ERFINDER Fährt sich prima
Der Hamburger Ingenieur Christoph Stiehler meint von sich selbst, er sei »ein ausgesprochener Progressist«. Für fortschrittliche Problemlösungen könne er sich stets erwärmen, zur Not auch erhitzen.
Diese Eigenart Stiehlers scheint in der Tat ausgeprägt: Weil er während und nach seiner Dienstzeit eine Maschine zur Straßenpflege und -erneuerung erfand, die den Aufwand der Instandsetzung deutlich herabzusetzen versprach, verkrachte er sich mit seinem Arbeitgeber, der drittgrößten westdeutschen Straßenbaufirma Kemma Bau -- und lebt seither von Arbeitslosengeld.
Stiehlers Gerät sollte nach den Plänen des Erfinders rasch und dauerhaft die tiefen Spurrillen beseitigen, die -- von schweren Lastern und spikesbereiften Autos in vielbefahrene Straßen gedrückt oder gefräst -- als besonders unfallträchtig gelten. Allzuoft nämlich geraten Autofahrer auf den deformierten Pisten ins Schlingern: Bei Regen verhindern die Rillen ein seitliches Ablaufen des Wassers. Folge: Bei zügiger Fahrt bildet sich ein Wasserfilm zwischen Reifen und Straße und hebt die Bodenhaftung auf (Fachjargon: Aquaplaning).
Um die gefährlichen Furchen von den Straßen zu kriegen, bedienten sich die Straßenbauer recht aufwendiger Verfahren. Meist wurde dampfender Asphalt tonnenweise über die ganze Straßenbreite gewalzt. Ein schlichtes Auffüllen der Rinnen wurde von den Straßenbauämtern nicht immer akzeptiert, weil ausnahmslos neue, holpernde Wülste entstanden.
Selbst routinierte Asphaltierer schafften es nicht, die Nahtstellen zwischen alt und neu übergangslos zu verfugen.
Dieses Kunststück soll Stiehlers Maschine fast mühelos fertigbringen. Eine heiße Asphaltmischung wird durch das pflugähnliche Gerät so in die Spurrillen gedrückt, daß auch die tiefste Stelle fest aufgefüllt wird und gleichzeitig an den Kanten ein glatter Übergang entsteht. »Das Material kommt genau dahin, wo wir es haben wollen, nämlich nur in die Spurrinne«, lobte der Hamburger Baudirektor Gert Ascher.
Auch das Gießener Straßenbauamt fand »die Sache bestens«, in Wuppertal und Neu-Ulm zeigten sich die Straßenwächter »stark« bis »außerordentlich beeindruckt«.
Sogar auf der Schweizer Autobahn zwischen Zürich und Bern kam die Maschine des Mitfünfzigers zum Probeeinsatz. Das Berner Autobahnamt lobte wenig später: »Es fährt sich prima auf Ihrer Strecke.«
Während der Ruhm des Ingenieurs nach Süden drang, konnten sich Stiehlers Arbeitgeber in Hamburg für das neue Gerät nicht begeistern. Ihnen mißfällt der innerbetriebliche Erfindergeist sogar, denn Stiehlers Maschine sorgt zwar für glatte Straßen, nicht aber für eine volle Firmenkasse.
Die Hälfte des Umsatzes steuern bei Kemna Bau die firmeneigenen Asphalt-Mischwerke bei, die bei der herkömmlichen Technik besser ausgelastet sind als bei Stiehlers Verfahren. Durchaus folgerichtig zogen die Kemna-Manager eine großflächige Straßensanierung der materialsparenden Klein-Klein-Methode à la Stiehler vor.
Wie sich diese Vorliebe im Haushalt auswirkt, rechnet Heinrich Eyert vom Autobahnamt Hamm vor: »Einen Kilometer zweispurige Autobahn neu zu decken kostet 200 000 Mark und hält acht bis zehn Jahre. Dasselbe mit Stiehlers Pflug kostet 16 000 bis 20 000 Mark, dann hat man drei bis fünf Jahre Ruhe.«
Die Straßenbaufirmen rechnen offenbar anders. »Alle Unternehmen wollen gerne teure Verfahren«, weiß der Maschinenfabrikant Paul Gurtner aus dem schweizerischen Winterthur.
Gurtner bemühte sich ebenso wie die schwäbische Maschinenfabrik Robert Breining vergeblich, von Kemna die Konstruktionszeichnungen der Erfindung zu bekommen, um das neue Gerät in Lizenz herzustellen.
Doch darüber war mit Kemna-Manager Nicolaus Andreae nicht zu reden. Er überlegte gar, ob die Pläne nicht »strikter Geheimhaltung« zu unterwerfen seien. Erst als Stiehler seine Maschine bundesweit in den Straßenbauämtern anbot, ließen sich die Kemna-Manager das Gerät patentieren, um »dadurch Bestrebungen anderer Firmen zuvorzukommen«.
Der Prototyp der Maschine freilich »vergammelte« (Stiehler) nach einigen Probeeinsätzen auf dem Firmenhof: »Sehr kurzsichtig«, meinte Hamms Eyert zu dieser Entscheidung. Während die Kemna-Manager den Pflug blockierten, entwickelten nämlich andere Firmen nach Stiehlers Ideen neue Geräte.
Im Herbst letzten Jahres feuerte Kemna-Geschäftsführer Karl-Johann Andreae ("Wenn"s nach uns geht, würde die Welt bis zum Mittelpunkt der Erde asphaltiert") den störrischen Erfinder. Kündigungsgrund: mangelndes Vertrauensverhältnis.
Anfang dieses Monats endlich einigten sich die Streitparteien auf einen Vergleich: Stiehler bekommt sein Patent zurück, muß aber 10 000 Mark an Kemna zahlen, wenn er seinen Straßenpflug -- sei es auf eigene, sei es auf fremde Rechnung -- von einer Maschinenfabrik bauen und vertreiben läßt.
Vorsichtshalber aber sicherte sich die Kemna Bau, deren Geschäftsführer Karl-Johann Andreae noch im Oktober behauptet hatte, »das Ding arbeitet zu teuer«, ein Sonderrecht. Kemna kann die Maschine nach Belieben bauen und einsetzen -- ohne dem Erfinder eine Mark zu zahlen.