»Falsche Kalkulation« - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 43 / 121

TELEKOMMUNIKATION »Falsche Kalkulation«

Telekom-Chef Ron Sommer über die T-Aktie und die Auseinandersetzung mit dem Postminister
Von Jan Kerbusk
• aus DER SPIEGEL 39/1997
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Seit Tagen zeigt der Kurswert der Telekom steil nach unten. Ist der Höhenflug der T-Aktie vorbei?

Sommer: Das können letztlich nur die Anleger entscheiden. Aber ich stehe weiterhin zu meiner Aussage, daß es in Deutschland kein Unternehmen gibt, das langfristig für den Anleger interessanter ist als die Telekom. Wir weisen im ersten Halbjahr 1997 immerhin eine Rendite von elf Prozent vor Steuern aus.

SPIEGEL: Viele Anleger waren in den letzten Tagen offenbar anderer Meinung.

Sommer: Mag sein, aber ich denke, wir können uns durchaus sehen lassen. Wenn man fairerweise von einem Ausgabekurs von 28,50 Mark ausgeht und nicht von den 33,50 Mark, mit denen der Handel am ersten Tag abgeschlossen wurde, dann haben wir uns deutlich schneller aufwärts bewegt als der Aktienmarkt insgesamt. Seit der Markt wieder nach unten tendiert, liegen wir in etwa im allgemeinen Abwärtstrend.

SPIEGEL: Als Postminister Wolfgang Bötsch am vorvergangenen Freitag die unerwartet niedrigen Preise bekanntgab, zu denen die privaten Konkurrenten künftig das Telekom-Netz nutzen können, fiel der Kurs lotrecht nach unten.

Sommer: Das war ja auch eine dramatische Entscheidung, und dementsprechend heftig war der Ausschlag an der Börse. Trotzdem zeichnen die meisten Analysten nach wie vor eine langfristig erfolgreiche Perspektive für die Telekom.

SPIEGEL: Warum reagieren Sie so gereizt auf die vom Postminister festgesetzten Preise für die privaten Herausforderer?

Sommer: Was heißt hier gereizt? Wir haben eine Verantwortung für fast 200 000 Mitarbeiter und die langfristige Sicherung des Unternehmens.

SPIEGEL: Ihre Äußerung, die Kostenstrukturen der Telekom seien nicht von Volksschülern nachvollziehbar, wurde im Postministerium aber wohl so interpretiert.

Sommer: Ich habe damit keine Person gemeint, sondern wollte nur auf die Komplexität aufmerksam machen, die solche Tarifstrukturen haben. Wir sind der Meinung, daß die Kalkulation des Ministers falsch ist, und das werden wir von den Gerichten überprüfen lassen. Es kann doch nicht sein, daß sich der Regulierer, der laut Gesetz neutral sein muß, eindeutig auf die Seite der Wettbewerber schlägt.

SPIEGEL: Mit der Klage bringen Sie sich aber in den bösen Verdacht, den Wettbewerb noch vor dem Start am 1. Januar 1998 abwürgen zu wollen.

Sommer: Davon kann keine Rede sein. Wir bestreiten hier bloß den vom Gesetzgeber festgelegten Weg, und der dumme Vorwurf soll von den Tatsachen ablenken. Erstens hat jeder Wettbewerber von uns klare Angebote bekommen, mit denen er den Kunden vom 1. Januar an überall in Deutschland eigene Dienste offerieren kann. Zweitens gibt es für diese Leistung konkrete Preise, die der Minister selbst festgelegt hat.

SPIEGEL: Aber mit Ihrem Angebot können die Konkurrenten vorerst keine anderen Dienstleistungen anbieten, als die Technik der Telekom zuläßt. Und für die Preise gibt es keinerlei Planungssicherheit, wenn die Telekom vor Gericht zieht.

Sommer: Solche Risiken sind in der Wirtschaft normal. Wir haben ja auch keine Planungssicherheit, bevor nicht das Gericht entschieden hat.

Zur Ausgabe
Artikel 43 / 121

Mehr lesen über