Fehlprognosen: Analysten noch schlimmer als Wetterfrösche - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Fehlprognosen Analysten noch schlimmer als Wetterfrösche

Vernichtend fällt das Urteil von Marktbeobachtern über die Zunft der Börsen-Analysten aus. Die wiederum schieben die Schuld auf die Medien.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Im turbulenten Börsenjahr 2000 sorgten eklatante Fehlprognosen von Analysten für Ernüchterung bei Anlegern und Beobachtern. Insbesondere der überraschende Kursrutsch, der im Frühjahr begann, festigte den Eindruck, dass die Analysten den Marktbewegungen oft nur folgen, statt sie vorherzusagen.

"Analysten liegen mit ihren Prognosen oft schlechter als die Wettervorhersage", lautet das harte Urteil von Wolfgang Gerke vom Börsen-Lehrstuhl der Universität Erlangen-Nürnberg. Gerke beruft sich auf eine Untersuchung zu Prognosen von 1999. Dieses Jahr seien sogar "eher mehr Fehlprognosen" abgegeben worden. Tatsächlich gab es bisher kaum ein Jahr, in dem die Experten so plötzlich optimistische Einschätzungen gegen pessimistische tauschen mussten.

Gerke wirft den Finanzexperten vor, nur unzureichende Betrachtungen zu liefern. "Ein Analyst muss mir zu Chrysler oder den Haffa-Brüdern einfach mehr sagen, als ich bisher schon gehört habe", verlangt Gerke. Die Probleme bei DaimlerChrysler und dem Münchner Filmrechtehändler EM.TV etwa hätten sie zumindest teilweise vorhersehen müssen.

Schlecht informiert und getrieben vom Eigeninteresse?

Ulrich Hocker, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) sieht einen Teil des Problems in der durch den Aktienboom rapide gestiegenen Zahl von Analysten: "Das ging häufig zu Lasten der Qualität."

Aktionärsschützer warnen zudem vor allzu blindem Vertrauen in Analysten, die fast immer auch Beschäftigte von Banken sind. "Man sollte sich bewusst machen, dass auch Analysten interessengebunden arbeiten", sagt Reinhild Keitel von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK). Anleger müssten "immer im Auge behalten, dass die Banken mit ihren Investmentabteilungen selbst am Markt tätig sind und bei Börsengängen von Unternehmen für die Betreuung engagiert und bezahlt werden".

Analysten-Vereinigung: Die Medien sind schuld

Die Deutsche Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management (DVFA) weist Vorwürfe fehlender Unabhängigkeit entschieden zurück. Es gebe Standesrichtlinien, die Interessenkonflikte ausschließen sollen, sagt Geschäftsführerin Ulrike Diehl. Verstöße würden von einem Schiedsgericht mit scharfen Sanktionen geahndet. Im kommenden Jahr werde das Regelwerk nochmals überarbeitet.

Der wesentliche Grund für die Analystenschelte sei vielmehr ein Missverständnis, sagt Diehl: Denn die Zitate in der Presse gäben die Analystenmeinung oft nur unzureichend wieder. "Die Verdichtung der Prognosen in den Medien ist unverantwortlich", klagt die DVFA-Vertreterin. "Das sind manchmal nur noch Piktogramme der ursprünglichen Research-Berichte." Anleger erlägen oft dem Irrglauben, sie könnten aus solchen Ausrissen kurzfristige Anlage-Tipps ableiten. Tatsächlich bezögen sich die Angaben meist auf Zeiträume von sechs Monaten oder einem Jahr.

"Jeder ist sich selbst der beste Analyst"

Aktionärsschützer haben einen einfachen Rat: Privatanleger sollten sich ebenso wie die Profis nie nur auf eine Analystenmeinung verlassen und müssten für ein umfassendes Bild auch die Geschäftsberichte und andere kursrelevante Veröffentlichungen ihrer Unternehmen studieren. Hocker: "Letztlich muss sich jeder Privatanleger selbst der beste Analyst sein."