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PHARMAINDUSTRIE Fälschung auf Rezept

Immer öfter schleusen skrupellose Lieferanten manipulierte Arzneimittel in deutsche Apotheken. Die Kopien bescheren den Pharmamultis riesige Verluste - und den Patienten unkalkulierbare Risiken. Jetzt will die Bundesregierung den Kampf gegen die Pillendealer drastisch verschärfen.
• aus DER SPIEGEL 30/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In der Exportabteilung des Nürnberger Pharmaunternehmens Heumann schöpfte niemand Verdacht. Geschäfte mit dem Osten waren keine Seltenheit, und die Dame aus Russland wirkte sehr vertrauenswürdig.

Die gelernte Ingenieurin mit Wohnsitz in Deutschland wollte ein lukratives Geschäft vermitteln. Die heutige Pfizer-Tochter Heumann sollte an eine Firma mit Sitz in der Industriestadt Rasskasowo das Antibiotikum Urospasmon und das Herz-Kreislauf-Mittel Atenolol liefern. Gesamtwert der Arzneimittel: rund 700 000 Euro. Die Produkte seien für die russische Armee bestimmt, hieß es.

Eigens für diesen Sonderexport ließen die Heumann-Verkäufer eine Charge produzieren - mit Packungen und Beipackzetteln in englischer Sprache. Am 8. März 2002 rollte ein Lastwagen - beladen mit 195 Kartons auf 13 Paletten - vom Hof des Werks in der fränkischen Kleinstadt Feucht. Der Verkaufspreis lag rund 30 Prozent unter dem deutschen Inlandstarif.

Doch die Soldaten aus Russland bekamen die Medikamente nie verabreicht. Stattdessen meldete ein Beamter aus Niederbayern im Januar dieses Jahres einen spektakulären Fund: In einer Apotheke tauchten Urospasmon und Atenolol auf, deren deutsche Packungen und Beipackzettel beinahe perfekt gefälscht waren.

Auf Grund der Produktionsnummern ließ sich der Fall klären: Hinter dem vermeintlich harmlosen Auftraggeber aus Rasskasowo stand eine internationale Fälscherbande. Die hatte die Heumann-Lieferung umgepackt und an die Schweizer Firma Eva Ever Vital AG weiterverkauft. Von da gelangte die gefälschte Ware über einen bayerischen Importeur zu verschiedenen Großhändlern und landete am Ende in den Regalen deutscher Apotheken.

Nachrichten wie diese alarmieren nicht nur die Vorstandsetagen der Pharmaindustrie. Die Branche hat ein gewaltiges Problem: Auf dem globalen Markt für Arzneimittel tauchen immer mehr professionell hergestellte Fälschungen auf. Experten gehen davon aus, dass weltweit bereits rund sieben Prozent aller Arzneimittel keine Originale sind. Laut »Apotheker-Zeitung« wird der durch Fälschungen verursachte Schaden allein in Deutschland auf mindestens 2 Milliarden Euro geschätzt.

Von Packung bis Pulver wird heute alles kopiert. Der Unterschied zum Piraterie-Geschäft mit Jeans- oder Uhrenmarken: Hier steht die Gesundheit des Verbrauchers auf dem Spiel.

Denn in den Hinterhoffabriken der Pharmamafia ist Qualitätssicherung kein Thema. Ob Verpackungen mit falschen Verfallsdaten und Angaben zum Wirkstoffgehalt, mangelnde Hygiene beim Umpacken oder gar fehlende Wirkstoffe - die Einnahme der manipulierten Medikamente kann für die Gesundheit der Patienten verheerende Wirkungen haben und in Extremfällen gar zum Tod führen.

Waren Arzneimittelfälschungen bis in die neunziger Jahre lediglich ein Problem der Entwicklungsländer, so sind nun immer häufiger die Industrieländer betroffen. Das organisierte Verbrechen drängt verstärkt in die großen Märkte und Hochpreis-Oasen. Die USA und Deutschland gelten als besonders beliebte Absatzländer.

