BÖRSE Fallende Messer
Die alte Börsenweisheit »Greife nie in ein fallendes Messer« inspirierte den Fernsehsatiriker Harald Schmidt vergangene Woche zu einem kleinen Sketch. Er zwang seinen stoischen Assistenten Manuel Andrack, ein blutiges Messer aufzufangen und damit die Anlegerweisheit ad absurdum zu führen.
Wer das Kunststück vergangene Woche an der Börse wagte, hat mit fast allen Aktien Geld verloren. Denn die Turbulenzen, die sich ausgehend von China auf dem ganzen Globus ausbreiteten, führten bis Ende vergangener Woche zu weiteren Verlusten. Auch diese Woche wird der Abwärtstrend, so die Ansicht der meisten Experten, weitergehen.
»Es ist eine Welle, die sich selbst bricht«, beschreibt Ulrich Kater, der Chefvolkswirt der DekaBank, das Phänomen. In den vergangenen Monaten waren die Aktienkurse scheinbar unaufhaltsam nach oben geklettert, langsam hatten auch die letzten Pessimisten kapituliert. Dann wurde aus der gewaltigen Spekulationsblase an der vergleichsweise unbedeutenden Shanghaier Börse etwas Luft abgelassen. Alan Greenspan, der pensionierte Ex-Chef der US-Notenbank, murmelte etwas von Rezession, die im Herbst in Amerika kommen könne. Als dann noch die immer schon extrem schwankungsanfälligen Auftragseingänge für langlebige Güter in den USA schlechter ausfielen als erwartet, war die Krise da.
»Nach den ersten Kurseinbrüchen wurden bei vielen Hedgefonds intern die Reißleinen gezogen«, beschreibt Stefan Müller von dem Schweizer Hedgefonds Proprietary Partners die Reaktion seiner Kollegen. Viele Fonds rannten zum Ausgang, weil sie auf Kredit spekulieren. Das brachte die Krise erst so richtig in Schwung. Innerhalb weniger Minuten verdreifachte sich beispielsweise der Handel mit Put-Optionen auf einen US-Aktienindex, mit denen man sich gegen einen Fall der Börse absichern kann.
»Ich habe lieber jetzt einen Schüttelfrost als im Herbst einen richtigen Crash«, wirbt der Münchner Vermögensverwalter Gottfried Heller für eine positive Sicht der Dinge. Er vergleicht den Fall der Aktienmärkte mit der Korrektur im vergangenen Mai, als beispielsweise der Dax um über zehn Prozent fiel. Dass die Börsen schnell wieder Fahrt aufnehmen, ist aber eher unwahrscheinlich. »Die Börse gleicht einem angeschlagenen Boxer«, sagt Heller, der Chef des Vermögensverwalters Fiduka. Die Anleger brauchten an schwachen Tagen halt starke Nerven.
Auch Holger Kerzel wurde von der Heftigkeit der Korrektur überrascht. Doch der Leiter des Aktienportfoliomanagements der Münchener Rück geht davon aus, dass die Aufwärtsentwicklung intakt bleibt. »Wir sehen aktuell kein Ende des Bullenmarkts«, sagt Kerzel. Der Mann gehört mit Aktienanlagen in Höhe von rund 25 Milliarden Euro zu den Großanlegern in Deutschland. Bei der Vermögensverwaltungstochter der Münchener Rück soll die Aktienquote von 14 Prozent trotz der Turbulenzen stabil gehalten werden.