BANKEN Fall ohne Schirm
Am vergangenen Dienstag erhielt Günther Merl, Chef der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba), Besuch von seinen Untermietern. Ein Analystenteam der Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) kam in den 47. Stock seines Wolkenkratzers und verteilte Noten wie früher in der Schule.
Kaum waren die Analysten mit dem Aufzug die 20 Etagen hochgefahren, die ihre Büros von der Vorstandsetage der Helaba trennen, wusste Merl Bescheid. Die amerikanische Ratingagentur beurteilt die künftige Kreditwürdigkeit ihres Vermieters nur noch mit der schlechteren Note A.
Dank einer noch bis zum Juli 2005 laufenden Staatshaftung für alle Risiken galt die Helaba wie die meisten Landesbanken bisher mit einem Rating von AA Plus als Primus. Merl war nicht begeistert über die Abwertung seines Instituts, aber auch nicht wirklich überrascht. »Wir wussten, was auf uns zukommt«, sagt er gefasst. Nur der Zeitpunkt des Zeugnisses überraschte.
Die meisten anderen Landesbanken, die bei dem fiktiven, erst in der Zukunft geltenden Rating mit einer noch schlechteren »BBB«-Note konfrontiert wurden, reagierten dagegen empört. Da werde Desinformation statt Aufklärung betrieben, hieß es bei der Landesbank Rheinland-Pfalz. »Unzulässige Marktbeeinflussung«, schimpfte der Bundesverband Öffentlicher Banken Deutschlands. Kaum hatte das »Handelsblatt« ein paar vorläufige Urteile veröffentlicht, nahm der Druck auf S&P derart zu, dass die Agentur ihre für diese Woche angekündigten Urteile wieder einkassierte. Vorläufig.
Der Aufschrei bei den Landesbanken war so groß, weil sie sich bisher dank umfassender Staatshaftung und daraus resultierender guter Ratingurteile billig Geld auf den Finanzmärkten besorgen können. Gegenüber der privaten Konkurrenz genossen sie damit einen großen Wettbewerbsvorteil.
Die Landesbanken und die ebenfalls betroffenen Sparkassen haben rund 300 000 Beschäftigte, verwalten fast die Hälfte aller Girokonten und verfügen immer noch über gewaltigen politischen Rückhalt. Man müsse die internationale Aufsicht der Ratingprozesse neu überdenken, drohte das Berliner Finanzministerium.
Mit Wucht setzte sich auch die Bundesbank ein. »Es entspricht nicht der ökonomischen Realität, heute zu fragen: Was passiert 2005?«, sagt Vorstandsmitglied Edgar Meister. Die Landesbanken hätten bis dahin noch genügend Zeit, sich auf die neue Situation einzustellen. Außerdem fielen die Verbindlichkeiten, die bis 2015 fällig werden, unter die Staatshaftung, wenn sie vor Juli 2005 ausgegeben würden.
Schließlich willigte S&P ein, ihre Urteile erst in sechs Monaten zu veröffentlichen. Ein Scheinsieg, der allenfalls ein paar Monate Zeit kauft. »Bei einem dreifachen B können sie ihre Geschäftsmodelle kaum mehr durchhalten«, glaubt Jens Schmidt-Bürgel. Der Geschäftsführer der Ratingagentur Fitch kündigt an, dass auch Fitch alle Landesbanken in Zukunft deutlich niedriger einstufen werde. Wohin die Reise geht, können Investoren bereits bei den so genannten Finanzstärke-Ratings von Fitch und der dritten großen Ratingagentur Moody's sehen, die die einzelnen Institute ohne den Schutzmantel der unbeschränkten Haftung durch den Steuerzahler zeigen.
Hinter vorgehaltener Hand begrüßen etliche Bankiers den enormen Druck sogar, den die Ratingagenturen zurzeit aufbauen. Mit dem staatlichen Fallschirm im Rücken stürzten sich die Provinzbankiers nicht nur auf dem heimischen Markt in hochriskante Abenteuer. Weit weg vom eigentlichen Auftrag einer Landesbank pumpten sie das Geld rund um den Globus in unzählige Großprojekte.
Besonders bitter sieht es bei der WestLB aus. Nachdem im Juni deren Vorstandsvorsitzender Jürgen Sengera über Wertberichtigungen in Milliardenhöhe und völlig unzureichende Risikokontrollsysteme stürzte, muss sein Nachfolger Thomas Fischer ab Januar tüchtig aufräumen. Allein die Londoner TV-Vermietgesellschaft Boxclever verursachte nach der neuesten internen Berechnung insgesamt Miese von gut 500 Millionen Pfund.