Als Verkaufskanal dienen längst nicht mehr nur Schwarzmärkte. Über ein undurchsichtiges Netzwerk zwielichtiger Handelsfirmen schafft es die Mafia direkt ins Regal deutscher Apotheker. Wie im Fall Heumann gelangen die Kopien problemlos in die ganz gewöhnliche Verteilerkette.

Bereits im Jahr 2001 warnte das Bundeskriminalamt, dass »die bisher bekannt gewordenen Fälschungen möglicherweise erst den Beginn einer Entwicklung von kriminellen Aktivitäten darstellen«.

Längst sind es nicht mehr nur nachgemachte Verpackungen, die hier zu Lande wie im Fall Heumann die Behörden und Pharmamultis alarmieren. Trotz vermeintlich lückenloser Kontrollen gingen bei Deutschlands Pharmazeuten bereits erste Totalfälschungen über die Ladentische.

Das hat jetzt auch die Politik aufgeschreckt: »Wir müssen alles tun, um zu verhindern, dass gefälschte Medikamente über den Apothekertresen gehen«, sagt Gesundheits-Staatssekretär Klaus Theo Schröder. Mit einem dicken Katalog von Maßnahmen versucht Berlin, den Fälschern das Handwerk zu legen.

Ein Referentenentwurf zur Änderung des Arzneimittelgesetzes reicht von einer Pflicht zur strengeren Dokumentation bis zu einer schärferen Kontrolle der Großhändler. Darüber hinaus sollen die Kooperationen mit ausländischen Kontrollbehörden verstärkt und illegale Händler drastischer als bisher bestraft werden.

Die Pharmareferenten der Länder haben vor einigen Monaten beschlossen, endlich Daten über unseriöse Großhändler auszutauschen. Bis Herbst soll die Bestandsaufnahme abgeschlossen sein.

Anders als bei den aktuell debattierten Sparvorschlägen fürs Gesundheitswesen sind Staat und Industrie gleichermaßen an rigideren Gesetzen interessiert. Denn die Liste der betroffenen Konzerne wird immer länger:

* Boehringer Ingelheim musste im März 2001 seine Asthmapräparate Ditec und Berodual vom deutschen Markt zurückrufen, weil sie »auf Grund von Eingriffen Dritter nicht verkehrsfähig« waren. Die Staatsanwaltschaft in München nahm damals Ermittlungen gegen einen deutschen Importeur auf. »Die Originalprodukte waren ursprünglich in verschiedene osteuropäische Länder geliefert worden«, so eine Konzernsprecherin.

* Der Bayer-Konzern musste feststellen, dass »gefälschte Arzneimittelumverpackungen« des Antibiotikums Ciprobay im Umlauf waren. Staatsanwälte in Kaiserslautern ermitteln gegen einen Deutschen, der die Präparate entweder von einem Krankenhaus bekommen oder direkt bei Bayer gestohlen hatte.

Es ist kein Zufall, dass gerade Deutschland so häufig mit Fälschungen überschwemmt wird. Nirgendwo in Europa - außer in der Schweiz - sind Arzneimittel so teuer. Und nirgendwo lässt sich leichter Geld verdienen.

Während in anderen EU-Staaten die Preise zwischen den Herstellern und den Krankenkassen ausgehandelt oder staatlich festgelegt werden, leistet sich Deutschland einen teuren Luxus: Hier legen die Firmen ihre Preise selber fest. Der Staat rechnet nur noch einen Zuschlag für die Großhändler und die Apotheken oben drauf - fertig ist die Arzneimittelpreisverordnung.

