UNTERNEHMEN Faule Eier
Tilmann Herzog, Wirtschaftsanwalt in Krefeld, hat sich einiges vorgenommen. Der Jurist vertritt über fünfzig Lieferanten und Großgläubiger, die beim Konkurs der zusammengebrochenen Baufirma Beton- und Monierbau (BuM) ihr Geld verloren haben. Im Auftrag seiner Mandanten will Herzog »die Schuldigen an dieser Pleite ermitteln und zur Rechenschaft ziehen«.
Daß es bei der Pleite von Beton und Monier einiges zu klären gibt, steht inzwischen außer Frage. Denn vier Wochen nachdem die Westdeutsche Landesbank (West LB) durch einen überraschenden Kredit-Stopp ihren Düsseldorfer Großkunden BuM in Konkurs gehen ließ, entpuppt sich die Großpleite als abenteuerlicher Wirtschaftskrimi. »Der BuM-Konkurs«, sagt der Düsseldorfer Aktionärssprecher Kurt Fiebich, »ist mit Sicherheit ein Fall für den Staatsanwalt.«
Bevor die Staatsgewalt ihre Recherchen aufnimmt, steht bereits fest, daß eine ganze Reihe honoriger Herren aus renommierten Unternehmen über Jahre hinweg die wahre Lage des Düsseldorfer Konzerns gekannt und verschleiert hat. Mit erstaunlichem Einfallsreichtum ersannen die Manager immer neue Buchungstricks, um sich noch mal über die Runden zu bringen.
Seltsam ging es schon vor zwei Jahren zu, als der Frankfurter Chemie-Konzern Rütgerswerke sich nach einem Käufer für seinen 37prozentigen Aktienanteil an der BuM umsah.
Wenige Monate bevor bei BuM erstmals Geldnöte sichtbar wurden und die Firma durch öffentliche Bürgschaften gestützt werden mußte, hatte Rütgers-Chef Heinz-Gerhard Franck das Kunststück fertiggebracht, seine Beton- und-Monier-Aktien dem holländischen Mischkonzern Ogem zu verscherbeln.
Was sie gekauft hatten, das merkten die Holländer erst sechs Wochen nach Vertragsabschluß, als sie zur ersten BuM-Aufsichtsratssitzung nach Düsseldorf anreisten.
Da rückte der damalige Aufsichtsratsvorsitzende Franck endlich die kompletten Wirtschaftsprüfungsberichte heraus. Beim Studium der Prüfungsgutachten »merkten wir schnell, daß die Eier, die wir gekauft hatten, nicht so frisch waren, wie wir gehofft hatten«, erinnert sich heute ein Ogem-Vorstandsmitglied.
Vorenthalten hatten die Deutschen ihren holländischen Geschäftspartnern, daß laut Prüfungsbericht der Deutschen Treuhand-Gesellschaft (DTG) schon 1974 und 1975 Verluste von insgesamt 50 Millionen Mark angefallen waren. Zur BuM-Bilanz 1975 enthüllten die Buchprüfer in ihrem vertraulichen Bericht einen bedrohlichen Substanz-Schwund: »Nach unserer Ansicht sind -- vom Sachanlagevermögen abgesehen -- nahezu sämtliche stille Reserven der Gesellschaft verbraucht worden.«
Im April 1977 addierten die Treuhand-Prüfer in einem Bilanzbericht die Betriebsverluste der Jahre 1974 bis 1976 auf insgesamt 126 Millionen Mark. Doch das erfuhren nur die Bezieher des Geheimberichts: der damalige BuM-Vorstandschef Heinz Friedrich Hoppe, sein Oberbuchhalter Heinz Schapfeld, Rütgers-Manager Franck und Vinzenz Grothgar, RuM-Aufsichtsrats-Vize und Vorstandsmitglied der ebenfalls bei Beton- und Monierbau beteiligten West LB.
