Expansion: DiBa will Commerzbank bis 2005 deklassieren - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Expansion DiBa will Commerzbank bis 2005 deklassieren

Lange war sie nur eine kleine Direktbank, nun lehrt sie Konkurrenten das Fürchten: Keine andere deutsche Bank wuchs 2002 schneller als die DiBa, durch eine Übernahme gewinnt sie jetzt eine weitere Million Kunden. SPIEGEL ONLINE sprach mit Vorstandschef Bernhard Hafner über Expansionsziele und Grenzen des Wachstums.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Herr Hafner, nach dem jüngst beschlossenen Kauf des Konkurrenten Entrium werden Sie fast drei Millionen Kunden betreuen. Schon bald könnten Sie nach Kundenzahl die Citibank in Deutschland überholen - immerhin ein Ableger des weltgrößten Finanzkonzerns. Wann ist es soweit?

Bernhard Hafner: Noch in diesem Jahr, hoffen wir. Mit viel Glück im ersten Halbjahr.

SPIEGEL ONLINE: Und wie viele Kunden haben Sie in zwei Jahren?

Hafner: Schwer zu sagen - vielleicht fünf Millionen.

SPIEGEL ONLINE: ... und damit deutlich mehr als die Commerzbank oder die HypoVereinsbank?

Hafner: Ja, sicher. Es sei denn, beide erreichen ein kräftiges Wachstum im Privatkundengeschäft. Aber das halte ich für ausgeschlossen.

SPIEGEL ONLINE: Noch Anfang 2002 lagen Ihre Kundenzahlen unter einer Million. Sie selbst haben früher den Online-Brokern wie comdirect und ConSors vorgeworfen, diese hätten nach einer kurzen Phase extremen Wachstums das Augenmaß verloren. Besteht nicht das Risiko, dass auch Sie nun in diese Falle tappen?

Hafner: Die Discount-Broker hatten ein sehr gefährliches Geschäftsmodell, denn sie haben im Prinzip auf ein einziges Produkt gesetzt, den Aktienhandel. Das habe ich immer mit dem Blumenkohl verglichen, den der Landwirt anbaut. Wenn den Kunden der Blumenkohl nicht mehr schmeckt, ist der Landwirt fast pleite. Wir sind ungleich breiter aufgestellt und bieten, meist billiger, alle Produkte einer klassischen Hausbank - die braucht man auch in zehn, zwanzig Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie eigentlich Konkurrenten gekauft, anstatt weiter aus eigener Kraft zu wachsen? Auch das hat ja erfolgreich funktioniert.

Hafner: Für die 980.000 Entrium-Kunden haben ja wir keinen hohen Preis gezahlt, organisches Wachstum wäre ebenso teuer gewesen. Wir haben Entrium auch nicht primär wegen der Kunden gekauft, es ging uns um den neuen Standort Nürnberg. Unser Haus in Hannover ist voll, wir haben schon lange nach neuen Gebäuden Ausschau gehalten.

SPIEGEL ONLINE: Aber warum macht es für eine Direktbank ohne Filialen Sinn, mit Frankfurt, Hannover und Nürnberg drei Standorte zu betreiben? Steigert das nicht unnötig die Kosten?

Hafner: Nein, die Arbeitsplätze in Nürnberg sind erheblich billiger als die in Frankfurt, schon wegen der dort höheren Lebenshaltungskosten. Außerdem bekommen wir in Nürnberg altgediente Fachleute dazu - und einen Back-up-Standort für den Fall, das unsere Computer ausfallen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn es nach dem Preis-Argument geht, könnten Sie auch 2003 fleißig Übernahmen einfädeln. Viele Direktbanken und -broker dürften gerade billig zu haben sein.

Hafner: Bestimmt. Und wenn uns jemand gefragt hätte, ob wir Interesse an der Advance Bank haben - dann hätten wir auch das geprüft.

SPIEGEL ONLINE: Die Allianz will die Advance Bank auflösen - jetzt ist es zu spät.

Hafner: Das weiß ich gar nicht. Wenn es der Allianz nicht gelingt, die Kunden zur Dresdner Bank zu überführen - dann können sie sich immer noch an uns wenden.

