Extrem aggressiv - DER SPIEGEL
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Banken Extrem aggressiv

Mit Gratis-Kreditkarten will die Citibank 1,5 Millionen Bahnfahrer ködern. Das könnte für manchen gefährlich werden.
• aus DER SPIEGEL 20/1995
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ihr »Formel 1 Girokonto« bei der Citibank hatte die Hamburger Sekretärin schon überzogen. Doch das schien die Bank nicht zu kümmern. Auf Pump zu leben, schrieb die Filiale in den Colonnaden ihrer Schuldnerin, darin liege ein »hohes Maß an Freiheit«.

Der finanzielle »Spielraum«, den die Frau zu diesem Zeitpunkt in Wahrheit längst ausgenutzt hatte, solle ihr auch künftig »jederzeit zur Verfügung stehen«, lockte die Bank und schlug vor, die Kontoüberziehung doch einfach in einen Ratenkredit umzuwandeln.

Die Frau nahm das Angebot an, fortan konnte sie mit ihrem Girokonto neue Schulden machen. Später erhielt sie zusätzlich den »Citibank Rahmen-Kredit«. Damit ließen sich, warb die Bank, »unvorhergesehene Ausgaben auf bequeme Art in den Griff bekommen«.

Noch bevor die Sekretärin ihr neues Limit erreicht hatte (Citibank-Zwischenmeldung: »noch 2902,93 Mark zur freien Verfügung"), drängte ihr das Institut brieflich abermals 10 000 Mark Kredit auf - »für die Realisierung weiterer Wünsche«.

Heute steht die Frau vor einem Schuldenberg von 112 000 Mark - bei einem monatlichen Netto-Einkommen von nur 2400 Mark. Wie sie die Raten aufbringen soll, weiß sie nicht.

Kein Einzelfall, sagen die Verbraucherschutzverbände. »Mit ihren lockenden Kreditangeboten bringt die Citibank immer wieder gutgläubige Kunden in massive finanzielle Schwierigkeiten«, so die Rechtsanwältin Hjördis Christiansen von der Verbraucherzentrale Hamburg. Für die Schuldnerberatung in der Hansestadt ist die Citibank »die Bank, mit der es die meisten Probleme gibt«.

Neuer Ärger scheint programmiert. In wenigen Wochen bekommt die Citibank Gelegenheit, ihr Geschäft massiv auszuweiten - dank einer Kooperation mit der Deutschen Bahn. Ab Juli wird Zugreisenden eine Bahncard angeboten, die zugleich auch als Kreditkarte benutzt werden kann. Der Clou für die Bahnkunden: Sie bekommen, ausreichende Bonität vorausgesetzt, die Visa-Karte von der Citibank als kostenlose Beigabe. Nicht mal eine Kontogebühr wird fällig.

Für Bahnchef Heinz Dürr lohnt sich die Kooperation mit der Citibank. Das Institut nimmt der Bahn die teure Herstellung der Karten ab. Zudem kassiert die Bahn bei den Provisionen mit, die Händler, Restaurants und Tankstellen an die Bank zahlen.

Die Citibank hat sich mit dem Bahn-Coup auf einen Schlag ein gewaltiges Potential neuer Kunden erschlossen. Derzeit besitzen rund 3,1 Millionen Bahnfahrer die Plastik-Rabattkarte. Jeder zweite von ihnen, so schätzt die Citibank, wird beim Neukauf die Kreditkartenfunktion dazunehmen.

Weitere 40 Prozent hofft die Bank für eine Zahlungskarte zu gewinnen. Sie ist für Kunden mit geringer Bonität gedacht. Die müssen ein Guthaben auf dem Kartenkonto unterhalten, bis zu dessen Höhe sie mit dem Plastikausweis bezahlen können.

Die cleveren Banker wollen die neue Vertriebsschiene Bahn auch für ihre anderen Produkte nutzen: Möglichst viele Reisende sollen zu regulären Citibank-Kunden werden.

Daß die Bank vor allem beim Verleihen von Geld erfolgreich sein wird, befürchtet der Hamburger Rechtsprofessor Udo Reifner. Die Bank treibe von jeher »eine sehr aktive Verschuldenspolitik«, sagt der Leiter des Instituts für Finanzdienstleistungen und Verbraucherschutz.

Als »extrem aggressiv« stuft auch Ulf Groth vom Förderverein Schuldenberatung im Lande Bremen die Geschäftspolitik des deutschen Ablegers der größten US-Bank ein. Er behauptet: »Die streben im Grunde die lebenslange Zwangsverschuldung ihrer Kunden an.« Die Bremer Schuldenberater betreuen mehrere Citibank-Kunden, die 40 Prozent ihres Einkommens für Ratenzahlungen verwenden müssen.

Schuldenberater und Verbraucheranwälte werfen der Bank vor allem vor, daß sie immer wieder Kreditkunden über die Höhe ihrer Verpflichtungen täusche. Zunächst räume sie großzügige Überziehungslimits ein, dann buche sie Belastungen zwischen Gehaltskonto, Scheck-Kreditkonto und Kreditkartenkonto hin und her, bis der Schuldner den Überblick verloren habe.

Für die Bank ist das ein gutes Geschäft, denn sie kassiert üppige Zinsen. Und der Laie merkt bei alledem nicht, »daß dabei die Effektivzinsen das Marktübliche bis zur Hälfte übersteigen«, kritisiert das Verbraucherschutz-Organ Bankwatch.

Die Stiftung Warentest ermittelte, daß die Citibank zu den teuren Kreditinstituten im Lande gehört. Für einen fünfjährigen Ratenkredit über 20 000 Mark müssen Citibank-Schuldner insgesamt 41 Prozent mehr an Zinsen zahlen als die Kunden des günstigsten Anbieters, der Hamburger Sparkasse.

Für »sachlich nicht gerechtfertigt« und »teilweise böswillig« hält Citibank-Sprecher Folkert Mindermann die Kritik der Verbraucherschützer. »Die brauchen ein Feindbild zur Selbstbestätigung.«

Ohnehin werde wohl nur eine kleine Minderheit der Bahnkartenkunden einen Kredit aufnehmen. Die Mehrheit der Visa-Kunden nutze beim Kartenkonto erfahrungsgemäß nur das Zahlungsziel von vier Wochen. »Dreiviertel der Leute wird das keinen Pfennig kosten«, sagt Mindermann.

Verbraucheranwalt Reifner hält dagegen, daß bei dem von der Citibank praktizierten Visa-System anders als bei der Eurocard die Kreditkarte in der Regel nicht an ein Girokonto gekoppelt ist. Daher könne die Bank die Bonität ihrer Kartenkunden nicht laufend überprüfen.

»Die Verschuldung wird explodieren«, prognostiziert Reifner. Seine Befürchtung: »Nachher können wir die Scherben wieder zusammenkehren.« Y

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In Deutschland ausgegebene Kreditkarten in Millionen 1994

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