Bei Whyte and Mackay, dem fünf Whisky-Destillationen in Schottland gehören, hat die Düsseldorfer Bank noch Außenstände von 182 Millionen Pfund. Beim britischen Investmentvehikel Swan musste man vor kurzem noch einmal 35 Millionen Pfund abschreiben. Und bei der US-Flugzeugleasingfirma Boullion wird ein zusätzlicher Eigenkapitalgeber gesucht. Die Höhe der Wertberichtigungen, meint ein WestLB-Insider, werde Ende des Jahres bei einem signifikanten dreistelligen Millionenbetrag liegen.
Nicht nur die WestLB blieb bislang auf den größten Risiken sitzen. Vor allem in den USA saß den Landesbankern jahrelang das Geld locker. Egal ob Enron, WorldCom oder Mirant, bei jedem Zusammenbruch war mindestens eine Landesbank mit von der Partie.
So stürzte Ende vergangenen Jahres die Fluggesellschaft United Airlines ab. Die Gläubigerliste liest sich wie die Mitgliederkartei des Bundesverbandes öffentlicher Banken Deutschlands. Eine Forderungssumme von beinahe einer halben Milliarde Dollar geht allein auf das Konto mehrerer Landesbanken.
Ähnlich großzügig fiel die Finanzierung von Spiegel Inc. aus. Der US-Einzelhändler, der zu 85 Prozent der Hamburger Versandhaus-Dynastie Otto gehört, musste sich vergangenen März vor seinen Gläubigern in Sicherheit bringen. Neben den großen Privatbanken warten nun laut Insolvenzakten auch vier öffentliche Banken auf hohe Beträge: Die Landesbank Hessen-Thüringen fordert 76 Millionen Dollar, die Berliner Bankgesellschaft 71 Millionen Dollar, die Westdeutsche Landesbank 56 Millionen Dollar und die Norddeutsche Landesbank 41 Millionen Dollar.
Immerhin sitzt bei Spiegel ausnahmsweise die Bayerische Landesbank nicht mit im Boot. Doch auch so fehlt es bei den Münchnern nicht an Skandalen in der Kreditabteilung. Allen voran jene mehr als 2 Milliarden Euro, welche die bayerischen Bankiers mit dem Segen der Landesregierung in das inzwischen zusammengebrochene Medienimperium von Leo Kirch pumpten. Vergangenes Jahr betrug die Risikovorsorge des Instituts 2,3 Milliarden Euro, davon ging allein eine Milliarde auf das Konto des Kirch-Abenteuers.
Bereinigt ist die Bank damit noch lange nicht. Auch in diesem Jahr kämpft die Truppe von BayernLB-Chef Werner Schmidt weiter mit den Sünden der Vergangenheit. Als Air Canada im April beim Insolvenzrichter notlanden musste, lagen in München die Nerven blank. Jahrelang hatte man sich im fernen Montreal als Hausbank aufgespielt und den Kanadiern jeden Wunsch erfüllt. Im laufenden Verfahren drohen jetzt Abschreibungen auf ein Kreditvolumen von mindestens 400 Millionen Dollar.
Das Geschäft mit der Fliegerei war bis vor kurzem das Steckenpferd der Chefetage. Flugzeugfinanzierungen in Höhe von rund 4 Milliarden Euro stehen aktuell in den Büchern - und bringen kein Glück. Nach Air Canada ist seit wenigen Wochen auch die Charterfluggesellschaft Aero Lloyd insolvent. Insider schätzen den drohenden Schaden für die Bank auf einen dreistelligen Millionenbetrag.
Seit vergangener Woche haben die Münchner ein weiteres Problem am Hals. Wegen gefloppter Immobiliengeschäfte im Osten wackelt die Kölner CBB Holding. Drei Vorstände mussten gehen. Neben direkten Bankkrediten von rund 300 Millionen Euro haftet die CBB zusätzlich für Schulden von rund 400 Millionen, die sich in verschiedenen Immobilienfonds verstecken. Gut 90 Millionen Euro entfallen allein auf die BayernLB.
