Fata Morgana - DER SPIEGEL
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Unternehmen Fata Morgana

Beim Stahlkonzern Hoesch geht die Angst vor einem heimlichen Aufkäufer um. Die Deutsche Bank ist zur Gegenwehr entschlossen.
• aus DER SPIEGEL 38/1991
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Karl-Josef ("Kajo") Neukirchen, 49, hat sich sein neues Arbeitsfeld etwas anders vorgestellt. Sechs Wochen nach Amtsantritt fühlt sich der neue Chef des Hoesch-Konzerns »mächtig geschlaucht«. Er habe nicht erwartet, sagt er, bei Hoesch »so ein Paket von Problemen« anzutreffen.

Der vom Kölner Anlagen- und Maschinenbau-Konzern Klöckner-Humboldt-Deutz (KHD) nach Dortmund gewechselte Manager hat bei Hoesch eine Reihe von Schwachstellen ausgemacht. Einige Firmen sind notleidend, selbst in der Ursparte Stahl drückt die nachlassende Konjunktur auf die Erlöse.

Am meisten aber beunruhigt den Neuling ein gravierendes Problem außerhalb der Firma. Die Hoesch-Aktie wird an der Börse von Woche zu Woche teurer, Neukirchen weiß nicht, warum.

Die Hoesch-Manager stehen vor einem Rätsel. Seit dem Tiefstkurs von 183 im Januar kletterte das Papier auf über 300 Mark. Selbst als der Konzern Ende August einen drastischen Ertragseinbruch ankündigte, legte der Kurs tags darauf 12,50 Mark zu. An schwachen Börsentagen, wie dem Dienstag vergangener Woche, stieg das Hoesch-Papier um 3,50 Mark, während die meisten übrigen Aktien nachgaben.

Im Dortmunder Management geht die Angst um, ein Aufkäufer sei am Werk. Der aber gibt sich nicht zu erkennen.

Auch die Finanzanalysten der Deutschen Bank, die bei Hoesch den Aufsichtsratschef stellt, konnten den heimlichen Käufer nicht ausfindig machen. Die Investmentbank Morgan Grenfell, eine Tochter der Deutschen Bank, erfuhr, daß in London ansässige Pensionsfonds sich von ihrem Hoesch-Besitz getrennt hatten. Sie besaßen vorübergehend bis zu 30 Prozent.

Diese Hoesch-Aktien, so die Ermittlungen von Morgan Grenfell, wurden erst im Juli dieses Jahres, kurz nach der Hauptversammlung, abgestoßen. Da die Kurse in dieser Zeit stetig stiegen, konnten die Massen von Hoesch-Aktien nur von wenigen Käufern zu einem guten Preis übernommen worden sein.

Die meisten Kauforders für Hoesch-Aktien an der Börse kamen aus London und Tokio. Deshalb wohl richten Neukirchen und seine Kollegen ihr Hauptaugenmerk auf British Steel und japanische Stahlkonzerne. Die Wettbewerber könnten ein berechtigtes Interesse an Hoesch haben.

Der Stahl-Riese British Steel ist seit der Privatisierung vor drei Jahren entschuldet. Chef-Manager Robert Scholey verkündete lautstark, er suche ein Standbein auf dem europäischen Festland. Der deutsche Markt gilt seit der Öffnung Osteuropas als wichtigste Bastion im künftigen EG-Binnenmarkt.

Japanische Konzerne rechnen sich für ihre Stahlprodukte in Europa ebenfalls bessere Geschäfte aus, wenn sie von Dortmund aus agieren könnten. Attraktiv für Ausländer ist Hoesch vor allem als einer der größten Blechlieferanten der deutschen Automobilindustrie.

Die heimlichen Aufkäufer lassen sich nicht mal von den schlechten Nachrichten aus dem Hause Hoesch schrecken. Der Konzern, vom Londoner Bankhaus Warburg vor zwei Jahren noch als »Phoenix aus der Asche« gepriesen, ist nicht in bester Verfassung.

Detlev Karsten Rohwedder, der im April ermordete Treuhand-Chef und Neukirchen-Vorgänger, hat zwar den Stahlkonzern saniert. Beim Umbau von Hoesch zu einem Technologiekonzern aber hat Rohwedder eine Menge Fehleinkäufe getätigt.

Allein das Software-Haus mbp verlor in fünf Jahren über 100 Millionen Mark. Die vor fünf Jahren erworbene Rafi, eine Fabrik für elektrotechnische Spezialitäten, macht im laufenden Geschäftsjahr einen Verlust in Höhe des Grundkapitals - rund sieben Millionen Mark.

Die meisten Sorgen bereitet der Baumaschinenhersteller Orenstein & Koppel (O & K), an dem Hoesch 75 Prozent besitzt. 300 Millionen Mark verschlang O & K im vergangenen Jahrzehnt. Neukirchen wollte den größten Verlustbringer schon gleich nach Amtsantritt loswerden. Doch Wettbewerber wie Mannesmann und der japanische Krankonzern Komatsu brachen die Verhandlungen ab, als sie O & K in die Bücher schauten. Um die Löcher in der Bilanz zu stopfen, läßt Neukirchen Fabriken in den USA, in Kanada und Butzbach schließen.

»Hoesch II« hatte Rohwedder sein Ziel von einem Technologiekonzern genannt, nach Ansicht von Aufsichtsratsmitglied Otto Gellert ist es »eine Fata Morgana«.

Die Probleme in Dortmund könnten sich durch einen Plan der Deutschen Bank noch verschärfen. Der Kölner KHD-Konzern soll nach dieser Strategie komplett oder in Teilen bei Hoesch untergebracht werden.

An KHD ist die Deutsche Bank mit 39,3 Prozent beteiligt. Neukirchen hatte in nur drei Jahren den konkursreifen Konzern saniert, allerdings nur kurzfristig. Einige Sparten wie der Anlagenbau sind nicht krisenfest. KHD macht schon wieder Verluste. Ein Verbund mit Hoesch bietet sich an.

Ein ungebetener Hoesch-Großaktionär könnte die Hausinteressen der Deutschen Bank durchkreuzen. Das Frankfurter Geldhaus ist deshalb zur Gegenoffensive übergegangen.

Seit Tagen kauft Morgan Grenfell in großen Stückzahlen Hoesch-Papiere auf.

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