Explosivstoff - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 31 / 79

Explosivstoff

• aus DER SPIEGEL 50/1947
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Direktoren der Henkel - Seifenwerke fühlten sich gar nicht wohl in ihrer Haut, als sie langsam die Stufen zu dem Sitzungszimmer hinaufstiegen, wo sie der britische Zivilgouverneur William Asbury und ein gehöriger Rüffel erwartete.

Tag und Nacht waren die beiden verantwortlichen Henkelmänner, Karl Anton Fuchs und Otto Pfaff, auf den Beinen gewesen, um den siebzigjährigen Familienbesitz der Henkels vor dem Untergang im Demontagestrom zu retten. Auf daß die Oeffentlichkeit und die Besatzungsbehörden von den »fürchterlichen Folgen« einer Demontage überzeugt werde, reichten die Henkel-Werke Beschwerden ein, ließen Streitschriften drucken und veröffentlichten Statistiken am laufenden Band.

Die Propagandaabteilung der Firma arbeitete auf Hochtouren. Die drei Außenminister der westlichen Alliierten und sämtliche anglo-amerikanischen Militärgouverneure Deutschlands erhielten Protestbriefe zugesandt. Auf den Umschlägen prangten düstere, schwarze Grabkreuze, die den Tod des deutschen Volkes durch Schmutz andeuten sollten. (Siehe »Spiegel« Nr. 45.)

Laut Henkel-Berichten sollten zwei Drittel der Düsseldorfer Werke demontiert werden. Damit würde sich die Waschmittelversorgung der deutschen Bevölkerung um mehr als die Hälfte vermindern. Aussatz, Tuberkulose und schreckliche Epidemien führten die Henkel-Verteidiger ins Feld. Da riß den Briten die Geduld.

»Die Wirkung der Henkel-Demontage auf Deutschlands Seifenversorgung ist durch Ihre intensive irreführende Propaganda völlig falsch ausgelegt worden«, warf Gouverneur Asbury dem zu sich zitierten Direktorium an die Köpfe.

»Der Gesamtverbrauch an Soda und Seifenpulver der Bizone hat 1936 etwa 340 000 Tonnen betragen. Nach der geplanten Demontage wird für beide Zonen noch eine Gesamtkapazität von 417 000 Tonnen übrigbleiben.« Die Demontage würde also keine Kürzung der Seifenrationen zur Folge haben.

Die Werksleitung hatte in ihren Broschüren behauptet, daß von der beabsichtigten Stillegung 1500 Arbeiter betroffen würden. Laut William Asbury wären es selbst bei voller Ausnutzung der Kapazität nur 150.

Die englische Mil.-Reg. gibt als offiziellen Grund zur Demontage an: Henkel ist eng mit einer der Haupt-Glyzerinanlagen Deutschlands verbunden. Und Glyzerin ist einer der wichtigsten Grundstoffe zur Herstellung von Explosivstoffen. Es ist vorgesehen, die Hälfte der Kapazität zur Glyzerinproduktion auszuliefern.

»Die Fortsetzung ihrer Propaganda würde als Opposition gegen die Besatzungsmacht angesehen«, erklärte Gouverneur Asbury seinen Besuchern am Schluß seiner Audienz. Er blickte ernst durch die dicken Gläser seiner Hornbrille, als er hinzufügte: »Mit dem gleichen Mißfallen werde ich jede andere Entstellung der Tatsachen betrachten.«

Der Londoner »Daily Express« nennt den Henkelschen Feldzug den »schlimmsten antibritischen Propagandafall seit Goebbels' Tod.« Als wahren Grund für die Propaganda des deutschen Seifenwerkes nimmt die Zeitung an, die Firma wolle deutsches Kriegspotential retten.

»Opposition gegen die Besatzungsmacht« . . .

Gouverneur W. Asbury wurde böse

Zur Ausgabe
Artikel 31 / 79

Mehr lesen über