Fahndung mit Computer - DER SPIEGEL
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Ladendiebstahl Fahndung mit Computer

Westdeutschlands Ladendiebe werden immer dreister: Kunden und Verkaufspersonal entwendeten im vergangenen Jahr Waren im Wert von über zwei Milliarden Mark.
• aus DER SPIEGEL 36/1973
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Mit einer Tragetasche von Horten im Einkaufswagen steuerte der leitende Angestellte Dr. Max Deiring* im Hamburger Kaufhof den Zigarettenständer an. Die Konkurrenztüte, so berichtete eine Kassiererin später vor Gericht, war wie »ein Schlund geöffnet«, in dem plötzlich sechs Päckchen Zigaretten verschwanden. An der Kasse wollte der Kaufmann allerdings nur eine Dose Fisch und eine Schachtel Zigaretten abrechnen lassen. Von einem Hausdetektiv gestellt, behauptete der wohlhabende Kunde ("Ich brauche nicht auf den Pfennig zu achten"), er habe die Tabakwaren kurz vorher bei Horten gekauft.

In einem Kaufhaus in Hannover ließ ein gutgekleideter Herr zwei Portionen abgepackte Salami und Schinken in seine Aktentasche verschwinden. Als der zahlungsunwillige Wurstliebhaber von wachsamen Verkäufern um seine Personalien gebeten wurde, wies er sich als Polizeidirektor mit einem Monatsgehalt von 3800 Mark aus. Der ertappte Staatsdiener deklarierte seinen Wurstdiebstahl als »irrtümlichen Einkauf«.

Sogar der Staatssekretär im niedersächsischen Justizministerium Günther Langensiepen mußte sich den Verdacht gefallen lassen, der Gilde der Ladendiebe anzugehören. In einem hannoverschen Kaufhaus hatte er ein Buch über Gespenster aus dem Regal genommen und war dann »ganz in Gedanken« an der Kasse vorbeigegangen. Bevor der hohe Ministerialbeamte den Ausgang erreichte, erwischte ihn jedoch der Hauskriminalist.

Solche Szenen wiederholen sich täglich in Kaufhäusern und Supermärkten zwischen Flensburg und Freilassing, zwischen Berlin und Bonn. Allein im letzten Jahr zeigten Einzelhändler in der Bundesrepublik 220 000 Kunden an, die das Wort »Selbstbedienung« falsch verstanden hatten -- rund 45000 mehr als im Jahr zuvor.

Doch wie bei kaum einem anderen Delikt ist die Dunkelziffer der Ladendiebstähle besonders groß. Trotz ausgeklügelter Überwachungssysteme (Durchblickspiegel. Fernsehkameras und Fangprämien) wird derzeit nur jeder zwanzigste Ladendieb erwischt. Nach Ansicht von Händlern und Kriminalisten greifen mindestens 4,5 Millionen Bundesbürger gelegentlich in die Regale. ohne an der Kasse zu zahlen.

Wie klein das Risiko von Ladendleben ist, konnte der Soziologe Erhard Blankenburg ermitteln. Bei einem Freiburger Einzelhändler führte er an »normalen Werktagen zwischen 15 und 19 Uhr« Testdiebstähle durch. Seine Helfer hatten die Aufgabe, entweder ein Pfund Kaffee, eine Dose Fleisch oder Gemüse »mitgehen zu lassen« -- Ware, die wegen ihres Umfangs noch im Laden in eine Aktentasche umgepackt werden mußte. Von den geplanten 40 Diebstählen gelangen 39. Der einzige Mißerfolg war darauf zurückzuführen. daß sich der Täter von einer aufmerksamen Verkäuferin beobachtet fühlte.

Bei einer Befragung von 220 Berufsschülern in Gießen offenbarten 89 von ihnen, daß sie in einem Kaufhaus oder

* Der Name wurde von der Redaktion geändert.

Selbstbedienungsladen »schon einmal etwas weggenommen haben«. Aber nur vier hatten es anschließend mit der Polizei zu tun bekommen.

Finanzielle Not spielt als Motiv kaum noch eine Rolle. Das alte Mutterlein, das mit knurrendem Magen einen Zipfel Wurst unter ihrem Rock verschwinden läßt, ist, so der Münchner Rechtsanwalt Bodo Nibbe, »aus der Literatur über Ladendiebstähle weitgehend verschwunden«. Ebensowenig spielt Kleptomanie eine Rolle.

Gestohlen wird vorwiegend aus Übermut oder aus Freude am Nervenkitzel. Der Wert der entwendeten Güter ist denn auch gering: Zwei von drei Dieben begnügen sich mit einer Beute von weniger als 25 Mark.

In den Bilanzen der Händler jedoch schlagen diese Bagatellfälle schwer zu Buch. Zwar können die Verluste durch Langfinger nicht immer exakt ausgelotet werden, doch gilt als Faustregel, daß mindestens 50 Prozent des jährlichen »Inventur-Mankos« auf ungetreue Kundschaft zurückzuführen sind: rund eine Milliarde Mark.

Die zweite Milliarde des Fehlbestandes wird auf »technische Fehler« oder »Schwund« zurückgeführt. Mit diesen Vokabeln umschreibt die Branche in diskreter Form den Warendiebstahl des eigenen Personals. Besonders beliebt ist beim Bedienungspersonal die Methode »Otto Reuter«. wobei die Initialen 0. R. für »ohne Rechnung« stehen. Bei diesem Verfahren »vergessen« Ladendienerinnen, bei Freunden und Bekannten die Kassentasten zu drücken. Später wird dann die Gratisware geteilt.

