Fairchild Dornier Perfektes Timing
München/San Antonio - Der Termin für den Spatenstich war mit Bedacht gewählt. Auf den Tag genau vier Wochen nach den Terroranschlägen vom 11. September legte Fairchild-Dornier-Chef Charles Pieper in Oberpfaffenhofen den Grundstein für die neue Montagehalle, in der das neue Modell vom Typ 728Jet gebaut werden soll. Mit von der Partie, gleichsam als Zeuge, dass man sich nicht unterkriegen lässt, war Karl-Heinz Köpfle, der Geschäftsführer der Lufthansa Regionalflug-Tochter CityLine, der bereits 60 Stück davon bestellt hat. "Der Spatenstich ist ein Signal für den Behauptungswillen des Luftverkehrs", sagte der Manager.
Ein wenig wollten sich die Luftfahrt-Kapitäne dabei wohl auch selbst Mut zusprechen, angesichts der heftigen Rückschläge, die ihre Branche seit dem 11. September einstecken musste. Allein in den USA ging das Passagieraufkommen seitdem um mehr als 30 Prozent zurück, die Nobelfluglinie Swissair und die belgische Sabena mussten Konkurs .
Die Krise der Airlines wirkte sich natürlich auch auf die Flugzeughersteller aus. Die Nummer eins der Branche, Boeing rechnet mit spürbarer Kaufzurückhaltung der Airlines im nächsten Jahr, Airbus musste hinnehmen, dass die Lufthansa ihre Entscheidung für die Bestellung von 15 Modellen des neuen Superfliegers A380 auf die lange Bank schob.
Der brasilianische Flugzeugbauer Embraer, Nummer vier der Branche und direkter Konkurrent von Fairchild Dornier im Segment Regionalflugzeuge, gerät sogar in echte Bedrängnis: Mehr als die Hälfte seines Umsatzes macht Embraer in Nordamerika. Die beiden größten Einzelkunden der Brasilianer sind die von den Anschlägen besonders betroffenen American Airlines und Continental, hinzu kommt der Konkurs der Swissair. Die Folge: Von den 205 Flugzeugen, die für 2002 als feste Aufträge gebucht wurden, werden voraussichtlich nur noch 135 ausgeliefert. Jetzt will das Unternehmen rund 15 Prozent der Belegschaft entlassen.
Doch Pieper baut in solch deprimierenden Zeiten neue Montagehallen - und Experten sagen dem Fairchild-Dornier-Chef perfektes Timing nach. Denn während Embraer mit der Präsentation seinen neuen Regionaljets vom Typ ERJ 170 Ende Oktober mitten in die Stimmungskrise rutschte, startet der 728Jet seinen Jungfernflug erst im nächsten Frühjahr: Wenn die ersten Maschinen dann 2003 ausgeliefert werden, wird die Luftfahrt nach Überzeugung der Experten wieder unter Dampf stehen.
Hinzu kommt, dass die derzeitige Krise gerade den Herstellern von Regionalflugzeugen mittelfristig in die Hände spielen könnte. Denn die großen US-Linien beginnen bereits, auch auf intensiv genutzten Strecken kleinere Maschinen einzusetzen - ein Trend, der sich auch für Europa absehen lässt. Außerdem setzt sich bei den Fluggesellschaften allmählich die Erkenntnis durch, dass die meisten Passagiere auch auf Nebenstrecken lieber nonstop fliegen, als an einem großen Drehkreuz umzusteigen. Solche Strecken können aber nur mit kleineren Maschinen wirtschaftlich bedient werden.
Von diesem Wachstumschancen will Pieper profitieren. Bis 2008 peilt er eine Umsatzsteigerung um 800 Prozent auf rund fünf Milliarden Euro an. Die neue 728Jet-Familie ist dabei seine wichtigste Trumpfkarte. Sie soll bis 2006 den Konkurrenten in der 70- bis 100-Sitzer-Klasse Marktanteile abjagen. Mehr als 33 Prozent ist erklärtes Ziel.
Experten halten das durchaus für möglich. Patrik Hoeveler, Redakteur der Fachzeitschrift "Flugrevue", bescheinigt dem neuen Modell jedenfalls die nötigen Talente: "Die Verarbeitungsqualität wird besser sein als die der Konkurrenten. Vor allem aber wird der 728Jet den Komfortstandard der großen Flugzeuge bieten - ein wichtiges Kaufargument für die Fluglinien."
Immerhin liegen bereits mehr als 300 Bestellungen vor, obwohl die 728Jet-Familie inklusive der Stretchversion 928Jet erst auf dem Reißbrett existiert. Stornierungen: keine. Zu den wichtigsten Kunden gehört die Lufthansa CityLine, die neben den 60 verbindlichen Bestellungen noch eine Option für weitere 60 Modelle unterschrieben hat. Derzeit rangeln Fairchild Dornier und Embraer gerade um einen Auftrag der British Airways, der rund hundert Flugzeuge umfassen soll.
Aber nicht allein gutem Timing und der Schwäche des wichtigsten Konkurrenten ist es zu verdanken, dass Fairchild Dornier in der Krise so erfolgreich agiert. Mit dazu beigetragen hat auch eine radikale Verjüngungskur, die die Bayern hinter sich gebracht haben. Allein in den Standort Oberpfaffenhofen wurden insgesamt rund hundert Millionen Euro investiert. Ein großer Teil davon floss in die neuen Montagehallen, aber auch in neue Maschinen, Computer und Software.
In Zukunft werden Computersimulationen während der Entwicklung helfen, schon im Vorfeld Probleme der Fertigung zu berücksichtigen und die Montagezeit jeder Maschine um 60 Prozent zu reduzieren. Entwicklungsleiter John Wolf sieht sich hier schon auf gleicher Stufe mit Airbus Industries.
Bei so viel Dynamik ist die Zeit anscheinend auch reif für ein anderes Projekt. Mit der chinesischen Hainan Airlines und dem Hersteller China Aviation Industrie Corporation verhandelt Fairchild Dornier derzeit über die Gründung eines Joint Ventures. Ziel ist die Entwicklung eines 50-Sitzers, der Tradition folgend 528Jet genannt. Die Verhandlungen seien bereits gut vorangeschritten, sagt ein Sprecher. Eine Machbarkeitsstudie sei bereits in Arbeit. Läuft alles nach Plan, könnte der Jet schon bis Ende 2004 gebaut werden. Das Potenzial wäre gewaltig: Experten schätzen den Bedarf allein für den chinesischen Markt auf 200 bis 250 Flugzeuge.