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Computer-Industrie Faß auf

Europas Computer-Industrie formiert sich gegen den amerikanischen Koloß IBM. Zusammen mit Franzosen und Holländern vereinbarte Deutschlands Siemens jetzt einen europäischen Computer-Verbund.
• aus DER SPIEGEL 7/1972
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Die Geheimverhandlungen zwischen Deutschen und Franzosen dauerten über ein Vierteljahr. Mal reisten die Deutschen in das ehemalige Shape-Hauptquartier nach Rocquencourt bei Paris. wo seit 1966 der französische Computer-Konzern Compagnie internationale pour l'informatique (CII) residiert -- mal begaben sich die Franzosen zum Wittelsbacherplatz in München, wo der Siemens-Konzern sein Hauptquartier unterhält.

Dann, in der Nacht zum Freitag vorletzter Woche, wurden die Herren handelseinig. In der »Turnhalle« des Siemens-Hauses (so benannt nach der eigenwilligen Deckenkonstruktion des großen Konferenzraums) unterzeichneten Heinz Gumin. im Siemens-Vorstand für den Bereich elektronische Datentechnik zuständig, und CII-Chef Michel Barré eine »Grundsatzvereinbarung« durch die der Computer-Bereich von Siemens dereinst mit der französischen Firma zu Europas größtem Rechner-Konzern zusammengeschweißt werden soll.,

Noch vor der Unterzeichnung hatten Deutsche und Franzosen A. E. Pannenborg, Vorstandsmitglied des holländischen Elektronik-Konzerns N. V. Philips' Gloeilampen. von dem Vertrag unterrichtet. Denn nach ihren Plänen sollten die Holländer in dem geplanten europäischen Computer-Pool nicht fehlen.

»Philips glaubt«, so bestätigte vergangene Woche das Management des Eindhovener Elektronik-Riesen seine Kooperationsbereitschaft in dem europäischen Dreibund, »daß reelle Möglichkeiten für eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen den drei Firmen bestehen, insbesondere auch, was die Schaffung einer gemeinschaftlichen Produktreihe in der Zukunft betrifft.«

Kommt es zu dem Dreier-Pool, entsteht im Städte-Dreieck München-Paris-Eindhoven ein europäischer Computer-Riese mit zusammen zwei Milliarden Mark Jahresumsatz, der selbst den bisher größten Europäer, Englands International Computers Ltd. (ICL; 1,3 Milliarden Mark Umsatz), übertrifft.

Der Grund für das Zusammenrücken der Europäer ist die Furcht vor den Amerikanern, insbesondere dem allmächtigen Computer-Mammut International Business Machines (IBM).

Denn nirgends auf der Welt wird ein ganzer Industriezweig so von einer einzigen Firma beherrscht wie das Computer-Geschäft von IBM. Mit ihren Tochtergesellschaften in über 100 Ländern setzt die Firma im Bereich elektronische Datenverarbeitung (EDV) mehr um als alle anderen Computer-Hersteller der Welt zusammengenommen -- 25 Milliarden Mark im Jahr. Den IBM-Anteil am Computer-Markt der nichtkommunistischen Welt schätzen Experten auf etwa 70 Prozent. Der Marktanteil in Europa wird auf 53 Prozent taxiert.

Da weitere 25 Prozent des europäischen Marktes für EDV-Anlagen ebenfalls von amerikanischen Firmen wie Burroughs, Control Data Corp. (CDC). Honeywell, Univac und NCR beherrscht werden, blieb Europas Computer-Bauern nur ein schmales Feld. Ihre ohnehin klägliche Wettbewerbsposition gegenüber den Amerikanern schwächten sie zudem durch einen harten Konkurrenzkampf untereinander.

In Deutschland etwa konkurrieren außer den Amerikanern mindestens sechs Europäer um die Gunst der EDV-Kunden: Siemens, AEG-Telefunken, Nixdorf, ICL, Philips und Kienzle. Seit langem bemühen sich daher Europas Computer-Hersteller, die zersplitterten Kräfte durch Kooperationsverträge, wenn nicht gar durch Fusionen zusammenzufassen.

So führt etwa Englands Computer-Konzern ICL, selbst aus einer Fusion kleinerer britischer EDV-Firmen hervorgegangen. seit längerem Gespräche mit Deutschlands führendem Hersteller kleiner Computer Nixdorf. Nixdorf selbst gründete mit der AEG-Telefunken die Telefunken Computer GmbH. In einer gemeinsamen Tochtergesellschaft, Multinational Data. fanden sich 1970 auch Frankreichs CII mit Englands ICL und dem amerikanischen IBM-Konkurrenten Control Data zusammen. »Man muß sich langsam fragen«, so spottete noch jüngst der Londoner »Observer«, »wer eigentlich noch nicht mit wem gesprochen hat.«

Zur Kooperations-Manie aber steigerte sich die Gesprächsbereitschaft durch zwei unvorhergesehene Ereignisse in den USA:

* Im Herbst 1970 fusionierte der US-Computer-Bauer Honeywell mit den EDV-Abteilungen des Elektro-Riesen General Electric;

* ein Jahr später stieg die RCA, nach jahrelangem aussichtslosem Kampf gegen den Marktführer IBM finanziell erschöpft, aus dem Computer-Geschäft aus.

Massiver technischer Entwicklungshilfe von RCA aber hatte Deutschlands Siemens seinen Aufstieg zum zweitgrößten europäischen Hersteller elektronischer Rechenmaschinen zu verdanken. Für den Münchner Konzern war daher das Ausscheiden von RCA das Signal, sich nach geeigneten europäischen Partnern umzusehen. Schon als Siemens-Computer-Chef Gumin das Ende der Ehe mit RCA bekanntgab. orakelte er: »Wir machen ein Faß zu und ein neues auf.«

Das neue Faß fand Gumin in Frankreichs CII. 1966 von dem damaligen Staatschef Charles de Gaulle als Instrument gegen die amerikanische Computer-Vorherrschaft gegründet, hatte die CII es lediglich geschafft, sich im eigenen Land einen nennenswerten Markt zu sichern (Jahresumsatz: 500 Millionen Mark). Auf Exportmärkten aber war es den Franzosen nicht gelungen, sich gegen die bereits eingeführten Computer-Marken durchzusetzen.

Bereitwilliger als ICL, Nixdorf. Telefunken und Honeywell. mit denen Siemens ebenfalls über eine Kooperation verhandelt hatte, ging Frankreichs CII auf das Werben der Münchner Manager ein. Die Franzosen hoffen vor allem. im Dreibund mit Deutschen und Holländern ihre mittelgroßen Elektronenrechner leichter im Ausland absetzen zu können als bisher.

EDV-Experten in Europa halten es für möglich, daß der neue deutschfranzösisch-holländische Bund nur der Kern eines allumfassenden europäischen Computer-Pools ist, dem eines Tages auch Nixdorf, AEG-Telefunken und Englands ICL beitreten könnten.

Dann, so schwärmte bereits vor Wochen Deutschlands energischster Befürworter einer europäischen Computer-Union, Nixdorf-Chef Heinz Nixdorf, könnte der Marktanteil von IBM in Europa unter 50 Prozent gedrückt werden. Nixdorf hoffnungsfroh: »Auch IBM kocht nur mit Wasser.«

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