SPIEGEL ONLINE: Trügt eigentlich der Eindruck, dass Ihr Mehrheitseigner - der niederländische Allfinanzkonzern ING - ehrgeiziger ist als Sie und Sie zu einer schnelleren Expansion drängt?

Hafner: Die ING Group ist ein dynamisches Unternehmen. Bevor sie bei uns einstieg, war unser Tempo niedriger. Aber solange unser Wachstum kontrollierbar bleibt, macht der Vorstand das mit - und ING würde uns nie zu etwas zwingen.

SPIEGEL ONLINE: ING würde vermutlich sogar in Kauf nehmen, wenn Sie 2003 Verluste schrieben - solange nur die Wachstumsrate stimmt.

Hafner: ING wäre einverstanden, aber wir als DiBa-Vorstand nicht. Im übrigen: Obwohl wir stärker denn je expandiert haben, lag unser Gewinn 2002 im niedrigen, zweistelligen Millionenbereich und damit höher als 2001.

SPIEGEL ONLINE: Dass Sie ihre Kundenzahl auch ohne Übernahme verdoppelt haben, liegt vor allem am "Extra-Konto", ihrem Tagesgeldkonto mit überdurchschnittlichen Zinsen. Wie viel Prozent ihrer Kunden haben ein Extra-Konto und sonst nichts?

Hafner: Wir führen insgesamt 1,8 Millionen Konten, davon sind eine Million Extra-Konten. Die meisten Tagesgeld-Kunden besitzen bisher nur dieses Produkt ...

SPIEGEL ONLINE: ... von dessen weiterem Erfolg Sie damit sehr abhängig sind.

Hafner: Unser erklärtes Ziel war ja, zunächst möglichst viele Neukunden hinzuzugewinn1en. Jetzt wollen wir eine Konsoldidierungsphase einlegen und müssen den Kunden zeigen, dass wir neben dem Extra-Konto auch anderes bieten wie hervorragende Kreditkonditionen und ein günstiges Wertpapierdepot.

SPIEGEL ONLINE: Aber wenn Wettbewerber für Tagesgeld mehr Zinsen bieten als Sie, könnten viele Ihrer gerade gewonnenen Kunden wieder auf Wanderschaft gehen.

Hafner: Die Wahrscheinlichkeit ist sehr gering. Viele Kunden kommen von den Sparkassen und Volksbanken und sind Sparkontozinsen von 1,0 oder 1,5 Prozent gewöhnt, bei uns bekommen sie 3,5. Damit diese Kunden wieder abwandern, müsste ein anderer schon sehr viel mehr bieten, ein viertel oder ein halbes Prozent zusätzlich reicht nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie ernst nehmen Sie den Wettbewerb durch die Autobanken? Die VW-Bank ist nach DiBa und Entrium eine der größten Direktbanken, die DaimlerChrysler-Bank hat Tagesgeld Monate lange besser verzinst als Sie.

Hafner: Die Autobanken machen einen guten Job, sind aber keine ernsthafte Konkurrenz. Ihr primärerer Fokus ist, Autokunden an die Marke zu binden. Auch wenn Sie ihrer Produktpalette jetzt verbreitern - die Hauptklientel ist immer noch der Mercedes- oder der BMW-Fahrer.

SPIEGEL ONLINE: Wo sehen Sie die größten Schwächen Ihrer Produktpalette?

Hafner: Auffällige Lücken entdecke ich nicht mehr. Selbst in der Discount-Brokerage, lange Jahre unsere Achillesferse, können wir inzwischen bei den Preisen mithalten. Auf der anderen Seite sind wir die einzige Direktbank, die ein funktionierendes Kreditgeschäft betreibt.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Ziel ist es, für die Kunden Haus- und Erstbank zu sein. Tatsächlich aber führen Sie bisher nur sehr wenige Girokonten.

Hafner: Es sind ungefähr 120.000. Generell zögern die Kunden, das Gehaltskonto zu wechseln. Wenn sie sich an uns gewöhnen, werden es mehr. Aber das wird noch Jahre dauern.

Das Interview führte Matthias Streitz