Um ihre aus dem Lot geratene Bilanz noch einmal ins Gleichgewicht zu bringen, kratzten die RuM-Manager außerordentliche Erträge in Höhe von siebzig Millionen Mark zusammen. Doch ganz koscher ging es dabei nicht zu. So scheuten sich die Herren nicht, Abrechnungen von noch gar nicht ausgeführten Bauaufträgen auf der Habenseite zu verbuchen.
Fast wäre diese Zahlenkosmetik schon vor zwei Jahren publik geworden. Durch Indiskretionen waren die Vorstandskollegen Günter Schneider und Rudolf Hirth in den Besitz der DTG-Prüfungspapiere gelangt. Am 11. Juli 1977 schickten die beiden einen Beschwerdebrief an Aufsichtsratschef Franck: »Wir sehen aufgrund der bisher völlig unzulänglichen Information die vertrauensvolle Zusammenarbeit im Vorstand schwer belastet.«
Bei einem Gespräch mit Franck und Grothgar sowie den beiden Ogem-Rossen Berend Udink und Djurre Gosse Postma packte Schneider dann im Gebäude der Düsseldorfer West LB erst richtig über seinen Vorstandschef Hoppe aus.
Der habe, so Schneider in seiner Abrechnung, Vorstandsprotokolle eigenmächtig geändert, fristgerecht angemeldete Tagesordnungspunkte übergangen und seine Bilanz-Retuschen im Vorstand verschwiegen.
»Aufgrund dieser Vorgänge um die Bilanz-Erstellung«, so resümierte Schneider, »drängt sich der Eindruck auf, daß Herr Hoppe pflichtwidrig seinen Vorstands-Koilegen Auskünfte über die wahre Lage der Gesellschaft vorenthält und hierzu seinen Informationsvorsprung als erster Chef des Rechnungswesens und seine Machtstellung als Vorstandsvorsitzer ausnutzt.«
Die wahre Lage des Unternehmens hätte Vorstandschef Hoppe allerdings schwerlich verschleiern können, wenn da nicht die Herren der Deutschen Treuhand-Gesellschaft gewesen wären. Die jedenfalls zeigten sich bei ihrer Prüfarbeit ungewöhnlich großzügig.
Die Düsseldorfer Bau-Manager hatten beispielsweise alte, längst abgeschriebene Maschinen an ihre nigerianische Tochter MCC verkauft und dafür überhöhte Rechnungen ausgestellt. Diese Rechnungen, deren Bezahlung höchst zweifelhaft war, sorgten in der Bilanz für einen dicken Forderungs-Posten, der wiederum den Verlust minderte. Die Treuhand-Prüfer ließen diese Manipulation ungeahndet.
Bei den DTG-Kontrolleuren war noch mehr möglich. Rechtzeitig vor Silvester 1976 gingen auf den BuM-Konten 9,3 Millionen Mark von drei Partnerfirmen des Baukonzerns ein, mit denen die Düsseldorfer im Ausland kooperierten. Das Geld war angeblich »für von uns ausgeführte Ingenieurleistungen und Planungsarbeiten« (BuM-Rechnungs-Text) gezahlt worden.
In Wahrheit hatte Beton und Monier gar nichts geleistet, sondern von den drei Firmen sogar Leistungen bezogen. Mit den Nothelfern war insgeheim vereinbart, daß BuM für diese Bezüge erst 1977 zahlen würde und daß zusammen mit diesen Zahlungen dann auch die neun Millionen zurückerstattet würden.
Für die Bilanz 1976 hatte Hoppe mithin erst mal wieder einige Millionen mehr auf der Aktivseite -- Millionen, die es in Wahrheit gar nicht gab. Die DTG-Prüfer nahmen es hin.
Überaus großzügig verhielten sich die Treuhand-Männer auch bei Algerien-Geschäften der BuM.
