Expertenschelte: Deutschland ohne Energiestrategie - DER SPIEGEL
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Expertenschelte Deutschland ohne Energiestrategie

Die Internationale Energie-Agentur geht mit der Bundesregierung hart ins Gericht. IEA-Chefökonom Fatih Birol attestiert Rot-Grün bei der Energiepolitik Konzeptlosigkeit. Vor allem die Abhängigkeit von russischem Gas beunruhigt den Experten.
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Berlin - "Die deutsche Regierung muss ihre Politik mehr auf Fakten gründen", sagte Birol der "Berliner Zeitung". Der Experte bemängelte, dass Deutschland die Leistungsfähigkeit erneuerbarer Energiequellen überschätze und über keine tragfähige Strategie verfüge, wie der geplante Ausstieg aus der Atomkraft durch andere Energieträger aufgefangen werden kann, hieß es weiter.

Das Ziel von Bundesumweltminister Jürgen Trittin, bis zur Mitte des Jahrhunderts den Energiebedarf zur Hälfte durch erneuerbare Energien zu decken, bezeichnete Birol als "guten Gedanken und guten Wunsch". Er ergänzte: "Aus meiner Sicht ist er jedoch nicht realistisch."

Erneuerbare Energien hätten zwar den Vorteil, dass sie umweltverträglich seien, sagte der Experte. In Deutschland fehlten jedoch die geographischen Voraussetzungen, um in ausreichender Menge zuverlässig Strom aus Wind, Sonne oder Wasserkraft zu erzeugen. Außerdem sei Ökostrom verhältnismäßig teuer, was eine Gefahr für die Wirtschaft darstelle.

"Abhängigkeit von Russland wird immer größer"

Hinsichtlich des geplanten Atomausstiegs sagte der Experte, dass dieser eine politische Entscheidung sei, die die IEA respektiere. Gleichwohl fehle es Deutschland an einer durchdachten Strategie, wie die Atomkraftwerke ersetzt werden könnten.

Eindringlich warnte Birol davor, im Rahmen des Atomausstieges zu sehr auf Gaskraftwerke zu setzen. "Deutschlands Abhängigkeit von Russland wird immer größer", sagte er. Russland ist bereits heute der bei weitem wichtigste Gaslieferant der Bundesrepublik.

Birol sagte, auch Kohle oder Erdöl seien kein vernünftiger Ersatz für Atomkraft, da beide Brennstoffe umweltschädlich seien. Er plädierte deshalb dafür, den Atomausstieg zu verschieben. Die deutschen Energieversorger hatten sich im Rahmen des Atomkonsenses im Jahr 2000 verpflichtet, die Produktion von Strom aus Kernenergie in den kommenden Jahrzehnten auslaufen zu lassen.

Der IEA-Chefökonom warf Rot-Grün auch vor, für die hohen Strom- und Gaspreise in Deutschland mitverantwortlich zu sein. Bisher habe es die Regierung nicht geschafft, einen schlagkräftigen Energiemarkt-Regulierer einzusetzen. "Die deutsche Regierung muss dafür sorgen, dass die Marktmechanismen besser funktionieren", forderte Birol.