Fatale Folgen
SPIEGEL: Postminister Bötsch hat das von der Telekom vorgelegte Konzept zur künftigen Tarifstruktur abgelehnt. Werden Sie nachbessern?
Ricke: Nein. Der Telekom-Vorstand hält an seinem Konzept fest.
SPIEGEL: Wo liegt für Sie der Knackpunkt im Streit mit dem Minister?
Ricke: Unser Plan sieht für 1996 eine Preissenkung von 13 Prozent vor. Dies erreichen wir, indem wir die Mehrwertsteuer, die auch die Telekom ab 1996 auf alle Telefon-Dienstleistungen erheben muß, nicht weitergeben.
SPIEGEL: Der Verzicht auf eine Preiserhöhung ist doch keine Preissenkung.
Ricke: Der Privatkunde merkt davon in der Tat zunächst wenig; aber für gewerbliche Kunden reduziert sich die Rechnung um den Betrag der Mehrwertsteuer. Wir rechnen dadurch mit Umsatzeinbußen von insgesamt 6,5 Milliarden Mark.
SPIEGEL: Dem Minister reicht das nicht. Er will die Telekom dazu bringen, generell die Tarife um weitere fünf Prozent zu senken. Warum sperren Sie sich dagegen?
Ricke: Wir sperren uns nicht gegen weitere Tarifsenkungen. Unsere Pläne sehen Preisnachlässe für 1997 und 1998 vor, ohne daß wir sie jetzt schon konkretisieren wollen.
SPIEGEL: Warum nicht schon 1996?
Ricke: Die vom Minister geforderte Senkung würde die Einnahmen um weitere 2,5 Milliarden Mark reduzieren. Zusammen mit der Mehrwertsteuer müßten wir dann 1996 auf Einnahmen von 9 Milliarden Mark verzichten. Dies würde das Unternehmen ausgerechnet in dem Jahr, in dem wir an die Börse wollen, tief in die roten Zahlen treiben.
SPIEGEL: Der Postminister bezweifelt offensichtlich Ihre Zahlen.
Ricke: Unsere Zahlen beruhen auf dem mittelfristigen Wirtschaftsplan. Das Zahlenwerk des Telekom-Vorstands wurde 1993 ausgiebig vom Aufsichtsrat überprüft und für gut befunden. Auch dem Minister haben wir den Plan ausführlich erläutert. Wer jetzt behauptet, unsere Zahlen seien unrichtig, der unterstellt dem Vorstand und auch dem Aufsichtsrat, vorsichtig ausgedrückt, sehr unprofessionelles Verhalten.
SPIEGEL: Der Minister sagt, die Telekom habe ihre Planzahlen revidiert und überraschende Kostensteigerungen ausgewiesen.
Ricke: Ich weiß nicht, was er meint. Es gibt keine Überraschungen in unserem Zahlenwerk. Die Ansätze im Tarifkonzept sind identisch mit denen im Mittelfrist-Plan und im Wirtschaftsplan 1994.
SPIEGEL: Haben Sie alle Möglichkeiten zur Kostensenkung ausgereizt?
Ricke: Wir haben alle denkbaren Möglichkeiten zur Kosteneinsparung identifiziert und in unserem Mittelfrist-Plan aufgelistet. Diejenigen, die im Rahmen der jetzigen Unternehmensform realisierbar sind, haben wir auch schon auf den Weg gebracht.
SPIEGEL: Postminister Bötsch sieht aber offensichtlich noch weiteren Spielraum für Kostensenkungen.
Ricke: Man darf nicht übersehen, daß die Personal- und Kapitalkosten fast 80 Prozent unserer Gesamtkosten ausmachen. Weitere Einsparungen wären noch bei den Investitionen möglich. Die Folgen wären aber nicht nur für die Telekom fatal, sondern auch für unsere Zulieferer in der deutschen Industrie.
SPIEGEL: Werden Sie kündigen, wenn sich der Minister durchsetzt?
Ricke: Ich gehe davon aus, daß der Infrastrukturrat, den der Minister jetzt eingeschaltet hat, unsere Argumente einsieht und uns nicht zu unternehmerisch völlig unverantwortlichem Handeln zwingt.