Expansion: Bertelsmanns langer Marsch nach China - DER SPIEGEL
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Expansion Bertelsmanns langer Marsch nach China

Bertelsmann-Chef Middelhoff hat auf seiner China-Reise Kommunisten umgarnt, ein Druckerei-Projekt besiegelt und weitere Geschäfte angebandelt. Nach dem Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation drängt er mit Macht auf den Milliarden-Markt. Doch rechtliche Hürden bremsen seinen Vorstoß.
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Gütersloh/Schanghai - Thomas Middelhoffs Vorliebe für New York bringt ihm bisweilen Spott und Hohn ein. Möglichst zwei Wochen pro Monat arbeitet er im 24. Stock des Bertelsmann-Building in Big Apple. Manchen gilt das als Allüre eines Managers, der den ostwestfälische Firmensitz Gütersloh am liebsten hinter sich lassen möchte. In Middelhoffs Welt aber gibt es offenbar eine Stadt, die mit New York konkurrieren kann: Schanghai, die südchinesische Boom-Metropole. Wenn man in Schanghai auf die Wolkenkratzer blicke, soll Middelhoff bei einer früheren China-Reise gesagt haben - dann könne man glauben, man sei in New York. Aus Middelhoffs Mund ein gewichtiges Kompliment

In dieser Woche hat Middelhoff die Skyline Schanghais abermals gesehen, auch in die Hauptstadt Peking ist er gejettet. Er hat sich mit den Propaganda- und Medien-Vertretern der Kommunistischen Partei getroffen, die Hände von Managern des staatlichen Radios geschüttelt. In Interviews mit chinesischen Medien legte er ein Versprechen ab: In der kommenden Dekade wolle er mindestens viermal im Jahr ins Reich der Mitte fliegen - immer auf der Suche nach Partnern vor Ort. "Unser Geschäft in China tritt in eine neue Phase ein", kündigte Middelhoff an.

Umsatzanteil soll verfünffacht werden

Bisher stammen gerade zwei Prozent des Bertelsmann-Umsatzes aus China. Nach dem Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation (WTO) drängen die Deutschen - wie auch AOL Time Warner oder Rupert Murdoch - aber mit aller Macht auf den Markt mit einer Milliarde Menschen. In zwölf Jahren sollten zehn Prozent der Umsätze aus dem Riesenland stammen, wird Middelhoff in der chinesischen "Business Weekly" zitiert. In dieser Woche hat er daran gearbeitet, das Ziel zu erreichen.

Wie viele Verträge Middelhoff bei seiner mehrtägigen Reise ausgehandelt oder vorbereitet hat, das ist von Bertelsmann-Sprechern nicht offiziell zu erfahren. Erst einmal dementiert haben die Gütersloher einen Bericht der Zeitung "Shanghai Daily". Darin hatte es geheißen, der Medienkonzern wolle Rongshu.com kaufen, die größte chinesische Literatur-Website, die nicht nur selbst veröffentlicht, sondern auch Autoren und Medien unter Vertrag hat. Schon in den kommenden zehn Tagen solle der Erwerb unter Dach und Fach sein, als Kaufpreis wurden 120.500 Dollar genannt.

Druckerei für 130 Millionen

Ein Kauf von Rongshu.com abe hätte andere potenzielle Partner Bertelsmanns in China abschrecken können - wohl deshalb hatten die Deutschen kein Interesse daran. Ohnehin kooperiert Bertelsmann bereits mit Rongshu und will die Partnerschaft fortsetzen.

Ein wesentlich teureres Geschäft haben die Bertelsmänner Anfang der Woche mit einem "Letter of Intent" besiegelt. Für zunächst 29 Millionen Dollar in der Anfangsphase und 100 Millionen Dollar in den nächsten zehn Jahren wollen die Deutschen eine Druckerei in Schanghai aufbauen. Als örtliche Partner treten die Shanghai Packaging Group und die Shanghai Printing Group auf, die Anteile teilen sich Deutsche und Chinesen fifty-fifty. Mittelfristig soll die neue Tochter zu einem der größten Druckhäuser des Landes aufgebaut werden. Auch eine Expansion in den Bereichen Fernsehen, E-Business und Radio stehe auf der Tagesordnung, sagte Middelhoff.

Winziger Brückenkopf

Ganz einfach wird der Vorstoß ins kommunistisch-kapitalistische Zwitterland nicht - selbst wenn Bertelsmann nun seinen Südostasien-Sitz nach Schanghai verlegen will. Auch das Druckerei-Joint-Venture muss noch von den Zentralbehörden genehmigt werden, berichtet "Business Weekly". Bei ihrem Beitritts zur WTO hat die chinesische Regierung durchgesetzt, dass der rigide regulierte Medienmarkt für ausländische Investoren vorerst Sperrgebiet bleibt. Bertelsmann hat zwar bei mehreren vorherigen Vorstößen seit 1993 eine chinesische Tochter seines Web-Buchhändlers Bol.com gegründet. Zugleich betriebt der Konzern den größten - und bei seiner Gründung 1997 ersten - Buchclub Chinas. Der aber hat "nur" 1,5 Millionen Mitglieder - und in einem Milliardenvolk demnach einiges Nachholpotenzial.

Außerdem sind die rund zehn Bertelsmann-Ableger vor allem auf die Metropole Schanghai konzentriert, das Hinterland ist weitaus schwieriger zu erschließen. Auch sind die zehn Töchter in China als Joint Ventures organisiert, werden zusammen mit chinesischen Partnern betrieben. Ohne die Kleinen vor Ort sind den Giganten der internationalen Medienbranche die Hände gebunden.

Middelhoffs Kulturphilosophie

Das passt zwar zur offiziellen Bertelsmann-Linie - man wolle nicht wie AOL Time Warner einfach westliche Inhalte importieren, sondern mit Chinesen in China chinesische Programme erstellen, schießen die Güterloher gegen die Konkurrenz. Diese Fesselung an Firmen-Ehen gehorcht allerdings auch den chinesischen Gesetzen, die direkte ausländische Investitionen im Mediengeschäft streng reglementieren.

Während also die Zahl der verhandelten Verträge überschaubar bleibt, betätigt sich Middelhoff schon einmal als Kulturphilosoph. Ein Bertelsmann-Presseinfo zitiert ihn mit der Aussage: "Die europäische Kultur, vor allem die deutsche, hat viel mit der Kultur der Chinesen gemeinsam. Das wird die Grundlage für den Erfolg unserer Zusammenarbeit sein."