AUTOWERBUNG Falsches Image
Die Manager des Kölner Ford-Konzerns wollten sich nur mit den Feinsten der Autobranche messen. Der Granada, so priesen sie ihre neue Großraum-Limousine vor gut zwei Jahren, sei ein Auto, das sich in der Luxusklasse sehen lassen könnte.
Inzwischen aber reut der große Spruch die Verkäufer in Köln. Zwar fuhr das neue Prestige-Modell zunächst von Erfolg zu Erfolg. Doch als das Benzin immer teurer und der Ölstrom immer zähflüssiger wurde, ging es schlagartig auch mit dem Granada bergab: Seit dem Spätsommer des vergangenen Jahres ist das Kundeninteresse so abgeflaut, daß die Granada-Produktion mit Kurzarbeit gebremst werden mußte.
»Das Auto hat das falsche Image«, jammert Ford-Vorstand Hanswilhelm Gäb: Die Leute verwechselten es mit einer spritschluckenden Großlimousine.
Schuld an derlei Verwechslungen haben die Automanager nicht selten selbst. Denn obwohl die Chefs der Autokonzerne im Sommer Bonns Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff zusicherten, sie würden künftig verstärkt auf den Spritverbrauch ihrer Autos hinweisen und damit sogar werben, hat sich an der Verkaufsfront wenig geändert: Fast immer wird der Autointeressent mit kleingedruckten Angaben abgespeist. Oft sind die Zahlen zudem geschönt.
Das besserte sich auch durch die Neufassung der DIN-Norm 70030 nur wenig. Obwohl gerade mit diesen neuen Verbrauchsangaben für mehr Klarheit über den Spritkonsum gesorgt werden sollte, unterlaufen die Hersteller das erklärte Ziel mit simplen Tricks.
Nach der DIN-Norm werden drei Werte ermittelt -- Verbrauch im Stadtverkehr sowie bei einem konstanten Tempo von 90 und 120 Stundenkilometer.
Dabei ergibt sich für den Stadtverkehr stets der höchste und dem Alltagsverbrauch am nächsten kommende Wert. Die Verbrauchszahlen für Tempo 90 und 120 sind dagegen recht theoretisch: Der Konsum wird auf ebener Strecke, bei völlig konstantem Tempo, Windstille und mit vorher warmgelaufenem Motor ermittelt.
Genau diese unrealistischen Werte aber finden bei den Autoverkäufern den meisten Anklang, weil sie einen S.50 verkaufsfördernd niedrigen Spritverbrauch suggerieren.
Einige Autokonzerne, wie etwa der Wolfsburger VW-Konzern, deren Autos vergleichsweise sparsam mit dem teuren Benzin umgehen, bemühten sich zumindest vorübergehend um Angaben, die der Realität nahekommen.
So verfielen die Wolfsburger auf einen sogenannten Mischwert. Dabei mixten sie 50 Prozent Stadt-Verbrauch mit je 25 Prozent bei Tempo 90 und 120.
Diese Verbrauchsangaben, lobten die Experten der Schweizer »Automobil Revue«, seien »besonders präzis«.
Zum Beispiel verfeuerte ein von den Schweizern getesteter BMW 733 i in der Praxis 15,7 Liter auf 100 Kilometer. Der Mischwert nach der VW-Formel: 15,6 Liter.
Auch ein Golf GTI bewies weitgehende Übereinstimmung von Theorie und Praxis: In der Mischkalkulation liegt er bei 10,0 Litern, im praktischen Test auf der Straße bei 10,2 Litern.
Doch die Wolfsburger Berechnung mißfiel den Herstellern größerer Limousinen und PS-starker Sportautos. Weil deren relativ große Motoren sich gerade im Stadtverkehr wegen der zahlreichen Starts und Stopps als rechte Spritsäufer erweisen, befürworten sie eine andere Arithmetik. Jeweils ein Drittel aus den drei Norm-Disziplinen sollte ihrer Meinung nach für den Mischwert zugrunde gelegt werden.
Nach dieser Methode arbeitet inzwischen auch der VW-Konzern -- mit dem Ergebnis, daß alle Mix-Werte nun wieder von der Realität etwas weiter entfernt sind. Allerdings geben die Wolfsburger in ihrer Werbung auch die Einzelergebnisse für den Stadtzyklus sowie für Tempo 90 und 120 an.
Andere Hersteller mögen nicht einmal den Norm-Verbrauch so offen sagen. Zum Beispiel läßt BMW den Hinweis gelegentlich ganz weg, andere begnügen sich mit der unbrauchbaren Verbrauchsangabe für Tempo 90.
Nur in Ausnahmefällen kommen die Hersteller ihrem Versprechen an Lambsdorff nach und stellen den Benzin-Durst ihrer Karossen in der Werbung heraus. So präsentiert VW etwa den Jetta mit dem Slogan »Sparen Sie los«, versteckt die Verbrauchsinformation aber unauffällig im kleingedruckten Lauftext.
Mehr im Sinne des Wirtschaftsministers handeln da schon Hersteller wie Opel, die etwa mit den Verbrauchswerten ihres Rekord plakativ werben. Auch die Ford-Manager haben in ihrer Not das Spar-Thema entdeckt.
Sie stellen den imagegeschädigten Granada jetzt als äußerst genügsamen Vierzylinder vor und locken Kunden mit in der Prestige-Klasse sonst unbekannten Verheißungen: »Sie zahlen weniger und kommen weiter.«