Expansion VW plant US-Werk - Entscheidung noch vor Sommerpause
Wolfsburg/Detroit - Der US-Markt gilt als wichtigste Messlatte für die Konkurrenzfähigkeit von VW. Noch spielt der wichtigste Gegner Toyota hier in einer eigenen Liga. Mehr als 2,6 Millionen Autos verkauften die Japaner hier im vergangenen Jahr - VW dagegen lediglich rund 230.000.
VW-Passat bei einem US-Händler: Andere Liga als Toyota
Foto: APDoch das soll jetzt anders werden. Ein neues Werk in den USA soll die Wolfsburger vor den Risiken eines schwachen Dollars schützen. Dazu will Konzernchef Martin Winterkorn den VW-Kontrolleuren unter Vorsitz von Ferdinand Piëch in ihrer Sitzung Mitte Juli ein Konzept vorlegen. "Noch vor der Sommerpause im Juli werden wir das Thema US-Werk zur Entscheidung in den Aufsichtsrat bringen", sagte Winterkorn dem "Handelsblatt". Geplant sei, dass die Produktion in den USA bereits 2010 anlaufe, sagte der VW-Chef.
Aus Unternehmenskreisen verlautete, eine Grundsatzentscheidung sei gefallen, man hoffe jetzt auf weitere finanzielle Zugeständnisse im Wettkampf der Standorte. "Es sind drei Bundesstaaten im Osten der Vereinigten Staaten in der finalen Auswahl", sagte Winterkorn. Zur Diskussion stehen laut "Handelsblatt" Alabama, Tennessee und Michigan.
Unterstützung von Betriebsratschef Osterloh
Der VW-Konzernbetriebsratsvorsitzende Bernd Osterloh äußerte sich zufrieden mit den Plänen. "Winterkorn hat eine überzeugende US-Strategie vorgelegt", sagte er der Zeitung. Angesichts des Dollar-Kurses gebe es mittelfristig keine Alternative zu einer Fertigung im Dollar-Raum. "Allerdings setzt dies voraus, dass wir auch im Bereich der Zulieferer eine starke Lokalisierung vornehmen", sagte Osterloh.
Osterloh kündigte an, dass er im Juni in den USA Gespräche mit seinen Gewerkschaftskollegen führen wolle. "Wir nehmen einen neuen Standort sehr ernst. Wenn wir Toyota überholen wollen und unsere erfolgreiche Wachstumsstrategie fortsetzen wollen, dann müssen wir in den USA Marktanteile gewinnen", betonte der VW-Konzernbetriebsratsvorsitzende
Europas größter Autobauer legt sich damit erstmals auf einen konkreten Zeitplan für die Entscheidung und den Bau fest. Zum ersten Mal könnte eine Fertigung zudem gemeinsam mit dem VW-Großaktionär Porsche betrieben werden, heißt es in Unternehmenskreisen. Das wäre ein Symbol für die neuen Möglichkeiten im Autoreich der Familien Porsche und Piëch.
Auch Audi und Porsche sollen vom Band rollen
Um Kosten zu sparen, soll die Fabrik neben VW-Fahrzeugen auch Modelle der Ingolstädter Premiumtochter Audi und des Stuttgarter Großaktionärs Porsche bauen. "Wir prüfen, ob wir dort möglicherweise die nächste Generation eines SUV von Audi gemeinsam mit unseren Fahrzeugen produzieren können", sagte Winterkorn dem "Handelsblatt". "Das wäre sicher die kostengünstigere Variante gegenüber einem eigenen Audi-Werk. Deshalb bevorzuge ich sie." Solange VW kein US-Werk hat, müssen Imageträger wie der kleine Geländewagen Tiguan verlustreich in die USA verfrachtet werden.
Weitere Nischenmodelle könnten folgen. "Wir überlegen auch, den Scirocco in die USA zu bringen", sagte Winterkorn. VW betreibt nach der Schließung seines letzten US-Werks im Jahr 1998 derzeit nur im mexikanischen Puebla eine Produktion. Dort soll auch der nächste Jetta gebaut werden.
Die Stufenheckversion des Golf ist das wichtigste Modell der Wolfsburger auf dem US-Markt. "Bereits 2010 wird aus Mexiko ein Nachfolger des Jetta kommen, der als erstes Modell exakt auf die Kundenwünsche in den USA ausgerichtet sein wird", sagte der VW-Chef.
Die Deutschen starten ihre Attacke in Nordamerika allerdings zu einem kritischen Zeitpunkt. Immobilienkrise und Rezessionsangst vertreiben den Amerikanern die Kauflust. Der weltgrößte Automarkt schrumpft. Die Branche rechnet 2008 mit dem schwächsten Absatz in den USA seit zehn Jahren. General Motors, Ford und Chrysler können ihre Fabriken nur auslasten, indem sie kräftige Rabatte geben.
Experten sind skeptisch
Entsprechend skeptisch zeigen sich dem "Handelsblatt"-Bericht zufolge auch die Experten. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass Volkswagen Toyota überholt", sagt Falk Frey, Autoanalyst der Ratingagentur Moody's. Es sei ihm schleierhaft, wie VW auf dem umkämpften US-Markt die angepeilten Absatzerfolge erzielen wolle.
Unterdessen mehren sich die Anzeichen, dass der weltgrößte Autokonzern unter dem Rückgang des US-Marktes leidet. Toyota erklärte am Montagabend, die Produktion in den derzeit im Bau befindlichen Werk in Mississippi solle nun im Mai 2010 und damit fünf Monate später als ursprünglich geplant beginnen. Zudem sei zunächst nur eine Jahresproduktion von 120.000 Fahrzeugen vorgesehen, was etwa 80 Prozent der Kapazität entspricht.
Ein Toyota-Sprecher sagte, die Änderungen würden im Zusammenhang mit der Schwäche des US-Automarktes stehen. Toyota baut an dem Werk seit Anfang 2007, die Investitionen betragen rund 1,3 Milliarden Dollar. Vor wenigen Tagen hatte der japanische Konzern für das Geschäftsjahr 2008/2009, das Ende März endet, seinen ersten Gewinnrückgang seit sieben Jahren angekündigt.
mik/dpa-AFX/Reuters