EZB-Entscheid: Experten hoffen auf baldige Zinssenkung - DER SPIEGEL
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EZB-Entscheid Experten hoffen auf baldige Zinssenkung

Die Banken- und Konjunkturkrise zeigt Wirkung: Nach monatelangem Zaudern beschäftigt sich EZB-Präsident Trichet erstmals wieder mit einer möglichen Zinssenkung. Auslöser ist die drohende Wirtschaftsflaute im Euroraum.
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Frankfurt am Main - Das Gewerkschaftslager zürnt: Weil EZB-Präsident Jean-Claude Trichet die Märkte heute nicht mit einer Zinssenkung segnete, wittern Ver.di und der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) Sabotage an der ohnehin schon angeschlagene Konjunktur. "Da die Zinsen nicht gesenkt wurden, ist zu befürchten, dass es zu Bankenpleiten kommt", warnte DGB-Chefökonom Dierk Hirschel. Ver.di-Chef Frank Bsirske kanzelte die EZB-Entscheidung als verantwortungslos ab: "Dies trägt den wirtschaftspolitischen Anforderungen in Europa in keiner Weise Rechnung."

Dabei war schon seit Tagen klar, dass Trichet von seiner Linie nicht abweichen würde. Nur die größten Optimisten hatten mit einem Zinsschritt nach unten gerechnet. Und so verbleibt der Wert weiter bei 4,25 Prozent - vorerst. Denn tatsächlich hat der Zentralbank-Chef auch klar gemacht, dass er sich eine Korrektur zum Wohle der Konjunktur vorstellen kann.

Wie viele große Notenbanken steckt auch die EZB in einem Dilemma. Auf der einen Seite muss sie gegen hohe Inflationsraten kämpfen, was eigentlich für Zinserhöhungen spricht. Zugleich schwächelt aber die Konjunktur, was wiederum Anlass für eine Senkung sein könnte.

Die US-Notenbank Fed verfolgt in der Krise eine andere Strategie als die EZB. Sie senkte die Leitzinsen bis April in mehreren deutlichen Schritten auf zwei Prozent. Das ist der niedrigste Stand seit 2004. Die Europäer hatte dagegen mit Blick auf die Inflationsgefahren noch im Juli ihren Leitzins um 0,25 Prozentpunkte angehoben - und wurden dafür seither immer wieder kritisiert.

Auch jetzt stellte Trichet die Teuerung wieder in den Vordergrund. Er machte klar, dass die anhaltend hohe Inflation die Währungshüter davon abgehalten hat, Finanzsystem und Realwirtschaft mit niedrigeren Zinsen zu stützen. "Die Aufwärtsrisiken für die Preisstabilität haben sich etwas abgeschwächt, sind aber nicht verschwunden", sagte Trichet.

Die schwierige Wirtschaftslage zwingt den EZB-Chef allerdings zum Kurswechsel. Der Rat der Zentralbank habe angesichts der Verschärfung der Finanzkrise und der dunklen Konjunkturwolken ausführlich über die Alternativen diskutiert, die Zinsen nicht zu verändern oder zu senken, so Trichet. Und ergänzte dann: "Wir haben eine Zinssenkung erwogen."

In einem Interview mit einem französischen Fernsehsender sagte Trichet sogar, es handele sich derzeit um die schlimmste Finanzkrise seit dem zweiten Weltkrieg: "In der globalen Finanzwelt und den industrialisierten Staaten hat es seitdem keine vergleichbaren Ereignisse gegeben."

Abschwungstimmung weitet sich aus

Tatsächlich verdüstert sich die Stimmung, je länger die Finanzkrise anhält. Luxemburgs Ministerpräsident Jean-Claude Juncker, zugleich Vorsitzender der Gruppe der Finanzminister der Euro-Länder, korrigierte seine Prognose Mitte der Woche nach unten: Das BIP-Wachstum im Euro-Raum werde 2009 voraussichtlich unter 1,0 Prozent fallen, nachdem die Vorhersage im April noch bei einem Plus von 1,5 Prozent lag.

Auch in Deutschland mehren sich die Abschwungsignale. Maschinenbau, Autohersteller, Einzelhandel - immer mehr Branchen spüren die Flaute. Erst Mitte der Woche kassierte auch das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) seine Prognose. Statt 2,5 Prozent erwarten die Wirtschaftsforscher nur noch einen Anstieg des deutschen Bruttoinlandsprodukts um 1,7 Prozent.

"Die Weltwirtschaft befand sich schon vorher in einer Abschwungphase, die jetzt von der Finanzkrise verschärft wird", sagt Klaus Zimmermann, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin, SPIEGEL ONLINE. Eine Rezession im Euroraum erwartet Zimmermann allerdings nicht.

Die Lage sei "außergewöhnlich unsicher", sagte denn auch Trichet. Gerade in einer solch angespannten Situation sei es aber notwendig, sich klar zu machen, wie wichtig stabile Preise für die Wirtschaft seien. Dennoch gab er sich kompromissbereit: "Wir haben eine Abschwächung des Wachstums. Die Kombination von Unsicherheit und weniger Wachstum bedeutet einen geringeren Aufwärtsdruck für die Preise."

Ökonomen rechnen mit Zinsschritt

DIW-Chef Zimmermann sieht in Trichets Doppelstrategie - den Leitzins halten, eine mögliche Senkungen andeuten - einen geschickten psychologischen Schachzug. "Er zeigt die Spielräume auf und kommt damit den Märkten entgegen", erklärt Zimmermann.

Beobachter hoffen, dass die EZB tatsächlich ihre harte Haltung aufweicht. "Auf der Pressekonferenz nach der EZB-Ratssitzung hat Präsident Trichet einen großen Schritt in Richtung Zinssenkung gemacht", sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. "Eine Zinssenkung bereits im November ist zwar unwahrscheinlich", sagte HSBC-Expertin Antje Hansen. Um den Jahreswechsel herum könnte der Schritt aber erfolgen.

Analysten der Postbank rechnen mit einer noch schnelleren Entscheidung: "Wir halten es sogar für möglich, dass die EZB bereits Anfang kommender Woche den Leitzins senkt", heißt es in einer Studie. Insofern könnten auch die Gewerkschaftsvertreter ihre Meinung über Trichet bald wieder ändern.

suc/Reuters/dpa-AFX/ddp