Einladend für dunkle Geschäfte ist Deutschland aber auch deshalb, weil der Markt so unübersichtlich ist: »Beim Metzger kann man den Weg des Rinderbratens von der Ladentheke problemlos zurückverfolgen«, sagt die Präsidentin der hessischen Apothekerkammer, Gabriele Bojunga. »Bei den Medikamenten kennen wir den Vertriebsweg oft überhaupt nicht.«

Medikamentenfälscher verursachen jedoch nicht nur wirtschaftliche Schäden. »Bei solchen Umverpackungen entsteht eine eklatante Sicherheitslücke«, sagt Heumann-Geschäftsführer Wolfgang Niedermaier. Hygiene, Lagertemperatur, Verfallsdaten und Beipackzettel können in dieser »black period« vom Hersteller nicht mehr überwacht werden.

Noch gefährlicher wird es, wenn sich die Fälschermafia gleich das gesamte Produkt vornimmt. Dann stammen auch Wirkstoffe, Pillen und Kapseln aus Medikamenten-Küchen irgendwo in Asien oder Osteuropa. »In Deutschland gab es in den vergangenen 15 Jahren drei Fälle von Totalfälschungen«, schrieb der Verband Forschender Arzneimittelhersteller im Oktober 2002 - drei, die bekannt wurden.

Seit sich deutsche, belgische und Schweizer Untersuchungsbehörden mit den Geschäften der Schweizer Eva Ever Vital AG beschäftigen - was im Frühling einem deutschen Großhändler eine Hausdurchsuchung bescherte - wird vielen Insidern die Dimension des Problems erst richtig bewusst: Hinter der Mini-Firma verbirgt sich, so jedenfalls sehen es die Ermittler, ein internationales Netz rücksichtsloser Geschäftsleute, die für ihre Zwecke die Eidgenossen einspannten. »Wir wurden missbraucht«, behauptet eine Eva-Verantwortliche.

Die Schlüsselfiguren sitzen in Israel, Belgien, England und der Schweiz. Zu Produktionsstätten in Indien, Pakistan und Bangladesch bestanden enge Verbindungen. Die Geschäfte liefen über unzählige Briefkastenfirmen. Der Hauptdrahtzieher - bekannt unter dem Decknamen »Mister Brown« - hielt über eine Genfer Anwaltskanzlei Aktien an der Eva.

Erst langsam wird deutlich, mit welcher Skrupellosigkeit Fälscherbanden die eigenartigsten Mixturen auf den Markt bringen. Bei einer Razzia in einer deutschen Spedition beschlagnahmten Zollfahnder unlängst eine Lieferung des Medikaments Zerit, das bei der Behandlung von Aids-Kranken angewendet wird. Die für die Kapselhülle verwendete Gelatine und die Kapselbedruckung waren gefälscht. Dagegen entsprach der Wirkstoff den Spezifikationen des Originalpräparates - was große Rätsel aufgab.

»Wir wissen nicht, woher er stammt«, so das erschreckende Geständnis von Hans Joachim Hutt, Sprecher des US-Pharmakonzerns Bristol-Myers Squibb (BMS). Das bedeutet: Entweder wurde der Wirkstoff aus der Produktion gestohlen oder illegal nachgekocht. Fest steht: Die Ware kam per Flugzeug aus Südafrika nach Frankfurt am Main. Von dort ging es weiter nach Belgien und dann wieder zurück nach Deutschland.

Die Eva-Hintermänner haben auch die Erektionshilfe Viagra des amerikanischen Multis Pfizer illegal in den Markt gedrückt. Eine entsprechende Ladung mit Totalfälschungen konnte im Dezember vergangenen Jahres vom Schweizer Zoll abgefangen werden. Herkunft: unbekannt.