Dort hatten die Düsseldorfer insgesamt 16 Groß-Aufträge im Werte von 1,1 Milliarden Mark ergattert, die sich nicht alle als gewinnträchtig erwiesen. Doch die BuM-Buchhalter wußten bei Projekten, bei denen sich Verluste abzeichneten, guten Rat. Sie buchten einige Material- und Arbeitskosten flink auf ein weiteres, neueröffnetes Bauvorhaben um -- und fürs erste waren Verluste wieder mal ausgebügelt.
Die DTG-Prüfer recherchierten in Algerien vor Ort. Die Bilanz testierten sie dennoch ohne Beanstandung.
Das Unternehmen geriet 1977 immer näher an den Abgrund, die Überlebensversuche von BuM-Chef Hoppe wurden noch verzweifelter.
Als Anfang 1978 die erste Rettungsaktion für BuM anstand, verlangte die Düsseldorfer Landesregierung eine Planbilanz für das abgelaufene Geschäftsjahr 1977, aus der das voraussichtliche Ergebnis ersichtlich sein sollte. Die Bilanz, die vom BuM-Rechnungswesen erstellt wurde, schloß mit einem nahezu ausgeglichenen Ergebnis. Doch das galt nur unter gewissen Prämissen, die einschränkend in einer Fußnote vermerkt waren. Ohne diese Prämissen wäre ein Verlust von 25 Millionen anzuzeigen gewesen.
Auf Anweisung von Vorstandschef Hoppe schnitt daher der Leiter des Vorstandsbüros, Egon Bungert, die Fußnote kurzerhand ab; die Landesregierung erhielt eine gefälschte Bilanz und gewährte eine 100-Millionen-Bürgschaft.
Doch es ging nicht wie erhofft bergauf. Im Sommer 1978 mochten auch die Frankfurter Treuhänder die miese Lage des Konzerns nicht länger bei sich behalten. In ihren Bericht über die Bilanz 1977 schrieben die Prüfer: In Ausübung unserer Redepflicht als Abschlußprüfer haben wir den Herren Aufsichtsratsvorsitzenden Ober die wirtschaftliche Lage und Entwicklung der Gesellschaft am 26. Juni 1978 mündlich unterrichtet, dabei haben wir dargelegt, daß nach unserer Ansicht im Hinblick auf die Ertrags- und Liquiditätslage der Gesellschaft deren Fortführung nicht gewährleistet ist.
Aufsichtsratsvorsitzender war inzwischen der hochangesehene ehemalige Ruhr-Manager Ernst-Wolf Mommsen. Der Kanzler-Freund schaffte es noch, trotz der miesen Lage des Konzerns am 13. Juli 1978 eine 50-Millionen-Bürgschaft in Bonn loszuschlagen.
Die Bonner waren nicht die letzten, die in der BuM-Affäre geleimt wurden. Im Oktober vorigen Jahres sorgten die Hausbanken des Bau-Unternehmens durch Ausgabe neuer Aktien für einen Kapital-Stoß. Unter Führung der West LB, einer öffentlich-rechtlichen Bank, wurden 63 Millionen Mark aufgebracht.
Die Landesbank hätte damals wissen sollen, wie schlecht es um das Bau-Unternehmen stand. Dennoch köderten die Banker neue Aktionäre mit einem verheißungsvollen Prospekt-Text: »Nachdem die Probleme der Vergangenheit im Abschluß des Jahres 1977 hinreichend Berücksichtigung gefunden haben«, hieß es da, »wird sich das Ergebnis im Jahre 1978 gegenüber dem Vorjahr verbessern.«
Ein halbes Jahr später ließ die West LB Beton- und Monierbau endgültig fallen. Jene, die von der Bank geködert worden waren, sehen sich nun getäuscht und wollen die Bank auf Schadensersatz verklagen.
»Die Verschleierungen in dem BuM-Börsenprospekt«, so der Düsseldorfer Wirtschaftsjurist Harry Ehricke in seinen Klageschriften für diverse BuM-Aktionäre, »sind für mich die größten Bilanz-Manipulationen der deutschen Nachkriegszeit.«