EZB-Ratssitzung Absage an den Drängel-Kanzler
Hamburg - Öffentlich Druck auf eine Zentralbank auszuüben, sagte Gerhard Schröder (SPD) einmal, so etwas gehöre sich nicht. Das war im Herbst 1998, als des Kanzlers damaliger Finanzminister Oskar Lafontaine die Bundesbank, den Vorläufer der Europäischen Zentralbank (EZB), lautstark kritisierte. Inzwischen gibt Schröder selbst den Lafontaine: Er könne sich vorstellen, dass man über die Frage nachdenke, "ob das Zinsniveau richtig justiert ist", so der Regierungschef.
Nach Ansicht der meisten Experten wird die EZB dem Kanzler, der bei seiner Forderung vom französischen Premierminister Jean-Pierre Raffarin und dem Luxemburger Premier Jean-Claude Juncker unterstützt wird, die kalte Schulter zeigen. Umfragen zufolge erwartet die überwältigende Mehrheit der EZB-Beobachter an diesem Donnerstag keine Veränderung des Leitzinses.
Kurzfristig kaum Anzeichen für Zinssenkung
Bei den drei wichtigen Faktoren Inflation, Konjunktur und Wechselkurs deutetet wenig darauf hin, dass der EZB-Rat bald handeln wird:
Folglich gibt es kaum Gründe für eine sofortige Zinssenkung - die Währungshüter werden die Zinsen wohl auf dem jetzigen Niveau von zwei Prozent belassen. Besonders interessant ist nach Ansicht Bartschs diesmal, wie EZB-Chef Jean-Claude Trichet auf der Pressekonferenz am frühen Nachmittag die Entscheidung des zwölfköpfigen EZB-Rats begründet. Da die weiteren Konjunkturaussichten keineswegs klar seien, würden EZB-Watcher genau darauf achten, ob Trichet das Zinsniveau als "angemessen", "derzeit angemessen" oder "noch angemessen" bezeichne und welche weiteren Hinweise er in seiner Erklärung versteckt. "Er wird seine linguistischen Fähigkeiten voll ausschöpfen", so die Ökonomin.
Schröders lafontaineske Ratschläge an die EZB werden wohl nichts bewirken - höchstens eine Abwehrreaktion der Bank, die stets peinlich darauf bedacht ist, ihre Unabhängigkeit gegenüber der Politik zu demonstrieren. Bartsch zufolge haben die ökonomischen Einlassungen des Kanzlers die ohnehin unwahrscheinliche Zinssenkung noch unwahrscheinlicher gemacht: "Wenn man zynisch ist, dann muss man aus seinem Verhalten folgern, dass er gar keine will."
Vermutlich weiß der Kanzler, dass die Chance auf eine baldige Zinssenkung nahe Null liegt. Ebenso wird ihm bewusst sein, dass es bisher noch keinem Politiker gelungen ist, die EZB zu einer Zinssenkung zu bewegen. Die Strategie Schröders und Raffarins dürfte es eher gewesen sein, den Kurs des Euro durch gezielte Äußerungen etwas zu drücken.