Export schafft Brot
Während an der rückwärtigen Ausfahrt die Arbeiter noch letzte Verschönerungen vornahmen, eröffnete der Wirtschaftsminister Württemberg-Badens, Hermann Veit, in strömendem Regen die dritte Stuttgarter Exportmesse auf dem früheren Gelände der Hirth-Motorenwerke. Das übliche Motto- Export schafft Brot.
Diesmal sind es nicht Kleider, Handwerkserzeugnisse oder Maschinen, die dem Ausland angeboten werden sollen, sondern gleich ganze Häuser. 18 Musterexemplare davon wurden vor den Toren Stuttgarts in Zuffenhausen zu einer kleinen Mustersiedlung zusammengefaßt.
Minister Veit wies in seiner Eröffnungsrede darauf hin, daß man in der Welt schon beachtliche Rekordzeiten im Bau von Fertighäusern erreicht hat. Die deutschen Fachleute müßten sich daran gewöhnen, gerade hier auf schärfste Konkurrenz zu stoßen. Augenblicklich hält Amerika die Rekordzeit mit 46 Minuten für den Bau eines schlüsselfertigen Einfamilienhauses.
Die Ausstellungshäuser in Zuffenhausen können damit noch nicht konkurrieren. Es handelt sich bei den gezeigten Typen auch nicht um Serienfabrikate, die am laufenden Band hergestellt werden könnten, wenn das Material vorhanden wäre. Die Fertigbauer mußten gestehen, daß sie die schmucken Häuschen sprichwörtlich zusammengeschoben und -kompensiert haben.
Es werden rund ein Dutzend verschiedene Export-Typen gezeigt. Sie umfassen durchschnittlich Küche. Stube, Eßzimmer und zwei bis drei Schlafzimmer. WC und Bad vervollständigen die hellen und geräumigen Wohnungen. Die Häuser sind zum Teil flach gedeckt. Bei einigen Modellen mit Giebeldächern ist eine kleine Etagenwohnung aufgestockt.
Ausstellerfirmen sind die Siemens-Bauunion, Karl Kübler A.G., Platex Hausbau G. m. b. H., Stahlbau-Bremen und mehrere Arbeitsgemeinschaften.
Für eine Exportproduktion großen Stils fehlen vorläufig noch alle Voraussetzungen. Weder der Wirtschaftsminister noch einer der anwesenden Beamten der Militärregierung, noch einer der Architekten und Fachleute konnte auf die Frage, woher man das Material zum Anlaufen der Produktion nehme, eine befriedigende Antwort geben.
Immerhin waren sich die Besucher der Ausstellung darüber einig, daß die Musterschau den Beweis dafür liefert, auch In der heutigen Zeit Wohnhäuser bauen zu können, die wenigstens einen schwachen Widerschein der Vorkriegswohnungen in Deutschland zeigen.
Bei einigen Modellen versicherten die Architekten, man müsse sich bezüglich der Komprimierung von Kücheneinrichtungen und des Heiz- und Wassersystems vor Augen halten, daß im Ausland völlig normale Verhältnisse herrschen. Mit dem deutschen Behelfsheim-Typ sei im Ausland kein Blumentopf zu gewinnen.
Obgleich die Musterschau für den Export werben soll, werden nach der Ausstellung Stuttgarter Familien in die Häuser einziehen. Der Stuttgarter Oberbürgermeister Dr. Klett hat den Ehrgeiz, die Mustersiedlung ständig zu erweitern.
In Zuffenhausen wird sich somit ein Versuchsfeld für die deutsche Fertighäuser-Produktion bilden, das - wenn auch nur in Zuffenhausen - zur Behebung der Wohnraumnot beitragen wird.
Export-Mäzen, Württemberg-Badens Gouverneur Sumner Sewall