ARBEITGEBERVERBAND Fast einen Tobsuchtsanfall
Manchmal bringt der zweistrahlige Konzernjet den Zwei-Zentner-Mann für ganze drei Stunden nach Köln. Zumeist bleibt er mehrere Tage. An seinem Arbeitsplatz in der 1. Etage des Flachbaus am Kölner Rheinufer geht Hanns Martin Schleyer, seit gut einem Jahr Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), dann seiner Lieblingsbeschäftigung nach: Er verhindert »die Demontage der Sozialen Marktwirtschaft« und sorgt für »politisches Engagement der Unternehmer«.
Die moralisch-politische Aufrüstung gelang. Binnen 14 Monaten bekehrte der bullige Top-Manager -- hauptberuflich noch immer Vorstandsmitglied bei Daimler-Benz -- seine Kollegen. die in den letzten Jahren stets weinerlich um Ansehen und Aufgaben gebangt hatten, zu neuem Selbstbewußtsein und Kraftgefühl. »Schleyer hat es verstanden«, rühmte etwa der Hauptgeschäftsführer des Metall-Industriellenverbandes Dieter Kirchner, »die Unternehmer von der Klagemauer wegzuholen.«
Begünstigt von dem Schwächeanfall der Gewerkschaften, die durch Konjunkturflaute und Arbeitslosigkeit an Kampfkraft verloren, verwandelte Schleyer den einstigen Honoratiorenverein in eine zielsichere Unternehmerlobby. Hatten noch zu Beginn der 70er Jahre die Arbeitgeber vergeblich gegen das neue Betriebsverfassungsgesetz oder gesetzliche Sonderauflagen protestiert, so kann die Kölner Dachorganisation derzeit ihren 800 Verbänden ansehnliche Erfolgsmeldungen vorweisen. Nicht ohne Mitwirkung der BDA stagnierten gesellschaftspolitische Reformwünsche wie die Mitbestimmung oder die Berufsausbildung.
Das Terrain hatte der Mercedes-Manager von Anfang an sorgfältig vorbereitet. Unter seiner Führung veröffentlichte der Arbeitgeberverband ein gesellschaftspolitisches Grundsatzprogramm, das, obgleich auf einige Unternehmermaximen festgelegt, in vielen Passagen sich um progressives Make-up bemühte; in einer 3000 Unternehmer starken Versammlung machte er gegen die »Machtergreifung der Gewerkschaften« mobil und klärte in vier Millionen Broschüren die Bundesbürger über die vermeintlichen Gefahren der Mitbestimmung auf.
Nach diesem Trommelfeuer konzentrierte sich Schleyer auf Wesentliches: Mit einer ausgeklügelten Strategie führte er die Unternehmer aller Branchen in die Tarifrunde des Winters 1974/75. Und was sich die Arbeitgeber schon seit Jahren vorgenommen hatten
diesmal gelang es: Dank des »solidaren Zusammenhalts der Arbeitgeberverbände« (BDA-Memorandum} drückten die Industriellen die Gewerkschaften auf noch vor wenigen Monaten unvorstellbare Lohnzuwachsraten von unter sieben Prozent.
Beste Dienste leistete dabei der von Schleyer wiederbelebte BDA-»Ausschuß zur Koordinierung der Lohn- und Tarifpolitik. Schon im Herbst letzten Jahres einigten sich die Koordinatoren darauf, die von Pleiten heimgesuchte Bauwirtschaft als ersten Sektor an die Tariffront zu schicken, um mit der ohnehin kompromißwilligen IG Bau vergleichsweise niedrige Zuwachsraten auszuhandeln. Wären die Bauarbeiter -- so das Kalkül -- erst einmal mit bescheidenen Zulagen abgespeist, könnten auch die anderen Arbeitnehmerorganisationen nicht mehr allzu hart auftrumpfen.
Die Rechnung ging auf. Dank des massiven Einsatzes von BDA-Experten, die anders als in allen Vorjahren aktiv an den Tarifverhandlungen für die Bauindustrie teilnahmen, konnte die Bauarbeitergewerkschaft auf 6,6 Prozent Lohnzuwachs heruntergehandelt werden.
Die zweite Etappe lief, wenn schon nicht ebenso glatt, so doch ebenso erfolgreich. Nach etlichen Warnstreiks und einigen rhetorischen Ausfällen gab schließlich auch die IG Metall, die sich bislang den Ruf verdient hatte, nicht nur die größte, sondern auch die entschlossenste Gewerkschaft der Republik zu sein, klein bei: In Nordrhein-Westfalen ließen sich die Metaller etwa ein Drittel ihrer Lohnforderung von elf Prozent abhandeln und begnügten sich mit mageren 6,8 Prozent Zuwachs.
Als die anderen Tarifbezirke dieses Ergebnis übernahmen, hatte Schleyers BDA einen weiteren Erfolg erkämpft: Die Arbeitgeber waren ihrer seit Jahren erhobenen Forderung nach einem Ende der »tarifpolitischen Kleinstaaterei« ein gutes Stück näher gekommen, die Gewerkschaften hatten sich auf eine nicht mehr nach Regionen differenzierte Lohnzahl festlegen lassen.
So reibungslos funktionierte das neue Konzept, daß selbst routinierte Gewerkschaftsführer aneinandergerieten. Nachdem sich etwa der Stuttgarter IG-Metall-Chef Franz Steinkühler in einem Zeitungsinterview über die Kompromißbereitschaft der Frankfurter Konzernzentrale belustigte und den Kollegen vorwarf, sie hätten ohne Not bewährte Prinzipien aufgegeben, bekam IG-Metall-Vorsitzender Loderer nach Auskunft eines ranghohen Funktionärs »fast einen Tobsuchtsanfall«. Telephonisch stauchte er den Kollegen aus dem Schwäbischen zusammen.
Derlei Querelen freilich können sich die Gewerkschaften bei Schleyers Offensivdrang kaum leisten. Denn schon haben die Arbeitgeber-Funktionäre eine neue Attacke vor. Sie wollen auf das übliche Ritual von Tarifforderungen und -angeboten, auf nächtliche Marathonsitzungen und rhetorisches Kräftemessen verzichten, um die Gewerkschaften in öffentlichen Hearings vor jeder Lohnrunde auf bescheidene Forderungen zu verpflichten.