EZB-Entscheidung Experten erwarten weitere Zinssenkung
Frankfurt am Main - Der Rückgang der Energiepreise in der zweiten Jahreshälfte 2008 ist wesentlich dafür, dass die Inflationsrate inzwischen wieder auf niedrigem Niveau angekommen ist. Das verschaffte der EZB den Spielraum für die jetzige Leitzinssenkung auf zwei Prozent. "Die heutige Entscheidung berücksichtigt vor allem das weitere Nachlassen des Inflationsdrucks vor allem wegen der schwächeren konjunkturellen Aussichten", begründete der EZB-Präsident Jean-Claude Trichet den neuerlichen Zinsschritt nach der ersten Sitzung des mit dem Beitritt der Slowakei nun 22 Mitglieder starken Gremiums im neuen Jahr.
EZB-Präsident Jean-Claude Trichet: Düstere Konjunkturprognosen
Foto: REUTERSTrichet deutete zugleich für kommenden Monat eine Zinspause an. Er stimme mit den anderen Mitgliedern des EZB-Rats überein, dass das nächste wichtige Treffen im März stattfinden werde, wenn neue Wirtschaftsdaten und Prognosen der Volkswirte der EZB vorlägen, sagte Trichet am Donnerstag in Frankfurt
Mit der Zinssenkung stemmten sich die Notenbanker gegen die immer stärker um sich greifende Rezession in der Euro-Zone. Durch sinkende Zinsen verbilligen sich Kredite für Unternehmen und Haushalte. Trichet warnte vor diesem Hintergrund aber davor, die Geldschleusen zu weit zu öffnen. Die EZB wolle eine "Liquiditätsfalle" unbedingt vermeiden.
Bankenverbände begrüßten die erneute Zinssenkung als richtigen Schritt in der Wirtschaftskrise. "Sie leistet damit einen weiteren richtigen Beitrag zum Erfolg der im Euro-Raum beschlossenen Konjunkturpakete", erklärte der Bundesverband deutscher Banken am Donnerstag.
Laut Deutschem Sparkassen- und Giroverband trägt die EZB "der in den letzten Wochen weiter eingetrübten realwirtschaftlichen Lage angemessen Rechnung". Die Entscheidung der Währungshüter sei geeignet, Deflationsgefahren zu begegnen und die Auswirkungen der Rezession abzudämpfen.
Bankenverbände sprechen von wichtigem Schritt
Die Europäische Zentralbank
Der Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken erklärte, der außerordentlich scharfe konjunkturelle Abschwung erfordere eine deutlich expansive Ausrichtung der Geldpolitik. Inflationsgefahren bestünden derzeit nicht, dadurch erhalte die EZB den erforderlichen Spielraum auch für eine weitere Lockerung der Geldpolitik. Mit einer allmählichen Erholung der Wirtschaft sei frühestens in der zweiten Jahreshälfte zu rechnen.
Die Währungshüter hatten den Leitzins zuletzt für ihre Verhältnisse ungewöhnlich schnell zurückgenommen, allein im Dezember um 75 Basispunkte - tiefer als bei den nun erreichten zwei Prozent stand der Leitzins in der Euro-Zone noch nie.
Für die kommenden Monate malte Trichet aber weiter ein düsteres Bild. In den nächsten Quartalen sei mit einer anhaltenden globalen Wirtschaftsschwäche zu rechnen, sagte der EZB-Chef. Auch weitere Turbulenzen an den Finanzmärkten seien möglich. Die Inflation werde zunächst niedrig bleiben, ab der Jahresmitte könnte die Teuerung aber wieder zulegen. Eine durch die Krise der Banken ausgelöste Kreditklemme kann Trichet zwar weiter nicht erkennen, allerdings würden schärfere Kreditkonditionen die Unternehmen belasten.
Verschärfung der Krise absehbar
Trichet machte jedoch klar, dass die Realität der Rezession sogar die hauseigenen Prognosen der EZB-Volkswirte längst überholt habe. Er rechne in der Zukunft mit einer deutlicheren Abschwächung der Konjunktur als noch vor wenigen Wochen angenommen. "Es gibt weitere klare Hinweise, dass die Euro-Zone einen deutlichen Abschwung durchmacht, der vor allem auf die Folgen der Intensivierung (...) der Finanzmarktturbulenzen zurückgeht. Die Risiken für das Wachstum deuten klar nach unten."
Experten rechnen wegen der weltweiten Rezession ungeachtet der möglichen Zinspause im Februar mit weiteren Zinssenkungen in den kommenden Monaten. "Die Industrie befindet sich im freien Fall", sagte Ben May, Volkswirt von Capital Economics. "Wir erwarten deshalb, dass der Leitzins auf null oder zumindest nahe Null sinkt." Kritik an der EZB-Politik kam vom Bundesverband Öffentlicher Banken. "Die schlechten Wachstumsaussichten für das laufende Jahr hätten eine noch deutlichere Zinssenkung gerechtfertigt." Die EZB-Zinspolitik sei im Vergleich zur US-Notenbank Federal Reserve "viel defensiver ausgerichtet". Der Bundesverband der Deutschen Volks- und Raiffeisenbanken (BVR) erwartet weitere Zinssenkungen. Der außerordentlich scharfe konjunkturelle Abschwung erfordere dies, hieß es zur Begründung.