Export-Experte
In den drei Stockwerken des Wiesbadener Ausstellungsgebäudes, einem ehemaligen Kaufhaus, dröhnen die Hämmer und kreischen die Sägen. Am 25. September soll die Ausfuhrzentrale der südwestdeutschen Industrie besucherreif sein. Sie soll die im letzten Herbst mit der Leistungsschau »Hessische Wirtschaft« beschrittene Linie fortsetzen.
»Hessen can do it« Das war das Motto, unter dem damals der »Exportvater« Hessens, Erhard M. Oehmichen, die Wiesbadener Exportausstellung startete. Hessen hat es zwar noch nicht geschafft. Aber es ist einige Schritte vorangekommen. Internationale Verbindungen, vorwiegend nach den USA, wurden wieder angeknüpft.
Im ersten Halbjahr 1947 waren bereits etwa 200 Auftragsabschlüsse unter Dach und Fach. Der Wert der Exportverträge belief sich auf etwa 5,6 Millionen Dollar gegen nur 3,6 Millionen Dollar im Gesamtjahr 1946. Im Gegensatz zu den anderen Ländern der US-Zone (Bayerns Exportabschlusse im ersten Halbjahr 47: 10 Millionen Dollar, Württemberg-Baden: 9 Millionen Dollar) hat Hessen fast ausschließlich Kleinaufträge unterzeichnet, die für seinen Export von jeher kennzeichnend sind. Damit hatte die Leistungsschau, die vor einem Monat ihre Pforten schloß, ihren Zweck erfüllt.
Man will nun vom »Beschauen lassen« zum Exportieren übergehen. Das ist die feste Absicht von Erhard Oehmichen, der im Trubel des Umbaus im Ausstellungsgebäude stets mitten unter den Arbeitern anzutreffen ist. Mit anderen alten Exporthasen hat er inzwischen die hessische Industrie auf ihre tatsächliche Exportfähigkeit überprüft. Oehmichen kennt die Wünsche der Männer, die bei allem Formularkrieg der Gegenwart dennoch eine Deutschlandreise nicht scheuen. Der 45jährige temperamentvolle Mann ist seit dem ersten Weltkrieg im Ex- und Import zu Hause. Bereits 1923 war er im Fernen Osten. Später besaß er eigene Firmen in Hongkong und Schanghai
Auch mit den Amerikanern kam er ins Geschäft. Er gründete zwei Firmen in den Staaten und siedelte kurz darauf in die USA über.
Der Krieg, der ihn am anderen Ufer des großen Teiches überraschte, setzte seiner Tätigkeit ein vorläufiges Ende. Doch gleich nach dem Zusammenbruch kam er trotz Warnungen vieler Freunde wieder nach Deutschland.
Die Messemänner in Hannover und Leipzig blicken etwas eifersüchtig nach Wiesbaden und seinem impulsiven Export-Experten. Ihren Hinweis, das Wiesbadener Projekt sei nur eine Uebergangserscheinung, tut Oehmichen mit den Worten ab: »Unsere Ausfuhrzentrale ist auch nur für den Uebergang gedacht. Die einzelnen Industrien sollen so schnell wie möglich dahin kommen, daß sie unsere Hilfe und Vermittlung nicht mehr nötig haben. Gesteuerter Export ist ohnehin unsinnig.«
Der schlanke, gut angezogene Mann macht auch keinen Hehl daraus, daß er nicht auf Lebenszeit die rechte Hand des Außenhandelskontors sein kann.« Er will wieder sein eigenes Unternehmen auf die Beine stellen. Zu den Messebemühungen in Hannover, Stuttgart und München meint er: »Wir alle ziehen an einem Strang. Je kräftiger gezogen wird, um so besser ist es.«
Beschauen genügt ihm nicht
Erhard Oehmichen, Mann der Tat