Noch einfacher machte es sich der Filialleiter eines Münchner Selbstbedienungsladens. Tag für Tag ließ er sich von dem Fleischlieferanten ein saftiges Filetsteak zustecken. Als Gegengabe erhielt der stets durstige Fahrer Bier und Schnaps. Das fehlende Fleisch und die fehlenden Getränke verbuchte der Ladenleiter mit dem Vermerk: »Vermutlich Ladendiebstahl.«

Als das tägliche Tauschgeschäft von einem Mitarbeiter der Zentrale gemeldet wurde, mußte der Chefverkäufer keineswegs den Dienst quittieren, die Firma beließ es bei einer Verwarnung. Solche Großzügigkeit ist durchaus die Regel. Detektiv Peter Kreitner: »Bei Bagatellfällen drücken die Arbeitgeber gern beide Augen zu, um keine Mitarbeiter zu verlieren.«

Dabei hat gerade das Personal bessere Nebenerwerbschancen als der wendigste Ladendieb. Genaue Kenntnis des Betriebsablaufs und ungenügende Kontrollen erleichtern selbst das Entwenden von sperrigen Gütern.

Der Auslieferungsfahrer eines Kaufhauses zum Beispiel ergatterte mit einem simplen Trick Radio- und Fernsehgeräte. Immer wenn er den Auftrag erhielt, ein Gerät zu liefern, holte er sich aus dem Lager den auf dem Lieferschein vermerkten Typ und schaffte ihn, am Warenausgang den Lieferschein vorweisend, in sein Diebeslager. Auf das gleiche Papier ließ er sich am nächsten Tag einen neuen Apparat aushändigen, den er dann zum Kunden brachte.

In Kaufhäusern und Einkaufszentren bilden sich bisweilen ganze Diebesringe, wobei sich das Verkaufspersonal großzügige »Rabatte auf Gegenseitigkeit« einräumt. Ein mittlerer Verbrauchermarkt in Norddeutschland zum Beispiel mußte Ende des vergangenen Jahres auf einen Schlag 13 Mitarbeiter entlassen, nachdem eine Kassiererin zu plaudern begonnen hatte.

Um das rare Verkaufspersonal nicht zu verärgern, richtet sich die Aktivität der Konzerne und Krämer vorwiegend gegen die Diebe unter ihren Kunden. Erstmals soll dabei auch die elektronische Datenverarbeitung helfen. In Stuttgart bildete sich eine »Arbeitsgemeinschaft zur Verhütung von Ladendiebstählen«, der unter anderem die Filialbetriebe von Co op, Kaisers und Tengelmann sowie die Kettenläden von Rewe, Spar und Edeka angehören.

In den rund 300 Verkaufsstellen der Mitglieder werden künftig Personalien ertappter Ladendiebe und Tathergang auf einem einheitlichen Formblatt registriert. Ein Durchschlag davon geht an das »Institut für Revision und Einzelhandelsstatistik« in München, das mit den Daten einen Computer füttert. Mit dem Elektronengehirn sollen vor allem Wiederholungstäter ausfindig gemacht und mit mehr Erfolg als bisher dem Staatsanwalt ausgeliefert werden. Denn bislang stellten die Gerichte Verfahren gegen Diebe, die weniger als zehn Mark Beute machten, häufig wegen Geringfügigkeit ein.

Mit Hilfe des Computers können die süddeutschen Händler auch die Hausverbote für Ladendiebe besser kontrollieren. Wird ein Kunde innerhalb von drei Monaten erneut bei einem Diebstahl gefaßt, hat er dann noch zusätzlich mit einem Verfahren wegen Hausfriedensbruchs zu rechnen. Bodo Nibbe. Rechtsberater der Arbeitsgemeinschaft: »Diese Beeinträchtigung des Persönlichkeitsrechts ist von uns gewollt.«

Auch die Kaufhauskonzerne, bei denen das Manko bis zu zwei Prozent des Umsatzes ausmacht, wollen den Kunden mehr als bisher auf die Finger sehen. Die Kölner Kaufhof AG -- sie hatte im letzten Jahr einen Inventurverlust von 57,3 Millionen Mark -- läßt zum Beispiel in den Aufenthaltsräumen. ihrer Belegschaft die Tonbild-Schau »Der Dieb kam um fünf« vorführen. Und die Karstadt AG in Essen verteilte unter ihren 60 000 Mitarbeitern eine Schallplatte mit dem Titel »Das darf doch nicht wahr sein«. Nicht wahr sein darf, laut Text, -- daß zu viele probieren -- unreell zu profitieren. Denn: »Mancher findet was begehrlich, und er nimmt es einfach mit.« So etwas -- appelliert der Kaufhaus-Barde an das Personal -- »darf es nicht geben, und du stehst daneben« wie finde ich denn das?«

Die Chefs der hessischen Selbstbedienungsunternehmen Massa hingegen appellieren lieber an die menschlichen Besitzinstinkte: Jeder Mitarbeiter und Kunde erhält 50 Mark Kopfprämie, wenn er einen Ladendieb auf frischer Tat ertappt. Das Geld entnimmt die Firma freilich nicht der eigenen Kasse -- sondern dem Portemonnaie der Täter.

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