HANDEL Fast blank
Karstadt-Vorstand Bernhard Schröder war mit sich und seiner Sanierungsarbeit zufrieden. »Wir sind jetzt«, freute sich der Handelsmann noch im Februar, »aus dem Gröbsten raus und beginnen nun mit der Feinarbeit.«
Schröders Optimismus währte nur vier Monate. Das Frankfurter Handels-, Touristik- und Fertighaus-Imperium Neckermann, das zu 51 Prozent dem Karstadt-Konzern gehört, rutschte bis zur Jahresmitte erneut tief in die roten Zahlen. Bei anhaltend schleppenden Geschäften drohen den Neckermännern bis Ende 1980 rund 40 Millionen Mark Verlust.
Damit sind alle Hoffnungen der Karstadt-Manager dahin, den Mitte 1976 kurz vor dem Ruin von Josef Neckermann übernommenen Handelskonzern in der selbst gesetzten Frist von drei Jahren zu sanieren.
»Die Streß-Situation«, bekannte Karstadt-Finanzchef Walter Deuss, »dauert länger als ursprünglich kalkuliert.«
Aus eigener Substanz wird das hessische Handelshaus vom Main seinen Verlust nicht ausgleichen können. Bis auf einen Restposten von einer Million Mark sind alle Rücklagen aufgebraucht. Nur mit einer saftigen Geldspritze der Essener Konzernmutter, so glauben Frankfurter Bankiers, sei Neckermann vor einer schweren Krise zu bewahren.
Die schlimmen Nachrichten aus Frankfurt sorgten in der Essener Karstadt-Zentrale für einige Verwirrung. Noch zur Jahreswende hatten die Karstadt-Manager mit ersten Gewinnen für 1980 gerechnet, mit denen sie, so damals Karstadt-Vorstand Schröder, »in den nächsten drei Jahren die Substanz anreichern« wollten.
Das wäre dringend nötig gewesen. Denn bis auf das bei einem Umsatz von 2,9 Milliarden Mark karge Grundkapital von 137 Millionen Mark steht Neckermann fast blank da.
So konnte es passieren, daß die auf Rekordhöhe gestiegenen Zinsen und eine plötzlich einsetzende Kaufunlust der Kundschaft die hochgesteckten Pläne der Neckermann-Sanierer schnell zunichte machten.
Das verschuldete Handelshaus wird in diesem Jahr rund 25 Millionen Mark Zinsen zahlen müssen, gut ein Drittel mehr als 1979. Da bleibt nicht viel, um die gewaltigen Schulden abzubauen.
Nach der vertraulichen »Evidenzliste« der Bundesbank, in der alle Millionenschuldner registriert sind, steht Neckermann derzeit bei 16 Kreditinstituten mit 144 Millionen Mark langfristig in der Kreide. Die kurzfristigen Kredite betragen sogar rund 200 Millionen Mark.
Durch flotte Geschäfte lassen sich die Schulden gegenwärtig nicht tilgen. Ausgerechnet die bislang florierenden Konzernsparten Touristik und Fertighausbau machen nämlich kaum noch Gewinne.
Noch im vorigen Jahr hatten die Reisetochter NUR (Neckermann + Reisen) und die Eigenheim GmbH mit ihren Gewinnen von zusammen 17 Millionen Mark den Verlust des Konzerns auf 26 Millionen Mark drücken können.
Nun sackte die Bautochter bis an die Verlustzone ab. Die hohen Hypothekenzinsen wie die Engpässe auf dem Grundstücksmarkt hatten die Baulust der Bundesbürger so gedämpft, daß Neckermann im ersten Halbjahr knapp 17 Prozent weniger Fertighäuser absetzte. Im vergangenen Jahr noch hatte das Unternehmen ein Verkaufsplus von 18 Prozent erzielt.
Auch die Reisetochter NUR wird 1980 keinen Gewinn an die Konzernmutter abführen können. NUR, der zweitgrößte deutsche Reiseveranstalter, konnte die mehrfach heraufgesetzten Preise für Flugzeug-Kerosin und Hotelbetten nicht mehr wie früher voll auf den Kunden abwälzen.
Ärger noch traf die Reisemanager aus Frankfurt das flaue Urlaubsgeschäft. Der Reisetochter gelang es nur mit Ausverkaufspreisen, das Minus bei den Buchungen von zehn Prozent bis April auf fünf Prozent in den Monaten Mai und Juni zu drücken.
Noch schlechtere Geschäftsergebnisse brachten die 109 Neckermann-Läden in die Halbjahresbilanz des Konzerns ein. Nach den Plänen der Karstadt-Gewaltigen sollte dieser Bereich 1980 so weit saniert sein, daß der Vorjahresverlust von rund 40 Millionen Mark kräftig abgetragen wäre. Statt dessen müssen die Neckermänner nun für 1980 in dieser Sparte, die 400 Millionen Mark umsetzt, mit einem noch höheren Defizit rechnen.
Bereits bis Juli sackte der Verkauf in den Neckermann-Filialen um 15 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum ab. Der gesamte Handel dagegen erzielte ein Umsatzplus von sieben Prozent.
Die Ursache für das schlechte Abschneiden: Die mit hohen Mieten belasteten Neckermann-Läden mit ihrem relativ großen Warenangebot können auf durchschnittlich nur 500 Quadratmetern Verkaufsfläche nicht mit den City-Giganten Karstadt und Kaufhof, Horten und Hertie konkurrieren.
Noch Mitte 1977 hatten die neuen Herren bei Neckermann »den Ausbau des verbrauchernahen Verkaufsstellennetzes« (Schröder) verkündet. Vor einem Monat beschlossen sie, 29 Läden, darunter Filialen in Düsseldorf und Wuppertal, dichtzumachen.
Nur im Versand verdient Neckermann gegenwärtig noch Geld. Doch diese eher bescheidenen Gewinne können die Ertragskrise im Firmenverbund kaum schmälern. Es steht daher zu erwarten, daß die hessische Handelsgruppe auf drastische Notmaßnahmen zurückgreifen muß. Denn bei weiteren Millionenverlusten müssen sich die Neckermänner im nächsten Jahr von ihrem Grundkapital nähren.
Haus-Banker des Konzerns glauben daher, daß es bei Neckermann womöglich schon bald einen Kapitalschnitt wie bei der Elektrofirma AEG und dem Stahlkonzern Klöckner geben wird.
In einem ersten Schritt würden dabei die Altaktien entwertet. Durch die Ausgabe neuer Aktien bekäme Neckermann dann die längst fällige Finanz-Injektion.
Das Verfahren hat für Karstadt einen gewichtigen Vorteil gegenüber einer schlichten Kreditspritze: Auch die Kleinaktionäre, die 49 Prozent des Kapitals halten, müßten dann Geld in die Firma einschießen.