Die Profi-Kopien kosten die betroffenen Unternehmen nicht nur Umsatz und Image. Die Firmen fürchten vor allem mögliche Schadensersatzprozesse. »Derartige Fälschungen werfen im Bereich der Haftung ganz neue Fragen auf«, sagt BMS-Sprecher Hutt. »Wenn wir nicht mehr wissen, ob es sich um eine Nebenwirkung einer Fälschung oder des Originalproduktes handelt, wird es für uns sehr problematisch.«

Aufgeschreckt durch die jüngsten Ereignisse will die Tabletten-Branche nun mächtig aufrüsten. Parallel zu den Behörden fahnden Detektive der Multis weltweit nach den Tätern. Zudem erprobt die Branche derzeit ein ganzes Arsenal von Sicherheitsmerkmalen, mit denen die Arzneien fälschungssicher gemacht werden sollen. Die Palette reicht von Hologrammen über synthetisch hergestellte DNS-Codes bis zu Daten-Etiketten, auf denen Sprache gespeichert werden kann.

Allerdings sind längst nicht alle Hersteller überzeugt, dass allein solche Hightech-Maßnahmen das Problem lösen. Abgesehen vom aufkommenden Versandhandel sehen viele die Wurzel allen Übels in den problematischen Einkaufspraktiken des Großhandels. Der besorgt sich einen Teil der Ware nicht direkt bei den Produzenten, sondern kostengünstig im Ausland.

Die Pharmaindustrie trägt durchaus Mitverantwortung für die aktuelle Fälschungsflut. Bis heute exportiert sie zu Billigtarifen in Länder wie Spanien, Griechenland oder Russland, während die identischen Produkte im geschützten Heimatmarkt zu viel höheren Preisen abzusetzen sind. Zudem erhalten Krankenhäuser im In- und Ausland so genannte Klinikware zu Sonderkonditionen. Das Marketing setzt heute schon im Krankenzimmer an.

Diese undurchsichtige Verkaufspolitik ließ eine internationale Händlerszene gedeihen, die von den massiven Preisunterschieden profitieren will - und inzwischen vor nichts mehr zurückschreckt.

»Es ist eine Crux, dass freiheitlicher Handel immer auch den Missbrauch in sich trägt«, sagt Staatssekretär Schröder, dessen Gesundheitsministerin Ulla Schmidt dem kriminellen Treiben ein Ende bereiten könnte. Sie müsste dafür sorgen, dass Großhändler dazu verpflichtet werden, direkt bei den Herstellern einzukaufen.

Stattdessen hat sie aus Versehen die Mafia erst angelockt: Um Kosten zu sparen, müssen deutsche Apotheken nun sieben Prozent Re-Importe aus dem Ausland vertreiben. Um die Quote zu erfüllen, sind die Apotheker auf Zwischenhändler angewiesen. Und die arbeiten nicht selten mit Fälschern zusammen.

Lückenhafte Kontrollen erleichtern den Pillendealern das Geschäft. »Wir können nur Stichproben machen«, sagt Hermann Ringenaldus, Geschäftsführer der Phagro, des Verbandes der Vollsortiments-Großhändler. Bei 1,3 Milliarden Packungen, die jährlich über den Großhandel geliefert würden, sei das Geschäft »Vertrauenssache«.

Die Apotheker wiederum sehen sich den Zulieferern ausgeliefert, sagt Apotheker-Funktionär Karl-Rudolf Mattenklotz: »Wie soll ich denn feststellen, ob es sich um eine Fälschung handelt?« Er könne schließlich nicht jede Packung untersuchen. Wer also hat den schwarzen Peter?

Den Arzneimittelkontrolleuren in den Bezirksregierungen und Kreisverwaltungen wird schon länger mulmig bei dem Gedanken, dass sie letztlich für die Sicherheit verantwortlich sein sollen. »Wir kontrollieren, ob die Apotheke sauber und das Lager trocken ist«, sagt einer der Pharmazeuten. »Die Warenströme können wir nicht verfolgen. Wenn es den ersten Todesfall gibt, wird die Hölle los sein.«

Die Apothekerkammer Hessen schritt unterdessen zur Selbsthilfe. Sie engagierte im vergangenen Jahr einen Privatdetektiv, um unseriöse Händler aufzuspüren.

BEAT BALZLI,

MICHAEL FRÖHLINGSDORF, UDO LUDWIG

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