Schmidt, der die Bank erst seit Mitte 2001 führt, sucht sein Heil in einer gnadenlosen Abmagerungskur. Verschiedene Beteiligungen wurden bereits verkauft. Das Neugeschäft mit Flugzeugfinanzierungen hat er teilweise auf Eis gelegt.
Das Projekt Größenwahn seines Vorgängers stutzt Schmidt auch geografisch arg zurecht: Bis Ende des Jahres werden im Ausland alle zwölf Repräsentanzen geschlossen. In Deutschland mussten vor kurzem drei Niederlassungen und sechs Repräsentanzen den Betrieb einstellen. Zurzeit lässt Schmidt in den Büchern nach weiteren Reserven suchen. »Es wird alles zusammengekratzt, um dieses Jahr über die Runden zu kommen«, so ein Insider.
Mit massiver Unterstützung der Staatskanzlei von CSU-Ministerpräsident Edmund Stoiber sollen zudem in den nächsten Tagen die bayerischen Sparkassen mit ins Boot geholt werden. BayernLB, Sparkassenverband Bayern und bayerische Sparkassen wollen auf Basis vertraglicher Regelungen die Zusammenarbeit vertiefen - und vor allem verbindlicher gestalten.
»Hierzu sollen neben einem Rahmenvertrag möglichst viele Einzelverträge mit den bayerischen Sparkassen abgeschlossen werden«, sagt ein Sprecher. Ziel ist das Mittelstandsgeschäft. Als »Netzwerk-Bank« will die Landesbank künftig Produkte wie Exportfinanzierungen oder Analysen an die Sparkassen verkaufen.
Damit aber gehen die Bayern noch nicht so weit wie die Helaba, die mit den 51 Sparkassen aus Hessen und Thüringen gerade einen Verbund gegründet hat. Die Frankfurter Koalitionäre wollen künftig mit einheitlicher Risikopolitik und gemeinsamem Geschäftsbericht am Markt auftreten. Ein Risikoausschuss - bestehend aus vier Sparkassenvertretern, einem Verbandspräsidenten und dem Helaba-Chef - soll darüber wachen, dass sich niemand mehr bei riskanten Geschäften vergaloppiert.
Zwei Jahre lang ließ sich der Helaba-Vorstandsvorsitzende Merl von den Ratingagenturen beraten, um herauszufinden, welche Strukturen den einflussreichen Gurus der internationalen Kapitalmärkte genehm sind. Die plädierten unisono für eine Einbindung der Sparkassen, weil deren Geschäft als weniger risikoanfällig gilt.
Dagegen kommt die Fusion zweier Landesbanken bei den mächtigen Ratingagenturen weniger gut an. »Die trauen uns einfach nicht zu, dass wir die dann nicht mehr benötigten Mitarbeiter freisetzen können«, sagt ein Beteiligter.
Die Hessen und wohl auch die Bayern, die ebenfalls eng mit den Ratingagenturen kooperieren, können mit deren Wohlwollen rechnen. Sowohl Standard & Poor's als auch Fitch haben bereits signalisiert, dass sie die hessische Verbundlösung künftig mit einem besseren Rating belohnen würden.
Dem Reiz der Regionalbündnisse erliegen derzeit auch die Kollegen in Mainz, Hannover und Kiel. Die Sparkassen übernehmen dabei die Initiative.
So wollen etwa die Sparkassenverbände in Niedersachsen und Schleswig-Holstein fusionieren. Und die Spitzen des rheinland-pfälzischen Sparkassenverbandes führen seit rund vier Wochen unter anderem Sondierungsgespräche mit dem hessischen Sparkassenverband. Dabei wird diskutiert, ob und wie sich Landesbank Rheinland-Pfalz und Sparkassen der hessischen Verbundlösung anschließen können.
Bei der Umgestaltung sitzen den Sparkassen und Landesbanken neben den Ratingagenturen auch die privaten Konkurrenten im Nacken. Gerade versucht die Deutsche Bank, in Geheimverhandlungen eine ostdeutsche Sparkasse aus dem öffentlich-rechtlichen Einflussbereich zu lösen.
Der Oberbürgermeister der Stadt ist angeblich bereits von dem Deal überzeugt. Doch die Widerstände gegen den Tabubruch sind beträchtlich. Der zuständige Sparkassenverband, so ein Insider, habe der Sparkasse bereits mit einer Zwangsübernahme gedroht. BEAT BALZLI,
CHRISTOPH PAULY