Fataler Zwang - DER SPIEGEL
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Gold Fataler Zwang

In der vergangenen Woche erreichte der freie Goldpreis neue Rekordhöhen. Experten halten es für denkbar, daß nun auch der offizielle Goldpreis heraufgesetzt werden muß.
• aus DER SPIEGEL 33/1972
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Der alternde Staatspräsident hatte eine Währungsvision: »Nichts ist unveränderlicher« philosophierte er. »als das Gold, der universelle und ewige Gradmesser par excellence.«

Nach den Vorstellungen des französischen Staatschefs Charles de Gaulle konnte die von permanenten Dollarkrisen geschüttelte Welt nur Währungsfrieden finden, wenn die Staaten zum Goldstandard des 19. Jahrhunderts zurückkehrten. Als Sofortmaßnahme empfahl der Greis bereits 1965 eine Verdoppelung des Goldpreises von damals 35 auf 70 Dollar je Unze (31,1035 Gramm) Feingold.

In der vergangenen Woche schien der Traum des Generals -- trotz jahrelanger Bemühungen der meisten Regierungen, die Bedeutung des Goldes als Währungsmetall zu mindern -- der Realisierung nähergerückt als je zuvor.

Gerüchte, nach denen die EWG plane, den offiziellen Preis des gelben Metalls für bestimmte Transaktionen innerhalb der Gemeinschaft auf etwa 70 Dollar anzuheben, führten an den internationalen Goldmärkten zu einer bisher nicht gekannten Hausse.

Allein am Montagmorgen letzter Woche trieb die Nachfrage der Spekulanten den Preis des güldenen Gradmessers innerhalb von sechs Minuten um 1,50 Dollar auf die Rekordmarke von 69,50 Dollar hoch. Aber schon am nächsten Tag war auch dieser Rekord gebrochen: In London durchstieß der Unzenpreis sogar die De-Gaulle-Marke von 70 Dollar und schnellte auf 71,50 Dollar empor.

Ausgelöst wurde die neueste Gold-Hausse durch ein Gespräch. das de Gaulles Nachfolger Georges Pompidou am vorletzten Donnerstag mit Italiens Ministerpräsident Giulio Andreotti geführt hatte. In der Abgeschiedenheit der »Villa Torrigiani« in dem toskanischen Städtchen Lucchesia vertraute der Franzose seinem Gastgeber Andreotti und dem römischen Notenbankchef Guido Carli seine Sorgen über die geplante europäische Währungsunion an.

Fazit des Pompidou-Vortrags: Die bereits im April in Kraft gesetzte erste Stufe der Währungsgemeinschaft -- Begrenzung der Schwankungsbreiten der Währungen innerhalb der EWG auf 2,25 Prozent -- könne nur funktionieren, wenn das in den EWG-Notenbanken zum neuen Goldpreis von 38 Dollar je Unze eingelagerte Edelmetall kräftig aufgewertet werde.

Tatsächlich ergibt sich aus der EWG-Vereinbarung, die Kurse der Gemeinschaftswährungen um nicht mehr als um 2,25 Prozent voneinander abweichen zu lassen, ein fataler Zwang zur Goldpreiserhöhung.

Denn: Um die EWG-Währungen nicht über die vereinbarte Schwankungsbreite hinauspendeln zu lassen, hatten sich die sechs gegenwärtigen und vier künftigen Mitglieder der EWG verpflichtet, Währungen von in Zahlungsnot geratenen Partnern durch sogenannte Interventionskäufe auf den Devisenmärkten zu stützen.

Jeweils am Monatsende, so sieht es das europäische Währungsabkommen vom April vor, müssen die Schuldnerländer ihre Währungsschulden aus den Stützungsaktionen wieder zurückzahlen -- entsprechend der Zusammensetzung ihrer Währungsreserven in EWG-Valuta, Sonderziehungsrechten des Internationalen Währungsfonds und in Gold. Als freilich im Juni die italienische Lira einen Schwächeanfall erlitt und von den Partnern gestützt werden mußte, weigerte sich Italiens Carli, seine Schulden auch in Gold zurückzuzahlen.

Da die italienische Notenbank ebenso wie die Bank von Frankreich seit Jahren fast die Hälfte ihrer Währungsreserven in Gold angelegt hat, hätte Carli entsprechend der EWG-Rückzahlungsformel fast 50 Prozent der Währungsschuld in Gold begleichen müssen. Um die gerade erst getroffene Währungsvereinbarung nicht zum Platzen zu bringen, gestanden damals die EWG-Partner Italiens Carli zu, er dürfe seine Schulden bis zum 30. September dieses Jahres ausnahmsweise statt in Gold nur in Dollar abtragen.

»Man kann keinem Land zumuten«, beurteilte der Schweizer Währungstheoretiker Friedrich A. Lutz die Ausnahmeregelung, »Gold für 38 Dollar die Unze an andere Zentralbanken abzugeben, wenn im freien Markt der Preis (wesentlich) darüber liegt.«

Eine derartig große Diskrepanz zwischen offiziellem und freiem Goldpreis wie in der letzten Woche könne nach Lutz nur dazu führen, daß »alles monetäre Gold einfach immobilisiert, ihm also der Reservecharakter« genommen werde. »Ich fürchte«, folgert Lutz, »daß nur eine radikale Erhöhung des offiziellen Goldpreises dem Gold seine Bedeutung als Währungsmetall zurückgeben könnte.«

Freilich: Was Lutz, der wie die meisten Währungstheoretiker für eine Abschaffung des Goldes als Währungsmetall eintritt, befürchtet, ist genau die Hoffnung Pompidaus.

Wenn es gelänge, so kalkuliert der Franzose, die EWG-Partner zu einer kräftigen Erhöhung des EWG-Verrechnungspreises für Gold zu gewinnen. wäre auch die Gefahr einer Vorherrschaft der Deutschen Mark in der EWG-Währungsunion gebannt.

Da nämlich die Westdeutschen nur etwa ein Fünftel ihrer Währungsreserven in Gold halten, Franzosen und Italiener aber etwa die Hälfte, würden Rom und Paris bei einer Erhöhung des Goldpreises gewinnen, die Deutschen aber relativ verlieren müssen.

Kommentierte letzte Woche der Frankfurter Bundesbank-Vizepräsident Otmar Emminger die französischen Pläne: »Obwohl ich alles, was ich weiß, nur aus der Presse erfahren habe, hoffe ich doch, daß es nicht so laufen wird.«

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