Schreibwaren Feine Risse
Auf ihr Spitzenprodukt sind die Manager von Montblanc ganz schön stolz. »Meisterstück« haben sie ihre teuerste Füllhalterserie getauft; sie erwähnen das zigarrenförmige Schreibgerät am liebsten in einem Atemzug mit so wohlklingenden Namen wie Rolex und Rolls-Royce.
Das war zumindest zeitweise etwas unangebracht. »Es war, als ob Rolls-Royce profillose Reifen aufmontiert hätte«, sagt ein Londoner Schreibwarenhändler fassungslos. Das Meisterstück, so klagten Kunden, kann die Tinte nicht halten - es kleckst.
Die Nachricht, von der International Herald Tribune prominent verbreitet, kam der Hamburger Firma denkbar ungelegen. Gerade der teuren Meisterstück-Serie verdankt die lange Jahre eher erfolglose Traditionsfirma ihren internationalen Erfolg. Zum Umsatz von rund 160 Millionen Mark tragen die Meisterstücke, ergänzt durch ähnlich erlesene Kugel- und Filzschreiber, schon zu mehr als 60 Prozent bei, Tendenz weiterhin stark steigend.
Das Design des Erfolgsfüllers hat antiquarischen Wert. Die Hamburger Simplo Füllfeder Gesellschaft hatte im Jahr 1924 den Vorläufer des Meisterstücks entwickelt.
Daß dieses wuchtige Schreibzeug sich Jahrzehnte später zum Prestigeprodukt entwickelte, hat viel mit cleverem Marketing zu tun. Vor allem aber war Glück im Spiel.
Als der britische Luxuswaren-Konzern Dunhill 1977 bei dem Hamburger Traditionsunternehmen Montblanc einstieg, sah der Firmenkauf nach einem Fehlgriff aus. Der Neuzugang brachte den britischen Pfeifenmachern jahrelang nur Verluste.
Da begann, Anfang der achtziger Jahre, die Renaissance des Füllfederhalters. Statusbewußte Individualisten wandten sich von Kugelschreibern und Filzstiften ab und griffen zur Feder, möglichst einer goldenen.
Seither konzentriert sich Montblanc zunehmend auf die alte Meisterstück-Serie. Die edlen Tinten-Stifte kosten, in der einfachen Version, mehr als 200 Mark, in der massiv-goldenen Ausführung ist das protzige Prunkstück für rund 8000 Mark zu haben. Bei solchen Preisen wird kräftig verdient.
Die Füller werden in aufwendiger Handarbeit gefertigt. Versuche, bei der Herstellung des »im Grunde antiquierten Produkts«, so Montblanc-Sprecher Hans-Gerhard Polenz, moderne Technik einzusetzen, gab es immer wieder. Es ging nicht darum, Kosten zu sparen - das hat ein Unternehmen, das fast jeden Preis verlangen kann, nicht unbedingt nötig. Es ging vielmehr darum, die Produktion zu erhöhen.
Einer dieser Versuche war offensichtlich fehlgeschlagen. Das Vorderteil des Meisterstücks wurde verändert, ein neues Dichtungsmittel verwendet.
Doch dieses Vorderteil zeigte plötzlich feine Risse, auch das Dichtungsmittel erwies sich nicht als solches - das Meisterstück leckte. Nun sind einige der Kunden »extrem verärgert«, erzählt Peter Woolf, ein Londoner Händler.
Die Hamburger Montblanc-Manager wollen davon nichts gehört haben. Vor drei Jahren habe es einmal Probleme mit Leckagen gegeben, räumt Polenz ein, damals sei eine Serie schiefgelaufen. Die freimütigen Erklärungen eines Mitarbeiters, der über die feinen Risse plauderte, seien »aus dem Zusammenhang gerissen«. Die beanstandeten Füller wurden zurückgenommen und umgetauscht, das Produktionsverfahren ist wieder geändert.
Inzwischen hat die Füllerfirma ein neues modernes Werk am Hamburger Stadtrand bezogen. Es soll eine weitere Ausdehnung der Produktion ermöglichen - mit guter alter Handarbeit. f