt und sagt, das mache ihn glücklich. Und: "Das ist mein einziges Interesse: Dass ich glücklich bin. Ich bin eben ein bodenloser Egoist."