Falsche Stelle - DER SPIEGEL
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OSTHANDEL Falsche Stelle

Die Bundesregierung befürchtet, daß Washington aus politischen Gründen den Austausch von Wissen und Technik weiter behindert. *
• aus DER SPIEGEL 43/1983
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

James Beggs, der Chef der US-Raumfahrtbehörde Nasa, empfing seinen deutschen Besucher mit einer verblüffenden Eröffnung. »Wir haben«, vertraute er am Montag vergangener Woche Forschungsminister Heinz Riesenhuber an, »überhaupt keine Geheimnisse.«

Die haben sie natürlich doch, und eben deshalb reiste der deutsche Minister durch die Vereinigten Staaten: Riesenhuber wollte erkunden, ob die Amerikaner ihren europäischen Verbündeten und damit auch den Deutschen wissenschaftliche Erkenntnisse und Spitzentechnologie vorenthalten.

Die Bonner befürchten, daß auch sie inzwischen als unzuverlässige Partner gelten könnten. Für die Amerikaner hieße das: Was aus ihren Forschungszentren kommt, wird nicht mehr an deutsche Professoren und Firmen weitergegeben, weil es über kurz oder lang ja doch im Reich des Bösen, in der Sowjet-Union, landet.

Nicht ohne Grund sorgt sich der deutsche Forschungsminister um die Freiheit der Wissenschaft. Seit die Sowjet-Union in Afghanistan Krieg führt, versuchen die USA hartnäckig, die Europäer in einen Handelskrieg mit Moskau zu treiben, um so ein politisches Wohlverhalten der Sowjets zu erzwingen.

Der Versuch der Amerikaner, das Erdgas-Röhren-Geschäft mit dem Osten zu Fall zu bringen, ist zwar gescheitert. Doch Washington drängt seine Nato-Verbündeten weiter, die Verbotsliste für den Export militärisch bedeutsamer Spitzentechnik in den Ostblock auszuweiten.

Das würde bedeuten, daß die Europäer auch viele zivile Produkte nicht mehr in den Osten verkaufen dürften. Steuerungselemente und Chips in modernen Maschinen nämlich könnten ja auch militärisch genutzt werden. Wenn Washington damit durchkäme, wäre der bundesdeutsche Osthandel so gut wie erledigt.

Auch für die Wissenschaft und für die internationale Arbeitsteilung, so fürchtet Riesenhuber, hätte dieser harte Kurs böse Folgen. Die Forschung in den westlichen Industrienationen würde zersplittert, auch die Europäer müßten sich gegen die Amerikaner abschotten und sehen, wie sie allein zurechtkommen.

Wie stark die Amerikaner inzwischen den wissenschaftlichen Austausch beschränkt haben, zeigte sich vor einigen Monaten auf einem Kongreß der Gesellschaft für die photo-optische Industrie in San Diego. Regierungsbeamte des US-Verteidigungsministeriums erklärten überraschend einen großen Teil der vorbereiteten Papiere und Referate für geheim. Die ausländischen Experten waren vergebens angereist. »Ein ziemlicher Hammer«, findet Riesenhuber.

Auch deutsche Firmen haben längst den scharfen Wind aus Übersee zu spüren bekommen. So mußte die deutsche Tochter des US-Unternehmens Honeywell in Offenbach lange Zeit auf einen Laserkreisel warten, ein wichtiges Teil für das Navigationssystem, das in das Kampfflugzeug »Tornado« eingebaut wird. Erst als die Amerikaner das System verbessert hatten und der Kreisel-Export in die Bundesrepublik ihnen _(Edward A. Knapp, Direktor der National ) _(Science Foundation. )

nicht mehr so bedeutsam erschien, durfte das Gerät geliefert werden.

Der europäischen Airbus Industrie wäre beinahe ein Millionen-Auftrag aus Thailand verlorengegangen, da die Amerikaner die Lieferung von Turbinen verzögerten. Weil Airbus auf europäische Technik hätte ausweichen müssen, wollten die Thailänder bei Boeing kaufen - ein für die US-Industrie angenehmer Nebeneffekt.

Wenn Riesenhuber in Washington Parlamentarier und Spitzenbeamte auf die Quertreibereien der amerikanischen Politik ansprach, erfuhr er immer wieder Beruhigendes. »Ich denke, das wird wieder besser«, versicherte ihm der Kongreßabgeordnete Don Fuqua, der Vorsitzende des Forschungsausschusses.

Höchstens in einigen Spezialwissenschaften, so meinte auch der stellvertretende Außenminister Kenneth Dam, werde für die Verbündeten der Zaun dichtgemacht. Das gelte etwa für die Kryptologie, die wissenschaftlich betriebene Entzifferung von Geheimcodes.

Doch der Bonner schien nicht restlos überzeugt. Das Thema, so Riesenhubers Eindruck, sei keineswegs endgültig vom Tisch. »Ich sehe nur im Moment keinen Nagel«, sinniert der Forschungsminister, »den ich einschlagen könnte.« Vielleicht hat er an der falschen Stelle gesucht. Bei seinen Kontakten in Washington nämlich vermied der Christdemokrat ängstlich jede Begegnung mit Gefolgsleuten des Verteidigungsministers Caspar Weinberger.

Der Pentagon-Chef aber ist es, der Präsident Reagan gegen den Rat von Außenminister George Shultz zu einem scharfen Handelskurs gegenüber Moskau und damit auch gegenüber den Nato-Alliierten bewegen will. Weinbergers ehemaliger Stellvertreter Frank Carlucci etwa beklagte erst unlängst wieder, welcher Schaden seinem Land durch wissenschaftliche Enthüllungen von Austauschschülern und Studenten, durch frei zugängliche Konferenzen und durch Expertenpublikationen entstehe.

Da liegt er ganz auf der Linie des Elektronik-Managers und ehemaligen stellvertretenden Geheimdienstchefs Robert Inman. Amerikanische Wissenschaftler und Techniker, so der Ex-CIA-Mann, sollten ihre Veröffentlichungen vor Drucklegung freiwillig von der Regierung zensieren lassen. Der Einfluß des Pentagon auf die staatliche Spitzenforschung im Bereich moderner Technologie ist groß und wächst ständig weiter. Rund 70 Prozent der Forschungsmilliarden gehen bereits über Weinbergers Etat, die Zuwachsraten sind erheblich.

Wie sich dieser Einfluß innerhalb des westlichen Lagers auswirken wird, wenn Weinberger Präsident Reagan endgültig auf seine Seite zieht, darüber klärte Fuqua den Bonner Christdemokraten unmißverständlich auf. »Wenn es nach dem Verteidigungsminister geht«, weiß der Abgeordente, »dann läuft nichts, null.«

Edward A. Knapp, Direktor der National Science Foundation.

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