Landwirtschaft Fauler Raps
Das Saatabenteuer endete mit einer Katastrophe. Sieben Monate nachdem Bauernverband und Landwirtschaftskammer dem Nordstrander Landwirt Erich Deusen eine neue Rapssorte aufgenötigt hatten, mußte er 30 Hektar faulende oder miserabel angegangene Ölpflanzen wieder umpflügen. Verlust: rund 40 000 Mark.
Wie dem nordfriesischen Landmann ("Wir fühlen uns vom Bauernverband im Stich gelassen") erging es in den letzten Monaten Tausenden von Landwirten, die sich von ihren Standesvertretern unter anderem die angebliche Wundersorte »Lesira« aufschwatzen ließen.
Mit der Empfehlung, in der Bundesrepublik nur noch erucasäurearme Rapssorten zu verwenden, folgten Behörden und Verbände einem Wunsch der Margarineindustrie, die das Öl traditioneller Rapssorten für gesundheitsschädlich hält. In Tierversuchen wurde nämlich nachgewiesen, daß die in hoher Konzentration gefährliche Säure »Herz-, Leber- und Nierenerkrankungen auslöst« und selbst »die Zeugungsfähigkeit beeinträchtigt«.
Die größte Rapserzeugernation der Welt, Kanada, hatte sich deshalb schon 1970 für erucasäurearme Rapssorten entschieden. Nach und nach folgten auch andere Regionen, vor allem die europäischen Haupterzeugerländer Schweden und Frankreich.
Um die Rapsrevolution auch deutschen Bauern nahezubringen, wurden in der Bundesrepublik zunächst Meldungen verbreitet, nach denen auch deutsche Ölmühlen 1975 keine alten Rapssorten mehr annehmen würden. Gleichzeitig drohten Experten, die EG würde die Preise der alten Rapsqualitäten 1975 nicht länger hoch halten. Diesen sogenannten Interventionspreis erhalten die Bauern, wenn sie ihren Raps auf dem Markt zu einem höheren Preis nicht absetzen können.
Freilich blieben viele Landwirte dennoch mißtrauisch, zumal Erucasäure auch in der Industrie benötigt wird: bei der Stahlerzeugung zum Beispiel als Härtemittel, in der Raketentechnik als Schmierstoff. Großabnehmer ist jedoch die Waschmittelindustrie, weil sie die Säure als Schaumbremser verwendet. Allein die Firma Henkel in Düsseldorf hat für ihre Waschmittelproduktion einen Jahresbedarf von 60 000 Tonnen Raps, was nahezu einem Viertel der gesamten deutschen Rapsproduktion entspricht. Verträge mit der Waschmittelindustrie verhinderten denn auch die Sortenumstellung in Bayern und Baden-Württemberg.
Um so größer waren die Erfolge der Funktionäre in Norddeutschland, wo auf einem »Rapstag« letzte Zweifel in Erträge und Winterfestigkeit der neuen Sorten überspielt wurden. Erinnert sich der Dazendorfer Rapsexperte Klaus Froeschle: »Das Präsidium in Eckernförde hatte die Rollen so gut verteilt und die Mikrophone so fest in der Hand, daß die Opfer, die praktischen Landwirte im Saal, auf verlorenem Posten standen.« Zur Eile drängte auch die mit Bauerngeldern finanzierte Centrale Marketinggesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft (CMA), die für die Rapsreform seit 1971 gemeinsam mit Industrie und Forschung jährlich rund 500 000 Mark verpulvert hatte.
Die Werbung erzeugte schließlich ein so hektisches Klima, daß in Norddeutschland kein Züchter und Vermehrer wagte, Saatgut alter Rapssorten zu verkaufen.
Um so größer war der Schock, als sich wenige Monate später herausstellte, daß die neuen Sorten noch nicht genügend erprobt waren. So mußten in Schleswig-Holstein, wo 55 Prozent der deutschen Rapsschläge liegen, in einzelnen Landesteilen bis zu 60 Prozent der Anbaufläche umgepflügt werden.
Doch selbst dort, wo die neuen Saaten besser aufgingen, ist laut Hans Friederichsen, Vorsitzender des Kreisbauernverbandes Oldenburg und langjähriges Mitglied des beratenden EG-Kommissions-Ausschusses für Öle und Fette, mit weiteren Verlusten zu rechnen. Großflächenversuche in Friederichsens ostholsteinischer Rapsanbaugemeinschaft haben nämlich ergeben, daß die neuen Sorten zu einem Kornminderertrag von 4,5 Doppelzentnern je Hektar führen und obendrein 2,5 Prozent weniger Öl enthalten.
Der Ölverlust trifft die Landwirte hart, weil der EG-Interventionspreis für Raps nur bei einem Ölgehalt von mindestens 42 Prozent bezahlt wird. Die neuen deutschen Rapszüchtungen erreichen dagegen nur einen Ölgehalt von 38 bis 39 Prozent.
Um die verärgerten Bauern zu besänftigen, suchen Züchter und Verbandsfunktionäre derzeit nach Erklärungen für den Reinfall. Schuld an der Rapsmisere sind danach weniger die in Deutschland »nicht hinreichend bearbeiteten Neuzüchtungen«, sondern die außergewöhnlich schlechte Witterung. Der Direktor des Instituts für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung an der Universität Göttingen, Professor Gerhard Röbbelen (Spitzname: »Rapsprofessor"), fand schließlich einen weiteren Grund: »den anhaltenden Zuflug von Erdflöhen«.
Inzwischen wurde der Wissenschaftler von Praktiker Froeschle allerdings belehrt: »Der dem Professor so willkommene Erdflohkäfer spielt in der Marsch keine Rolle.«
Als probates Rezept gegen rebellierende Bauern wollen die Standesvertreter jetzt wieder einmal die Brüsseler EG-Kasse benutzen. Auf Bitten des Deutschen Bauernverbandes stellte das Bundesernährungsministerium bei der EG-Kommission bereits den Antrag. den vorgeschriebenen Ölgehalt bei der Raps-Intervention auf 39 Prozent zu senken. Nach bewährter Agrar-Praxis soll den Bauern außerdem noch ein Qualitätszuschlag für erucasäurearmen Raps gewährt werden.